Jetzt hat sie auch noch Apfelsinen verboten. Laure Veyradier, Chefin der Bohrinsel „Elgin“ mitten in der Nordsee auf halbem Weg zwischen Schottland und Norwegen, mag zwar Südfrüchte. Aber seit einige Plattform-Arbeiter mit Injektionsnadeln Wodka in die Orangen gepumpt haben, ist Schluss. Das Obst darf jetzt nicht mehr im Handgepäck auf die Insel.

Für das Leben auf der Nordsee-Plattform gelten äußerst strenge Regeln, weil der kleinste Fehler Leben kosten kann. Täglich Tausende Tonnen Erdgas oder Rohöl sind eine hoch explosive Mischung. Hohe Temperaturen und hoher Druck in den Rohrleitungen bergen höchste Gefahr. Für die Mannschaft gilt: Absolutes Alkoholverbot, kein eigenes Handy und außer TV kaum Abwechslung. Wer dadurch aggressiv wird und einen handfesten Streit anzettelt, fliegt sofort von der Bohrinsel.

Die Förderkosten

Ölförderung in der Nordsee ist ein hartes Geschäft. Das gilt für die Arbeiter, und das gilt inzwischen auch für die Konzerne. Noch holen zwar BP, Shell, Exxon und Total täglich gut drei Millionen Barrel Öl und Erdgas aus dem britischen Teil des Meeres, aber der Höhepunkt ist längst überschritten. Großbritannien wird dieses Jahr erstmals mehr Erdgas importieren als selbst fördern, weil der Verbrauch steigt und die eigene Produktion auf See abnimmt.

Rund 37 Milliarden Barrel Öl und Erdgas haben die Arbeiter bereits aus der britischen Nordsee gefördert, weitere 25 Milliarden Barrel sollen maximal noch unter dem Meer liegen. „Wir sind jetzt in der zweiten Hälfte der Nordseeförderung angelangt. Am Ende werden die Kosten und die Technologie darüber bestimmen, wie lange wir hier bleiben werden“, beschreibt BP-Manager Gunnar Jungk die Situation.

Die Kosten laufen den Ölmultis in der Nordsee aus dem Ruder. Hat vor drei Jahren eine Bohrausrüstung noch 250.000 Dollar am Tag an Miete gekostet, können die Ölkonzerne heute froh sein, wenn sie für 500.000 Dollar überhaupt eine bekommen. Die Konkurrenz um die Geräte ist groß. Die Ölkonzerne mieten sie tageweise von Unternehmen wie Halliburton, Schlumberger oder regionalen Anbietern. Weit vor dem ersten Tropfen Öl oder Erdgas fließt viel Geld in die Erschließung der Felder. Zwei Milliarden Pfund für ein Erdgasfeld wie „Elgin“ sind übliche Größen.

„Elgin“, der Name stammt von einem schottischen Dorf, ist eine komplette Raffinerie. Der 40.000 Tonnen schwere Koloss produziert täglich 15 Millionen Kubikmeter Erdgas und eine geringe Menge Ölprodukte. Von der Bohrinsel geht es per Pipeline an Land. Diese dicken Rohre liegen wie ein Spinnennetz auf dem Nordsee-Meeresboden. Die Ölkonzerne nutzen sie gemeinsam. Das hilft, um in dem Milliarden-Geschäft ein paar Millionen zu sparen.

Leben auf der Insel

Für die harte Arbeit auf der Plattform brauchen die Arbeiter nahrhafte Kost. Heute hat der französische Koch der „Elgin“ Steaks mit brauner Soße gebraten, davor gibt es Leberpastete und danach Schokoladenkuchen. Die Kalorien für die gut 120 Arbeiter sind gut investiert. Sie arbeiten zwölf Stunden, die meisten von sechs Uhr bis 18 Uhr, dann ist die Nachtschicht dran. Die Männer reparieren rissige Rohrleitungen, streichen frische Farbe auf rostiges Metall oder überprüfen die Kilometer langen Bohrgestänge. Das Jahresgehalt hier in Aberdeen beträgt etwa 50.000 Pfund, umgerechnet fast 75.000 Euro.

Die hohen Förderkosten lohnen sich für die Ölkonzerne, solange die Rohölpreise am Weltmarkt wie derzeit um die 60 Dollar je Fass pendeln. Nordsee-Öl wird nämlich zu Kosten von etwa 25 Dollar gefördert. Danach fängt das Geld verdienen an. Zuletzt lag der Ölpreis 2003 bei 25 Dollar. Da waren allerdings die Produktionskosten auch noch deutlich niedriger.

Ganz anders ist die Preis-Lage dagegen beim Erdgas. Hier ist das Niveau so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Der zuletzt milde Winter ist schuld daran. Dadurch ging die Nachfrage nach unten. Zudem drückt ein Überangebot den Preis, da Russland als Erdgas-Produzent immer stärker in den Markt drängt. Umgerechnet auf Öl-Einheiten kostet Erdgas etwa 22 Dollar je Fass.

Dieses Gemisch aus Kosten, Marktpreisen und trüben Zukunftsaussichten hat jedoch schon dazu geführt, dass kleinere Förderfirmen abwandern. Für neue Projekte ist es derzeit schwierig, ein Firmenkonsortium zusammen zu bekommen. Wer heute eine Bohrinsel hat, überlegt sich zweimal, wohin er sie schickt. In die Nordsee, um dort noch Reste herauszuholen? Oder nicht doch lieber nach Mexiko, Aserbaidschan oder Westafrika? Dort locken Öl- und Erdgasvorkommen, die viel größer sind und die sich einfacher fördern lassen.

