Plötzlich ist das Gefühl wieder da, etwas verpassen zu können. Als gestern der Dax acht Prozent in die Höhe schoss, wurde so mancher steuersensible Anleger nervös: Denn sollte der Aktienmarkt jetzt zu einer Rallye durchstarten, wäre die letzte Gelegenheit verpasst, Ende 2008 noch mal billig Dividendenpapiere einzusammeln – ehe die Abgeltungsteuer zuschlägt.

Ab Anfang 2009 greift bei Dividendenpapieren und Investmentfonds eine völlig neue Steuerregelung. Kursgewinne müssen dann auch nach Ablauf von zwölf Monaten (der bisherigen Spekulationsfrist) mit dem Fiskus geteilt werden. Von jedem Euro, den die Kurse steigen, will Vater Staat dann 25 Prozent abhaben. Zuzüglich Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer beläuft sich der Obolus sogar auf rund 28 Prozent.


Der Unterschied ist beträchtlich. Wer erst im kommenden Jahr einsteigt, muss eine deutlich höhere Rendite erzielen, will er nach der Besteuerung das Gleiche herausbekommen. Eine einfache Rechnung macht dies deutlich. In der alten Steuer-Welt, sprich bei Investments bis Ende Dezember, dürfen zehn Prozent Kursgewinne nach zwölf Monaten Haltefrist vereinnahmt werden, ohne das Finanzamt zu beteiligen. In der neuen Steuer-Welt muss das gleiche Investment rund 40 Prozent mehr abwerfen, also um 14 Prozent steigen, damit nach Abzug der Abgeltungsteuer derselbe Ertrag herauskommt. Legt das Investment um 50 Prozent zu, müsste der Sparer mithin ab Januar rund 70 Prozent Kursgewinn erzielen. Anders gesagt: Nur wenn der Markt kommendes Jahr kräftig fällt und die Anleger es dann schaffen, zum Tiefpunkt einzusteigen, wäre es sinnvoll, mit dem Kauf zu warten.

Dabei ist es keineswegs sicher, dass sich diese tieferen Kurse 2009 überhaupt einstellen. Zwar wollen die Strategen der großen Banken nicht ausschließen, dass die globale Rezession die Börsen in den nächsten Monaten noch weiter zerzaust, doch könnte es – wie so oft bei Dax & Co. – auch ganz anders kommen.

„Das Jahr 2009 wird für Aktien deutlich besser, als alle erwarten“, sagt Joachim Paech, Vorstand bei der Investmentbank Silvia Quandt & Cie. AG. Es habe nur ein einziges Jahr in der neueren Geschichte gegeben, in denen die Börse ähnlich wie 2008 mehr als 40 Prozent verloren hat, nämlich 1931. Damals sei die Weltwirtschaft kollabiert. „Wenn die staatlichen Hilfsprogramme auch nur etwas Wirkung zeigen, werden wir eine Superrallye sehen“ Insgesamt belaufe sich die Staatsstütze auf zwei Billionen Dollar.


Mit seinem Optimismus ist Paech nicht allein. Die Geldhäuser, die jetzt bereits ihre Prognosen für das kommende Jahr vorgestellt haben, gehen trotz der miserablen Konjunkturerwartungen allesamt von steigenden Notierungen aus. Am optimistischsten sind die Experten der Helaba, die für Ende 2009 ein Dax-Ziel von 6200 Punkten ausgeben. Die US-Bank JP Morgan sieht das Börsenbarometer bis dann immerhin auf 5300 Zähler klettern. Selbst die als Pessimisten bekannten Auguren der WestLB halten auf Zwölfmonatssicht ein Plus von 9,3 Prozent für möglich.

Nach Ansicht der Strategen gibt es ein starkes zweites Argument für steigende Kurse: „Wirklich alle sind im Moment pessimistisch: die Firmen, die Fondsmanager, die Pensionskassen und die Privatanleger“, sagt Investmentbanker Paech. Sogar der Kassierer beim „Saturn“ stimme in den Chor der Kassandras ein: Noch nie hätten so viele Kunden des Elektrohändlers nur noch bar zahlen wollen. „Wenn so viel Aktien-Aversion im Markt ist, kommt häufig eine unerwartete, starke Gegenbewegung.“

Selbst jenseits aller Kaffeesatzleserei über die Kursentwicklung lohnt es, die Abgeltungsteuer zum Anlass zu nehmen, um die Vermögensgestaltung auf Vordermann zu bringen. Viele Bundesbürger haben einen Großteil ihres Ersparten auf dem Tagesgeld- oder Sparkonto liegen. Die Zinsen aber gehen 2009 unweigerlich zurück. Für die langfristige Vermögensbildung sind derartige Anlagen aber wenig geeignet. Sinnvoller sind gute Aktien- oder Mischfonds. Jedoch sollten Investoren Leidensfähigkeit mitbringen: Denn das Dümmste wäre, jetzt einzusteigen und dann im Frühjahr wieder rauszugehen, weil eine neue Verkaufswelle die Kurse nach unten reißt. In der Tabelle finden Leser bewährte Produkte oder innovative Indexfonds, die eines gemeinsam haben: die Investmentvehikel sind so konstruiert, dass Anleger sie über viele Jahre und Jahrzehnt im Depot haben können.

Die ETF-Aktienprodukte sowie die DB-Platinum-Fonds sind zudem so gebaut, dass auch auf die Dividenden keine Abgeltungsteuer anfällt. Etwas risikobereitere Naturen halten sich an reine Aktienfonds. Konservative Sparer setzen auf Mischfonds, die die Schwankungen von Dividendenpapieren durch Anleihen abfedern.