Konjunktureinbruch

Autoindustrie trifft Abschwung besonders hart

Die Finanzkrise wächst sich zu einer handfesten Wirtschaftskrise aus: Sowohl Regierung als auch Unternehmen rechnen nicht mehr damit, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr noch nennenswert wächst. Morgenpost Online listet auf, welche Branchen besonders schlimm betroffen sind.

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Es sei nicht sinnvoll, Horrorszenarien zu entwerfen, sagte Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) bei der Vorstellung seiner Konjunkturprognose in Berlin. Dennoch ist er davon nicht mehr weit entfernt. Nur noch 0,2 Prozent Wachstum traut die Regierung der deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr zu. Das käme einem Stillstand gleich. Ein wenig optimistischer ist der Deutsche Industrie- und Handelkammertag (DIHK), der immerhin noch ein Plus von 0,5 Prozent erwartet.

Dass die deutsche Wirtschaft mit ihren Sorgen weltweit nicht alleine dasteht, ist in diesem Fall alles andere als ein Trost. Denn die Firmen hängen stark vom Geschäft mit dem Ausland ab. Und davon ist im kommenden Jahr nicht mehr viel zu erwarten. Laut einer Umfrage von Morgenpost Online rechnen die Unternehmen in vielen Branchen mit teils heftigen Auswirkungen der Krise auf ihr Geschäft. Selbst im deutschen Maschinen- und Anlagenbau, der als eine der wichtigsten Branchen eine Stagnation erwartet, haben Firmen bereits Sparprogramme aufgelegt und angekündigt, Mitarbeiter zu entlassen.

Hart wird es insbesondere die deutschen Autohersteller und ihre Zulieferer treffen. „Die Auswirkungen der Finanzmarktkrise und das sich weltweit eintrübende konjunkturelle Umfeld verschärfen die ohnehin schwierigen Marktbedingungen für die Automobilindustrie. Viele Verbraucher sind verunsichert und stellen ihre Kaufentscheidung für einen Neuwagen derzeit zurück“, sagte Matthias Wissmann, Präsident des Branchenverbands VDA.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der DIHK in seiner Herbstumfrage. Die Geschäftserwartungen der befragten 25.000 Unternehmen fielen per saldo so schlecht aus wie seit dem Frühsommer 2003 nicht mehr. Zwar rechnet knapp mehr als die Hälfte von ihnen mit einem gleichbleibenden Geschäft. 27 Prozent erwarten allerdings eine Verschlechterung. Dass sich die Lage verbessert, glauben nur 18 Prozent.

Damit ist erstmals seit drei Jahren der Anteil der Pessimisten wieder größer als der der Optimisten. „In diesem Stimmungsbild spiegeln sich die ohnehin erwartete Konjunkturabkühlung sowie ein hohes Maß an zusätzlicher Verunsicherung wider“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Überdurchschnittlich gut ist die Lagebeurteilung in der Industrie, deutlich schlechter hingegen im Handel. Immerhin deute sich trotz der Finanzkrise derzeit keine Kreditklemme für die Unternehmen an. Lediglich zwei Prozent der befragten Firmen werde derzeit ein Darlehen verwehrt.

Zwar blieb der Arbeitsmarkt bislang von den Auswirkungen der Finanzkrise weitgehend verschont. Erstmals seit 16 Jahren dürfte die Zahl der Arbeitslosen im Oktober wieder unter drei Millionen fallen. Doch dies dürfte dann für lange Zeit auch die letzte gute Nachricht gewesen sein. Denn in den kommenden Monaten rechnet der DIHK mit einem Ende des Beschäftigungsaufbaus. So habe die Bereitschaft der Firmen, Stellen zu schaffen, deutlich abgenommen. Aber mit Entlassungen in großem Stil sei dennoch nicht zu rechnen: „Es spricht viel dafür, dass die Beschäftigungssituation in den Unternehmen insgesamt nahezu stabil bleibt“, sagte Wansleben. „In ähnlichen Konstellationen der Vergangenheit war die Neigung zum Beschäftigungsabbau höher.“

Ein Grund dafür ist der drohende Fachkräftemangel. „Die Firmen haben im Aufschwung gemerkt, wie schwierig es mittlerweile ist, gute Mitarbeiter zu bekommen. Entlassungen werden sie daher so lange wie möglich hinauszögern“, sagte Konjunkturchef Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Der DIHK verweist auch auf die höhere Wettbewerbsfähigkeit der Firmen, die sich nun besser in der Lage sähen, eine konjunkturelle Durststrecke zu meistern.

