Die Stunde seines Triumphs wird Luqman Arnold nicht miterleben. Monatelang hatte der frühere Chef der UBS für tief greifende Neuerungen in der Schweizer Großbank gekämpft. Auf der heutigen außerordentlichen Hauptversammlung wird über einen Großteil seiner Forderungen entschieden. Doch Arnold, inzwischen Chef des Hedgefonds Olivant und drittgrößter Aktionär der UBS, wird nicht dabei sein. Er kann weder ans Rednerpult treten noch abstimmen. Denn Arnold ist das passiert, was einem Kleinaktionär auch widerfahren kann: Er hat seine Anteilscheine verlegt. Nur dass es bei ihm um UBS-Aktien im Wert von 1,5 Mrd. Schweizer Franken (953 Mio. Euro) geht.
"Wir wissen nicht, wo sich diese Aktien befinden und wer sie hat", sagte ein ziemlich ratloser Arnold dem Schweizer "Tages-Anzeiger". Sein einziger Trost: Schuld an dem Malheur ist nicht seine Schlampigkeit, sondern die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. Dort waren die Aktien hinterlegt - und nun sind sie verschollen.
Olivant steht mit diesem Problem nicht allein da. Nach Angaben aus Finanzkreisen sind auch Dutzende andere Hedgefonds betroffen. Sie sollen Aktien im Wert von 40 bis 50 Mrd. Dollar bei Lehman deponiert haben, auf die sie nun keinen Zugriff mehr haben. Grund ist die besondere Beziehung von Hedgefonds zu ihrer Haus-Investmentbank, dem sogenannten Prime Broker. Dieses Haus gibt den Fonds Kredite, um damit Aktien zu kaufen, und bekommt als Sicherheit dafür in der Regel diese Wertpapiere verpfändet. Die Unternehmensanteile liegen dabei nicht einfach im Schließfach: Die Fonds erlauben der Bank, damit zu arbeiten, um zusätzliche Gewinne zu machen - die Aktien also zwischendurch beispielsweise zu verleihen. Unter der Maßgabe freilich, dem Hedgefonds das Aktienpaket zum Tag X wieder zur Verfügung zu stellen.
Doch ehe dieser Tag für Arnolds UBS-Aktien gekommen war, war Lehman pleite. Die Investmentbank war einer der größten Prime Broker der Welt. Nun sind die Anteilscheine der Hedgefonds Teile der Insolvenzmasse, über die der Verwalter PricewaterhouseCoopers wacht - oder aber sie befinden sich ganz woanders in den Weiten des Finanzsystems, weil Lehman damit gehandelt hat. Deshalb rätselt man bei Olivant noch, ob die Aktien nur für ein paar Wochen oder Monate nicht verfügbar sind oder ganz verloren. "Dies ist die erste Pleite eines Prime Brokers, keiner hat mit so etwas Erfahrung", heißt es im Umfeld von Olivant. Im schlimmsten Fall hätten die Hedgefonds Milliarden verloren.
Bei Olivant versucht man schon einmal zu beschwichtigen. Da die UBS-Aktien größtenteils auf Pump gekauft waren, beliefe sich der Verlust für den Hedgefonds nur auf einen Bruchteil von 1,5 Mrd. Franken. Doch die UBS-Führung um den neuen Verwaltungsratspräsidenten Peter Kurer wäre in diesem Fall einen ihrer schärfsten Kritiker auf unverhoffte Weise losgeworden. Schließlich geht es vor allem auf Arnolds öffentliche Attacken zurück, dass die Vertrauten des früheren UBS-Herrschers Marcel Ospel heute aus dem Verwaltungsrat verbannt werden sollen. Außerdem hat der Hedgefonds-Manager dafür gesorgt, dass wieder einmal über eine Trennung von Investmentbanking und Vermögensverwaltung diskutiert wird. Dem gebeutelten Kurs der UBS-Aktie könnte das alles guttun - doch Arnold wird davon womöglich nicht mehr profitieren. Das dürfte ihn mehr schmerzen als eine verpasste Hauptversammlung.



