Das Wachstum in Europa kommt wegen der Finanzkrise nach Einschätzung der EU-Kommission im nächsten Jahr fast zum Stillstand. Sollten die Banken die Kreditvergabe noch stärker einschränken, sei auch eine „ausgemachte Rezession“ in der Euro-Zone möglich, warnte die EU-Kommission. In ihrer Herbstprognose sagt sie für 2009 in den 15 Ländern des Euro-Raums nur noch 0,1 Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) voraus, nach 1,2 Prozent 2008. Im vorigen Jahr lag das Plus noch bei 2,7 Prozent. In den drei größten Volkswirtschaften des Euro-Raums - Deutschland, Frankreich und Italien – drohe im nächsten Jahr eine Stagnation. Die Wirtschaft sei von der seit Herbst zugespitzten Finanzkrise getroffen, erklärte EU-Wirtschaftskommissar Joaquin Almunia. Das Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher leide darunter.
Für 2010 rechnet die EU-Kommission mit einer Erholung, weist aber auf die große Unsicherheit bei der Einschätzung hin: „Der Finanzierungsstress könnte noch intensiver werden, länger dauern oder eine stärkere Auswirkung auf die Realwirtschaft haben.“ Die Wirtschaft in der Euro-Zone sei im dritten Quartal erneut geschrumpft, erklärte die Kommission. Nach dem Minus im zweiten Vierteljahr steckt die Wirtschaft damit schon in einer leichten Rezession.
Großbritannien, das von der Finanz- und Immobilienkrise besonders hart getroffen ist, muss im kommenden Jahr der Kommission zufolge einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von einem Prozent verkraften. In den 27 EU-Ländern ist die Lage ähnlich wie in der Euro-Zone. Die Prognose sieht nur noch ein Plus von 0,2 Prozent im Jahr 2009 nach 1,4 Prozent im laufenden Jahr vor.
Industrie schwächelt
Vor allem die Industrie in der Euro-Zone hat im Oktober eine Vollbremsung hingelegt. Die Geschäfte in dem Sektor liefen so schlecht wie seit mindestens elf Jahren nicht und die Aufträge brachen kräftig ein, wie aus dem Markit-Einkaufsmanager-Index hervorgeht. In Deutschland drosselten die Firmen ihre Produktion so stark wie nie zuvor in der zwölfeinhalbjährigen Geschichte der Umfrage. Experten sehen eine Erholung in weite Ferne gerückt.
Das Barometer für die Euro-Zone fiel etwas stärker als nach vorläufigen Berechnungen um knapp vier auf 41,1 Punkte und markierte damit den tiefsten Stand seit Umfragebeginn im Juni 1997. Der Markit/BME-Einkaufsmanagerindex für Deutschland lag mit 42,9 Zählern ebenfalls deutlich unter der Schwelle von 50 Zählern, ab der ein Wachstum angezeigt wird. „Die Industrieunternehmen bewerten die aktuelle Lage als grottenschlecht“, sagte Postbank-Experte Heinrich Bayer. „Bei diesen Umfragewerten ist an eine konjunkturelle Erholung vorläufig nicht zu denken.“
Die Daten deuteten auf einen Rückgang der Industrieproduktion mit einer aufs Jahr hochgerechneten Rate von sechs Prozent hin, sagte der Chefvolkswirt der britischen Marktforscher von Markit, Chris Williamson. Ein solche Talfahrt habe es seit 1993 nicht mehr gegeben. „Da die Fertigwarenlager wegen schwacher Umsätze in Rekordtempo steigen, dürfte es in den kommenden Monaten wahrscheinlich zu weiteren Rückgängen bei Produktion und Beschäftigung kommen.“ Die Industrie baute bereits im Oktober unterm Strich so kräftig Personal ab wie seit Anfang 2002 nicht mehr. Auch in Deutschland konnten sich die Betriebe nicht gegen den Trend stemmen und reduzierten ihre Belegschaft erstmals seit gut drei Jahren. Entlassen wurden zunächst vor allem Zeitarbeiter.
Inflation dürfte zurückgehen
Mit dem scharfen Abschwung wird die Inflationsrate in der Euro-Zone deutlich zurückgehen. Nach 3,5 Prozent in diesem Jahr soll sich die Jahresteuerung mit 2,2 Prozent 2009 wieder der Zielmarke der Europäischen Zentralbank nähern, die mittelfristig stabile Preise bei einer Rate von knapp unter zwei Prozent gewährleistet sieht. Zugleich rechnet die Kommission mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote um fast einen Prozentpunkt im Euro-Raum auf 8,4 Prozent. Auch die staatliche Neuverschuldung wird mit dem Erlahmen der Wirtschaftsleistung deutlich steigen von 1,3 Prozent in diesem auf 1,8 Prozent im kommenden Jahr.
Die USA stecken nach Ansicht des Notenbankers Jeffrey Lacker bereits seit längerem in einer Rezession. „Wir sind in einer Schrumpfungsphase. Bis zum Sommer war es allerdings eine milde Rezession“, sagte Lacker . Wie lange und tiefgreifend die wirtschaftliche Schwächephase andauern werde, sei jedoch noch unklar. „Ich glaube allerdings, dass sie recht gemäßigt ausfallen wird“, fügte Lacker hinzu. Der Zentralbanker ist ab nächstem Jahr im Offenmarktausschuss der Notenbank Federal Reserve (Fed) stimmberechtigt, der über die Zinspolitik entscheidet.
Die US-Wirtschaft war im Sommer so stark geschrumpft wie seit sieben Jahren nicht mehr. Zwischen Juli und September sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 0,3 Prozent. Im Frühjahr hatte es noch ein vergleichsweise kräftiges Wachstum von 2,8 Prozent gegeben.
dpa/AP/Reuters/lw


