Die schwäbische Industriellenfamilie Merckle muss bei der Stabilisierung ihrer Firmgruppe einen herben Rückschlag hinnehmen. Völlig überraschend wird die Merckle-Tochter Ratiopharm im nächsten Jahr zahlreiche AOK-Mitglieder als Kunden verlieren und damit einen Umsatzrückgang hinnehmen müssen. Bei der neuen Runde der AOK-Rabattverträge mit Pharmaherstellern ist das Unternehmen nach eigenen Aussagen bei den vorläufigen Zuschlägen für 44 von 64 Wirkstoffen nicht berücksichtigt worden. „Grundsätzlich war es unser Ziel, einen Teil der Zuschläge zu erhalten, aber nicht um jeden Preis“, sagte Ratiopharm-Geschäftsführer Oliver Windholz. Auch wenn Ratiopharm kaum Auswirkungen auf Umsatz und Ergebnis erwartet, sehen Experten die Entscheidung der AOK als schweren Schlag an. Er könnte sich negativ auf einen möglichen Verkauf von Ratiopharm niederschlagen.
Firmengründer Adolf Merckle hat in den letzten Tagen Verhandlungen mit 30 Banken geführt, um das Firmenkonglomerat mit mehr als 100.000 Mitarbeitern zu stabilisieren. Ziel der Gespräche war es, einen Überbrückungskredit zu erhalten und anschließend die Merckle-Beteiligungen an Ratiopharm, HeidelCement oder Kässbohrer neu aufzustellen. In der Nacht zu Mittwoch sollten die Banken eine Entscheidung treffen, wie es mit der Firmengruppe weitergehen soll. Merckle und seine Familie zählen mit einem Vermögen von gut neun Mrd. Euro zu den reichsten Deutschen.
In den Gesprächen drängten Banken immer wieder auf den Verkauf von Ratiopharm, um durch die Einnahmen die Merckle-Schulden zu begleichen. Die AOK-Entscheidung stellt nun eine herbe Schlappe dar, weil nach Expertenmeinung der Kaufpreis niedriger ausfallen könnte. Zugleich droht der Unternehmensgruppe aber auch noch politischer Gegenwind aus Schweden. Die Regierung prüft derzeit ein Gesetz, demnach es eine klare Trennung zwischen Pharmaherstellern und Betreibern von Apothekenketten geben soll. Da Merckle mit Ratiopharm und Phoenix eine solche Konstellation besitzt, könnte der Druck zum Verkauf von Ratiopharm noch stärker werden. Es wäre ein Notverkauf, der sich zweifelsfrei auch im Verkaufspreis niederschlagen könnte. Auch innerhalb der Bundesministerien wird eine solche Trennung diskutiert.
Auslöser der Schieflage des Merckle-Imperiums sind zum einen Verluste durch Börsenspekulationen der Firmentochter VEW und Kötitzer Ledertuch- und Wachstuch-Werke. Allein die KLWA verkündete am Montag, dass 216 Mio. Euro Verlust aus Optionsgeschäften und dem Verkauf von Wertpapieren drohe. Zum zweiten drücken die Milliarden-Kredite durch die Übernahme des Baustoffriesen HeidelCement. Vor zwei Jahren sicherte sich Merckle die Mehrheit für knapp sechs Mrd. Euro.
Ein Großteil der Summe wurde durch Kredite finanziert und als Sicherheit Aktien des Baustoffriesen hinterlegt. Durch den Kursrutsch an den Börsen haben die Papiere deutlich an Wert verloren. Die Banken verlangen nun einen schnellen Schuldenabbau und mehr Sicherheiten, die die Familie derzeit aber nicht leisten kann. Merckle bot stattdessen private Vermögensteile an, teilte Merckle-Sohn Ludwig mit „Wir sind weiterhin bereit, gemeinsam mit den Banken in diesen schwierigen Zeiten eine Lösung für diese Finanzsituation zu erarbeiten.



