Bagger brechen krachend die Straßendecke auf, zertrümmern den Beton und häufen grobe Brocken auf. Lastwagen laden Sand daneben ab. Sie schütten ihn zu gelben und grauen Bergen auf, die die Luft in ihren Schattierungen einfärben. Über Kilometer hin ist die künftige Straße noch ein Schotterfeld, überragt von einer halb fertigen Brücke. Was heute eine der größten Autobahnbaustellen Deutschlands ist, soll in weniger als einem Jahr unter breiten Fahrstreifen und neuen Brücken verschwunden sein. Kaum vorstellbar.

Doch die Schilder auf den Autobahnen A 10 und A 115 verkünden stolz den großen Plan: Bauende Juni 2009. Damit würde das Autobahndreieck Nuthetal im Süden Berlins fast ein Jahr früher fertig als einmal geplant, damals, zu Beginn der Bauarbeiten im September 2006. Das würde vor allem eines bedeuten: die große Plage für Transportindustrie und Autofahrer ein Jahr früher aus dem Weg zu schaffen, den Dauerstau.

Streckenbauleiter Peter Kralack ist zuversichtlich, dass er den engen Zeitplan einhalten kann. "In einem Jahr ist hier nichts mehr von der Baustelle zu sehen", verspricht er. Den 54-Jährigen hat der Ehrgeiz gepackt: Seine Baustelle soll zum Vorbild für die ganze Republik werden.

Über ein Drittel aller Staus in Deutschland werden nach Angaben des Verkehrsministeriums schon heute von Baustellen verursacht - und allein der Güterverkehr auf deutschen Autobahnen wird nach Zahlen des Verkehrsministeriums bis 2025 um 70 Prozent zunehmen. Ein Fünftel der 12.500 Autobahnkilometer gelten schon jetzt als besonders staugefährdet. Über kurz oder lang droht dem deutschen Fernstraßennetz der Infarkt.

"Um den Verkehrsfluss zu erhalten, müssen die Baustellen schneller verschwinden", sagt ein Sprecher des Ministeriums. Der Punkt ist einer der wichtigsten im Masterplan "Güterverkehr und Logistik", der Mitte Juli vom Kabinett verabschiedet wurde. Der Plan von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) soll das Land auf die wachsenden Güterströme vorbereiten. Eine Erhöhung der Lkw-Maut gehört dazu und moderne Steuerungstechnik. Erstes Ziel ist es aber, die Bauzeit auf deutschen Autobahnbaustellen zu verkürzen.

Aktionsplan gegen Dauerstau

Erreicht werden soll das "durch Bauarbeiten außerhalb der üblichen Arbeitszeiten, sofern erforderlich auch an Sonntagen oder nachts", wie es in dem Plan heißt. "Die Idee ist, das Tageslicht auf der Baustelle voll auszunutzen", erklärt der Ministeriumssprecher. Im Sommer heißt das, dass die ersten Arbeiter schon gegen fünf Uhr mit der Arbeit beginnen, die letzten die Baustelle erst um zehn Uhr abends verlassen. Auch Samstage, in Ausnahmefällen auch Sonntage, und die Nächte sollen jetzt dafür genutzt werden, die Arbeit an Engstellen schneller zu beenden.

Allerdings müssen nicht alle Bauarbeiter für die ehrgeizigen Pläne ihren Nachtschlaf opfern. "Wir arbeiten nicht überall rund um die Uhr", sagt Bauleiter Kralack. An wichtigen Bauabschnitten aber werde bis in die Nacht hinein und am Samstag gearbeitet. "Wir sparen vor allem Zeit, weil wir an mehreren Stellen gleichzeitig arbeiten, neue Technik und mehr Geräte einsetzen, aber natürlich auch die langen Sommertage voll ausnutzen", sagt er. Im selben Tempo soll es weitergehen, wenn die kalten Tage kommen. Heizanlagen und Schutzplanen ermöglichen das Weiterbauen auch im Winter.

