Im Schnitt verloren die Papiere der 42 Berliner Aktiengesellschaften im zu Ende gehenden Jahr 36,2 Prozent an Wert. "Alles in allem war das Börsenjahr 2008 auch aus Berliner Sicht katastrophal", sagt Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

Immerhin haben sich die Berliner Firmen damit besser geschlagen als die 30 Konzerne des Deutschen Aktienindex (Dax), der 2008 mehr als 40 Prozent im roten Bereich notiert. Im Dax ist seit der Übernahme von Schering durch den Konkurrenten Bayer kein Berliner Konzern mehr vertreten. Versuchsweise hat Morgenpost Online einen Berlin-Index entwickelt (siehe Grafik). Er bildet ab, wie sich diese 42 Aktien seit Jahresanfang im Schnitt geschlagen haben.

Lediglich fünf der 42 Berliner Aktien stehen Ende Dezember höher als noch im Januar, nämlich Stämme und Vorzüge des Zoologischen Gartens, der Mobilfunkdienstleister YOC sowie das mehrheitlich zum Vattenfall-Konzern gehörende Fernheizwerk Neukölln. Der Überflieger des Berliner Börsenjahres war jedoch die in der Invalidenstraße ansässige Biotech-Firma Jerini, deren Kurs sich weit mehr als verdoppeln konnte.

Verlierer sind in allen Branchen zu finden. Die dicksten Minus-Zeichen sind bei der Fluggesellschaft Air Berlin, beim Veranstaltungsorganisator Deutsche Entertainment, den Medienunternehmen Odeon Film und Senator sowie dem Solarmodule-Hersteller Solon zu verzeichnen. Auch Finanzwerte wie Hypoport, Quirin Bank oder Landesbank Berlin mussten ordentlich Federn lassen.

Den größten Verlust erlitten Anteilseigner der in der Uhlandstraße ansässigen Immobilienfirma Estavis. Von 1000 im Januar investierten Euro sind jetzt gerade einmal 100 Euro übrig. "Das ist eines der Unternehmen, die im letzten Boom offensichtlich zu teuer an die Börse gebracht wurden", kritisiert Kunert.

Zu geringe Kapitalausstattung

Neben der weltweiten Börsenkrise hat der Anleger-Schützer lokalspezifische Probleme ausgemacht: "Viele in der Stadt beheimatete Gesellschaften haben mit einer schwachen Kapitalausstattung zu kämpfen." Das schlage sich in der derzeitigen Situation, in der Kapital knapp und teuer wird, besonders schmerzlich nieder. Daher ficht es ihn auch nicht an, dass lediglich ein Drittel der Berliner Firmen eine Dividende zahlt. "In solchen Zeiten ist es mir lieber, die Firmen nehmen das Geld, um ihre Finanzpolster zu stärken, als dass sie übertrieben viel an die Anteilseigner ausschütten", sagt Kunert.

Für die Zukunft fordert der Anleger-Schützer mehr Transparenz und kritische Aufmerksamkeit der Aktionäre. Dies könne zum Beispiel auch durch einen Index erreicht werden, der alle Aktien der großen in Berlin ansässigen Unternehmen enthalte.

Die Berliner Börse, die ein solches Berliner Aktienbarometer entwickeln könnte, steht dem derzeit allerdings skeptisch gegenüber. "Es gibt zu wenig große Werte, deren Heimatbörse die Berliner ist", sagt Jörg Walter, Vorstand der Börse Berlin. Tatsächlich weisen viele börsennotierte Firmen der Stadt nur einen geringen Marktwert auf. Lediglich drei Unternehmen überschreiten die Milliardengrenze: die Landesbank Berlin, die Berlin-Hannover Hypothekenbank sowie der Medienkonzern Axel Springer, bei dem auch diese Zeitung erscheint. Die Papiere der Landesbank Berlin und der Berlin-Hannover Hypothekenbank befinden sich in den Händen großer Mutterkonzerne, so dass nur wenige Aktien überhaupt an der Börse gehandelt werden. Dagegen haben 36 Berliner Firmen eine Kapitalisierung von weniger als 100 Mio. Euro. Das ist die Schallmauer, die durchbrochen werden muss, ehe sich große Investoren einen Titel näher anschauen.