In den Export sollte man laut DIHK im kommenden Jahr keine zu großen Hoffnungen mehr setzen. Nicht nur in Westeuropa dürften wichtige Absatzmärkte stagnieren, auch die Dynamik aufstrebender Märkte in Mittel- und Osteuropa, Asien sowie Lateinamerika erleide Dämpfer, heißt es in dem Bericht. Nach einem Plus von fünf Prozent in diesem Jahr dürfte der Außenhandel nur noch um 2,2 Prozent zulegen.

Zwar haben die Firmen der Industrie- und Handelskammer zufolge ihre Investitionen noch nicht nennenswert zurückgefahren. Die Investitionstätigkeit sei insbesondere im Baugewerbe noch rege, sagte Wansleben. Dagegen bleibe der private Konsum angesichts der hohen Preissteigerungen verhalten. Auch wichtige Auslandsmärkte wachsen laut DIHK langsamer. „Das Exportgeschäft kann die Konsumschwäche nicht mehr ganz so gut ausgleichen wie in den letzten Jahren“, sagte Wansleben. Die geringeren Wachstumsraten in wichtigen Exportländern wie Großbritannien, Italien und Frankreich schlagen sich demnach auch in einer schwächeren Nachfrage nach deutschen Produkten nieder. Dies belaste insbesondere Unternehmen der Investitionsgüterindustrie.

Zwar dürften die Firmen auf der Kostenseite mittlerweile auch eine gewisse Entspannung spüren. So hat sich der Ölpreis von seinem Höchststand im Sommer auf etwa 70 Dollar pro Barrel (159 Liter) halbiert. Und auch der Euro hat gegenüber dem Dollar wieder an Wert verloren. Diese jüngste Abwertung mache sich allerdings erst verzögert bemerkbar, da viele Unternehmen Absicherungsgeschäfte betrieben hätten. „Nachdem alte Kurssicherungsgeschäfte ausgelaufen waren, wurden neue Abschlüsse teurer“, schreiben die DIHK-Experten.

Was die einzelnen Branchen erwarten

Maschinenbau

Der Maschinen- und Anlagenbau war mehr als fünf Jahre einer der wichtigsten Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft. Und auch als die konjunkturelle Abkühlung immer sichtbarer wurde, schlugen sich die deutschen Firmen noch wacker. Sie profitierten vom hohen Ölpreis – denn die Förderländer nutzten die Petrodollars und gingen weltweit auf Einkaufstour. Das sorgte für eine Sonderkonjunktur in der Maschinenbaubranche und dafür, dass die deutsche Wirtschaft im Vergleich zur britischen und französischen später in den Abwärtsstrudel geriet. Trotz Finanzkrise erwartet die Branche im laufenden Geschäftsjahr neue Rekordwerte. So soll etwa die Produktion um fünf Prozent zulegen. Damit dürfte 2008 das fünfte Aufschwungjahr in Folge werden.

Für 2009 hingegen sieht es schlechter aus. Der Branchenverband erwartet nach den Boomjahren nur noch eine Stagnation – allerdings auf einem weiterhin hohen Niveau. „Es gibt noch immer großen Nachholbedarf“, begründet VDMA-Konjunkturexperte Olaf Wortmann. Daher werde die Finanzkrise nicht zu einem dramatischen Einbruch bei den Investitionen führen, auch wenn die ersten Maschinenbauer, etwa Technotrans, Entlassungen ankündigen. Der Druckmaschinenhersteller will seine Belegschaft um 15 Prozent reduzieren.

Banken und Versicherungen

Banken und Versicherungen stehen im Zentrum der Finanzkrise: Etliche Kreditinstitute sind bereits ins Wanken geraten, und auch bei praktisch allen anderen Branchenvertretern brechen die Gewinne ein. Gerade im Investmentbanking führten die Bankenkrise und der weltweite Absturz der Börsenkurse bereits zu Entlassungswellen, allerdings hauptsächlich in den USA sowie in Großbritannien, dem Zentrum des Kapitalmarktgeschäfts in Europa. In Deutschland hingegen sieht sich insbesondere die Versicherungsbranche trotz erster Gewinnwarnungen noch gut aufgestellt. Die Banken mussten bereits die ersten Sparrunden verkünden, die allerdings nicht nur mit den Turbulenzen auf den internationalen Kapitalmärkten zu tun haben.

Allen voran die Landesbanken, etwa WestLB, BayernLB und SachsenLB, haben angekündigt, die Kosten deutlich zu senken. Betriebsbedingte Kündigungen wurden nicht ausgeschlossen. Allein bei der WestLB sollen bis Jahresende 1500 Stellen gestrichen werden. Doch auch die privaten Banken werden um Entlassungen nicht herumkommen, zumal ein allgemeiner Wirtschaftsabschwung das Firmenkundengeschäft belasten wird. Außerdem stehen nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank bis zu 9000 Stellen auf der Streichliste, das Gros davon in Deutschland. Bundesweit sollen 6500 Jobs wegfallen.