So soll es nach den Plänen Tiefensees in Zukunft auch auf allen anderen deutschen Autobahnen zugehen, auf denen täglich zwischen 200 und 280 Baustellen eingerichtet sind. Gerade in den Ballungsräumen an Rhein und Ruhr, an Main und Neckar, rund um München, Hamburg und Berlin verursachen Baustellen täglich kilometerlange Staus. Jeder Autofahrer steht im Schnitt 58 Stunden pro Jahr im Stau, sagt Michael Schreckenberg, Stauforscher an der Uni Duisburg-Essen. Das kommt die Volkswirtschaft richtig teuer.

Studien der vergangenen Jahre berechnen den volkswirtschaftlichen Schaden durch Staus auf bis zu 100 Mrd. Euro pro Jahr. "Eine effizienteres Vorgehen auf den Baustellen und eine Verkürzung der Baustellenzeit hilft auf jeden Fall bei der Stauvermeidung", sagt Schreckenberg. Er ist überzeugt, dass ein solches Konzept der Volkswirtschaft einen höheren Nutzen bringen könnte, als Mehrkosten verursacht werden.

34 Mio. Euro kostet das Projekt Nuthetal. Mit rund 7,5 Prozent davon gibt der Bauleiter die Mehrausgaben an. Die Firmen müssten Überstunden und Zuschläge für die Arbeit am Wochenende zahlen und einen Mehrschichtbetrieb finanzieren, erklärt Arndt Lüdeke von der Baufirma Eurovia, die an den Bauarbeiten am Dreieck Nuthetal beteiligt ist.

Zwischen 15 und 50 Arbeiter sind je nach Arbeitsaufwand am Autobahndreieck im Einsatz. Bauarbeiter Uwe Buder stört die Zusatzarbeit nicht sonderlich. "Das gehört zum Geschäft", sagt der Polier für den Streckenbau. Er zieht seine orangefarbene Warnweste zurecht und schaut über die Strecke. "Manche Arbeiten kann man sowieso nur nachts machen, um den Verkehr nicht zu gefährden", sagt er.

Bundeszuschuss bleibt Ausnahme

Der südliche Berliner Ring und der Avus-Zubringer gehören zu den am stärksten befahrenen Autobahnen in Deutschland, innerhalb des Landes Brandenburg sind auf keinen anderen Straßen so viele Autos unterwegs. Rund 120 000 Autos am Tag sollen nach Bauende auf den ausgebauten Fahrstreifen und erneuerten Brücken fahren. Derzeit geht es hier kaum voran.

Ein paar Meter neben der Fahrbahn zerkleinert ein Bagger die letzten Überreste einer alten Autobahnbrücke. Weiße Steinbrocken türmen sich unter der neuen Brücke, die sich in weitem Bogen über die Abbruchstelle zieht. Hoch droben streicht ein Arbeiter schon den Betonrand mit weißer Farbe, obwohl das hintere Ende der Brücke noch unfertig über den Hang hinausragt. "Es sieht alles ein wenig chaotisch aus, aber dahinter steckt ein funktionierendes Gesamtkonzept", sagt Bauleiter Kralack.

Das fordert auch den beteiligten Bauunternehmen einiges ab. Jedes Subunternehmen der beauftragten Baufirmen Eurovia und Berger Bau müsse nachweisen, dass es mit seiner Arbeit im Zeitplan liege, erklärt Kralack. Wenn eine Firma feststellt, dass sie die Zwischentermine nicht einhalten kann, muss sie sogar neues Personal einstellen, um das Arbeitspensum erfüllen zu können.

Auf welchen anderen Großbaustellen in Zukunft das Arbeitstempo gesteigert werden soll, weiß man im Verkehrsministerium noch nicht. Derzeit seien die Bundesländer damit beauftragt, bei zukünftigen Ausschreibungen für Baustellen auf die Einhaltung des neuen Konzepts zu achten, heißt es nur.

Allein: Die Länder sind nicht begeistert. Dem Bund ist die Zeitersparnis am Dreieck Nuthetal einiges wert: 2,5 Mio. Euro schießt er zusätzlich in das Projekt und gleicht damit in etwa die Mehrkosten aus. Der Berliner Ring soll schließlich ein Leuchtturmprojekt werden. Andere Länder freilich können nicht mehr mit Zuschüssen für eine schnelle Baustelle rechnen. Die zusätzlichen Mittel aus Berlin für das Modellprojekt Nuthetal seien eine Ausnahme, sagt Tiefensees Sprecher.