Den Traum vom eigenen Friseurgeschäft haben sich Reshat Salja und Jozef Duhanaj erfüllt. Vor einem halben Jahr machten sich die jungen Männer selbstständig und eröffneten in Düsseldorf einen Salon. „Ein Grund dafür war sicher, dass man besser verdienen kann“, sagt Salja. So wie die beiden 24-Jährigen denken viele vor allem jüngere Friseure. Die Zahl der Betriebe in dem Gewerbe nimmt seit Jahren stetig zu – die der Beschäftigten dagegen ab. Die Gehälter angestellter Friseure schwanken bundesweit extrem, Tarifverträge sind oft veraltet, die Schwarzarbeit boomt. „Wir sind eine Branche mit richtigen Strukturproblemen“, sagt Joachim M. Weckel, Justiziar beim Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) in Köln.
Der Verband zählte 2007 insgesamt 74.081 Friseurgeschäfte – 2,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Mitarbeiter ging um 2,7 Prozent auf etwa 205.000 zurück – für den Friseurverband ein Zeichen, dass es in dem Beruf immer mehr Kleinselbstständige gibt. Ausnahmeregelungen in der Handwerksordnung erleichtern dies. So ist der Meisterbrief nicht mehr unbedingt Voraussetzung für die Selbstständigkeit, sondern es genügt zum Beispiel auch eine mehrjährige Berufserfahrung als Geselle.
Nach ZV-Schätzungen gibt es etwa 20.000 Friseur-Kleinstbetriebe. Dem Verband ist dies ein Dorn im Auge. Denn viele davon seien nach der Kleinunternehmerregelung von der Umsatzsteuer befreit, sagt ZV- Präsident Andreas Popp. „Sie haben oft weder Auszubildende noch Angestellte und somit weniger Kosten.“ Dadurch könnten sie Dienstleistungen viel billiger anbieten als mittelständische Unternehmen und machten diesen damit „unfaire“ Konkurrenz.
Sorge um den Berufsstand
„Die Kleinen machen die Preise kaputt“, klagt auch der Obermeister der Kölner Friseur-Innung, Mike Engels. „Es gibt eine unheimliche Flut von Einzelunternehmen, aber immer weniger Firmen, die den Berufsstand hochhalten.“ Der Dortmunder Obermeister Frank Kulig sieht die immer größer werdende Konkurrenz zwar auch mit Sorge, teilt die Kritik des ZV aber nicht. „Als junger Mensch ist man eben nicht in der Lage, gleich einen großen Betrieb zu gründen“, sagt er. „Man muss diesen Kollegen eine Chance geben, schließlich haben wir viele von ihnen auch ausgebildet.“ Er sieht eher eine Gefahr in den Billig- Ketten, die sich vor allem in größeren Städten rasant ausbreiten und mit Preisen von unter zehn Euro für einen Haarschnitt werben.
Die Kunden profitieren von dem starken Wettbewerb. Preiserhöhungen seien im Friseurgewerbe kaum durchzusetzen, sagt ZV-Justiziar Weckel. „Die Kunden wechseln dann nicht unbedingt den Laden, sondern sie kommen einfach seltener.“ Frauen gehen statistisch gesehen noch 5,2 Mal im Jahr zum Friseur, Männer 6,85 Mal. Und: „39 Prozent der deutschen Bevölkerung gehen überhaupt nicht zum Friseur“, berichtet Weckel. Sie ließen sich wohl privat die Haare schneiden – entweder „selbst gemacht“ oder „schwarz“. Der Gesamtumsatz der Branche von schätzungsweise rund fünf Milliarden Euro könne um bis zu ein Viertel höher liegen – wenn er nicht durch Schwarzarbeit verloren ginge, meint Weckel.
Dass Schwarzarbeit bei Friseuren besonders verbreitet ist, erscheint Brancheninsidern angesichts der mancherorts gezahlten Löhne nicht verwunderlich. Während in Westdeutschland nach Angaben der Gewerkschaft ver.di noch „ganz gute Abschlüsse“ erzielt worden seien, sehe es in einigen ostdeutschen Bundesländern „katastrophal“ aus. „Da zahlt praktisch jeder, was er will, die Tarifverträge sind teils völlig veraltet und stammen noch aus den 1990er Jahren“, sagt Sylva Hieckmann vom zuständigen Ver.di-Fachbereich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag 2006 der Tarif-Stundenlohn für Friseure im ersten Berufsjahr in Sachsen bei 3,82 Euro.
Wegen der kleingegliederten Branche sei es für Ver.di schwer Druck zu machen, berichtet Hieckmann. Mit einigen Landesinnungen in Ostdeutschland gebe es seit Jahren keine Gespräche mehr, weil die Vorstellungen von Arbeitgebern und Gewerkschaft meilenweit auseinanderlägen, wie Hieckmann sagt: „Da ist kein Land in Sicht.“
dpa/ras