Autohersteller

Noch hält der deutsche Branchenverband VDA an seinen ohnehin ehrgeizigen Prognosen fest. Obwohl sich schon am Jahresanfang die ersten Krisenzeichen auch für die Autobranche verdichteten, prognostizierte der Verband, dass im laufenden Geschäftsjahr 3,2 Mio. Fahrzeuge neu zugelassen werden. Doch für Branchenbeobachter ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch diese Zahl nach unten korrigiert werden muss: BMW schockierte mit einer Gewinnwarnung, bei Opel in Bochum und Eisenach stehen die Bänder still, Ford in Saarlouis entlässt rund 200 Zeitarbeiter vorzeitig und bei Daimler in Sindelfingen werden die Weihnachtsferien früher beginnen als sonst. „Es ist unser generelles Ziel, die Fahrzeugbestände auf möglichst niedrigem Niveau zu halten“, sagt ein Daimler-Sprecher. VW lässt seine Töchter Seat und Skoda weniger Fahrzeuge fertigen. Lediglich von Porsche und Audi hört man – noch – nichts dergleichen.

Für Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen, steht längst fest: „Die Automobilbranche rast in die Rezession.“ Weltweit müsse sich die Autoindustrie auf drei harte Jahre einstellen, mit weitreichenden Folgen auch für die deutschen Hersteller: Von 750.000 Jobs gehen in den nächsten zehn Jahren rund 100.000 verloren.

Stahlindustrie

Bei den deutschen Stahlherstellern standen lange Zeit keinen Kürzungen bei den Investitionen oder der Belegschaft an, auch wenn Konkurrenten schon auf die sinkende Nachfrage reagierten. Weltmarktführer ArcelorMittal kündigte kürzlich an, die Produktion um bis zu 15 Prozent zu kürzen. Der britische Corus-Konzern wird wohl bald folgen.

Doch als erstes deutsche Stahlunternehmen kündigte Salzgitter nun an, Investitionen zu schieben: „Alles was verschiebbar ist, werden wir verschieben oder überlegen, es zu verschieben.“ Ausgenommen davon sind die Investitionen in Niedersachsen. Produktionskürzungen hingegen soll es nicht geben. Als Lieferant von hochpreisigen Premiumprodukten sieht sich Thyssen auf der sicheren Seite – noch.

Daher wird es auch keine Abstriche bei den wichtigsten Investitionsentscheidungen der Düsseldorfer geben: beim Bau der neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA. Zwar sind die Finanzplanungen inzwischen nicht mehr gültig, der neue Produktionsstandort in Alabama wird deutlich teurer als ursprünglich geplant. Doch ThyssenKrupp hält daran fest. Auch wenn sich das Wachstum verlangsamt hat, geht der deutsche Branchenverband auch für 2009 davon aus, dass es nicht zu einem Markteinbruch kommen wird.

Chemiebranche

Die Chemiebranche hat den konjunkturellen Abschwung als erstes zu spüren bekommen und klagt bereits seit zwei Quartalen darüber. Unternehmen wie die BASF verdienen derzeit vor allem mit solchen Sparten viel Geld, die nicht zum traditionellen Chemiegeschäft gehören. Bei den Ludwigshafenern ist es vor allem die Öl- und Gastochter Wintershall, die die Kassen füllt. Beim Konkurrenten Bayer sind es das Pharma- und das Pflanzenschutzgeschäft.

Das Chemiewachstum sei im Verlauf des Jahres merklich schwächer geworden, heißt es beim Arbeitgeberverband BAVC. Im Juli wuchs die Produktion im Vorjahresvergleich nur noch um 0,1 Prozent, im ersten Halbjahr nur noch um 0,6 Prozent. „Im zweiten Halbjahr wird sich das Wachstum in der deutschen Chemie weiter abflachen“, kündigte Ulrich Lehner, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), an. Um 5,5 Prozent soll die Branche in diesem Jahr wachsen, so die Prognose des Verbandes. Das wäre zwar ein deutlicher Rückgang gegenüber dem starken Vorjahr. Aber der Industriezweig würde trotzdem schneller wachsen als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Ob sich diese Prognose aber halten lässt, bezweifeln viele. Mit Spannung werden daher die Zahlen für das dritte Quartal erwartet. Erst danach wird mit möglichen neuen Sparrunden gerechnet.

Mitarbeit: Marco Dalan, Carsten Dierig, Sebastian Jost, Frank Seidlitz