Die technischen Herausforderungen hier auf der „Elgin“ sind außergewöhnlich. Aus 5600 Metern Tiefe holen die Arbeiter Erdgas heraus und das bei Temperaturen von 200 Grad Celsius und einem Druck von 1100 bar. Die Chemie-Ingenieurin Veyradier kennt die Materie aus ihrem Studium in Lyon. „Es hat eine Weile gedauert, bis meine Chefs begriffen hatten, dass ich wirklich auf eine Plattform wollte“, sagt sie. Aber dann haben die Herren in der Konzernzentrale in Paris ihr das doch zugetraut. In den nächsten Tagen rückt ein Reparatur-Trupp an, dann wird sie für mehr als 400 Männer und einige wenige Frauen verantwortlich sein. Die finden sich dann aber in der Kantine.

Ärger mit den Arbeitern gab es bislang für die Französin noch keinen. Einige von ihnen haben Hobbys und üben sich mit ihren starken Händen im Modellbau. Andere wieder trainieren im Kraftraum ihre Muskeln, damit die Tätowierungen im Nacken straff gespannt bleiben. „Die Arbeitsethik ist hervorragend“, sagt John Loy, der als Superintendent hier für die Sicherheit sorgt. Er hat sogar seinen Sohn, einen früheren Polizisten, zum Job auf der Bohrinsel überredet.

Personalmangel

Total kann froh sein, dass so viele Mechaniker kommen. Denn der Personalbedarf der Ölfirmen ist derzeit größer als das Angebot an Arbeitern. Deshalb musste Total zuletzt Zugeständnisse machen. Hatten die Plattform-Mitarbeiter bislang nach zwei Wochen auf der Bohrinsel wiederum zwei Wochen frei, sind es nun drei Wochen Freizeit. Diese neue Regel hatten kleinere Ölfirmen angeboten, um Personal anzulocken.

Nun setzt sich dies auch bei den Konzernen durch. „Wir haben den Arbeitern mehr Geld geboten, aber das wollten sie nicht. Sie wollten die drei Wochen“, sagt Total-Manager Brian O'Neill. Nur rund ein Drittel des Personals auf den Plattformen kommt von den Ölkonzernen selbst. Der Großteil sind Subunternehmer wie Nexen, Trans Ocean, Aker Kvaerner, Maersk oder KCA Deutag Drilling aus Deutschland.

Das Feld, in dem die „Elgin“ steht, ist langsam leer. Jetzt geht es nach West of Shetland - in ein unwirtliches Gebiet mit noch härteren Bedingungen für Mann und Material. Das Fördergebiet „Laggan“ soll von unbemannten U-Booten erforscht und später von ferngesteuerten Bohrplattformen aus erschlossen werden. „Dabei brauchen wir die Unterstützung der britischen Regierung. Denn hier sind gewaltige Investitionen notwendig“, sagt BP-Manager Jungk. Gemeint sind damit Steuererleichterungen. Unverholen drohen die Ölkonzerne damit, die Nordsee zu verlassen. „Wir geben immer mehr Geld für immer weniger Fördermengen aus. Da werden natürlich die Rahmenbedingungen wie die Unternehmensteuern immer wichtiger“, sagt der BP-Mann.

Denn mehr noch als über die Technik-Kosten regen sich die Ölmanager über den britischen Schatzkanzler auf. Gordon Brown hat unlängst dafür gesorgt, dass die Ölkonzerne rund 50 Prozent Unternehmensteuern zahlen, wohingegen andere Industriefirmen mit lediglich rund 30 Prozent relativ gut davonkommen. „Das ist Diskriminierung“, schimpft ein Total-Manager.

Allerdings helfen auch niedrigere Steuern nicht bei dem grundsätzlichen Problem: Öl und Ergas gehen in der Nordsee aus. „Es gibt zwei Szenarien. Das eine besagt, dass die Nordsee-Förderung auch im Jahr 2020 noch 40 Prozent des britischen Bedarfs abdecken wird. Und das andere geht davon aus, dass die Förderraten wie im Sinkflug fallen und wir 2020 nur noch eine halbe Millionen Barrel am Tag herausholen werden“, sagt ein britischer Öl-Manager, der nicht genannt werden möchte, weil niemand aus der Branche derzeit öffentlich schlechte Stimmung in dem rauen Umfeld verbreiten mag.

Raue Umgebung

Laure Veyradier wird sich in den nächsten 21 Tagen aus dieser unruhigen Umgebung zurückziehen. Sie wird wieder auf Reisen gehen. Denn einen Wohnsitz hat die eigenständige Frau nicht. Nicht in Frankreich, nicht in Großbritannien, nirgends. Eine Wohnung passt nicht in ihren Lebenswandel. „Das geht nur, weil ich Single bin“, entschuldigt sie sich fast.

Neulich hatte sie deshalb Probleme, ein Handy anzumelden. Der Netzanbieter in Frankreich wollte das Mobiltelefon nicht aus der Hand geben, solange die Managerin keine feste Adresse nachweisen konnte. Aber sie wisse ohnehin nicht, wo Total demnächst Arbeit für sie hätte, sagt sie. In wenigen Tagen fährt sie wieder nach Jordanien. Dort lernt sie Arabisch, auch in der Schrift. In einer Welt, die von Männern dominiert wird, kennt sie sich ja aus.