Die Stunde der Entscheidung ist für Sonntag, 16.15 Uhr, anberaumt. Dann treffen sich die 21 Mitglieder des Commerzbank-Aufsichtsrats zu einer historischen Sitzung im Frankfurter Hochhaus des Kreditinstituts am Kaiserplatz. Treten nicht doch in letzter Minute noch unüberwindbare Hürden auf, wird das Kontrollgremium dort die größte Bankenfusion der deutschen Geschichte genehmigen. Ein Koloss mit mehr als einer Billion Euro Bilanzsumme, 1800 Filialen und fast zwölf Millionen Privatkunden würde entstehen, wenn die Commerzbank die Allianz-Tochter Dresdner Bank übernimmt. Ausgerechnet das Institut, das sich vor Jahren allenfalls Hoffnung auf die Rolle des Juniorpartners in einem Bankenbündnis machen durfte, schickt sich nun an, als Konsolidierer der Branche aufzutreten.

Seit Monaten verhandeln Allianz und Commerzbank, nun ist Showdown. Zeitgleich zu den Aufsichtsräten der Commerzbank werden am Sonntag auch die Kontrolleure der Dresdner und der Allianz zusammenkommen. Noch geben sich alle Beteiligten vorsichtig. „Derzeit gibt es noch fünf offene Punkte“, hieß es am gestrigen Nachmittag. Besonders umstritten sollen bis zuletzt die Bewertungsfragen gewesen sein. Aber es sehe sehr gut aus, sagte ein Verhandlungsteilnehmer. Bei der Finanzaufsicht BaFin sollen sich die beteiligten Vorstände bereits vorgestellt haben.


Geht alles glatt, könnten die Konzernchefs Martin Blessing und Michael Diekmann anschließend den neu geschaffenen Branchenriesen offiziell präsentieren. Beide hätten gleichermaßen Grund zu strahlen. Der erst im Mai zum Bankchef aufgestiegene Blessing würde gleich zu Beginn einen großen Wurf landen. Seit Jahren gilt sein Haus als zu klein, um sich dauerhaft im internationalen Wettbewerb behaupten zu können. Die Übernahme des benachbarten Frankfurter Konkurrenten wäre der dringend benötigte Wachstumsschritt. „Unter den erhältlichen Partnern in Deutschland ist die Dresdner der beste für die Commerzbank“, sagt Robert Mazzuoli, Bankenanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Die beiden Häuser ergänzten sich gut.


Für Diekmann wäre ein Verkauf der Dresdner ein mindestens ebenso großer Befreiungsschlag. 2001 hatte die Allianz das Kreditinstitut für 24 Mrd. Euro übernommen. Seither reiht sich bei der Tochter jedoch ein Problem ans andere. Erst traten Milliardenabschreibungen auf, dann immer neue Umbauten im Konzern und in den vergangenen Monaten erneute Milliardenverluste. Die Aktionäre des Versicherers haben die Nase voll und verlangen von Diekmann Lösungen.

Kommt die Dresdner Bank zum Zug, dürften auch viele Berliner Politiker aufatmen. Seit Jahren wünschen sie sich einen zweiten großen Finanzkonzern neben der Deutschen Bank, der auch international eine Rolle spielt. Deutlich weniger sympathisch wäre der Politik daher die Alternative der Allianz: ein Verkauf der Dresdner an die China Development Bank (CDB). Diese hat dem Vernehmen nach zwar mehr Geld für das Institut geboten. Doch in München fürchtet man offenbar, in Berlin mehr politischen Kredit zu verspielen, als man in Peking durch diese Partnerschaft dazugewinnen würde. Ob die Chinesen überhaupt ernsthaft an einem Einstieg in Frankfurt interessiert oder vor allem als taktisches Mittel im Vertragspoker anzusehen sind, wurde in Finanzkreisen heftig diskutiert.

Ob sich die Kunden der Dresdner im Fall einer Übernahme durch die Commerzbank an ein gelbes Logo gewöhnen müssen, ist offen. Die Manager um Blessing favorisieren offenbar einen einheitlichen Auftritt, zumal die Marke Commerzbank unter Fachleuten inzwischen als die wertvollere gilt. Allerdings dürfte ohnehin nicht die gesamte Dresdner Bank im Konzern des Konkurrenten aufgehen. Aus Verhandlungskreisen ist zu hören, dass die Oldenburgische Landesbank bei der Allianz bleibt. Die im Weser-Ems-Kreis stark vertretene Tochterbank hat 2400 Mitarbeiter. Umgekehrt ist das Schicksal der Commerzbank-Fondstochter Cominvest unklar. Blessing will sie im Zuge der Transaktion wohl veräußern, entweder an die Allianz oder aber an einen Dritten. „Die Commerzbank glaubt offenbar, mehr zu bekommen, wenn sie Cominvest auf dem freien Markt anbietet“, heißt es aus dem Allianz-Umfeld.

Der Verkauf von Cominvest ist Teil eines komplizierten Finanzierungskonzepts. Die Übernahme, so heißt es, soll in zwei Schritten erfolgen. Zunächst übernimmt die Commerzbank rund 51 Prozent an der Dresdner. Dadurch sichert sich Blessing bereits eine weitgehende Kontrolle über die Bank. Die vollständige Übernahme soll erst von einer Verschmelzungs-Hauptversammlung Anfang nächsten Jahres genehmigt werden, wahrscheinlich im Februar. Grund dafür ist, dass der Commerzbank bisher die Zustimmung fehlt, so viele neue Aktien auszugeben, so dass die Allianz am Ende wie vorgesehen 29 Prozent am fusionierten Institut hält. Bislang hat Blessing lediglich die Erlaubnis für eine Kapitalerhöhung gegen Sacheinlage, die die Allianz auf knapp 20 Prozent bringen würde. Der Rest des Kaufpreises von geschätzten neun Mrd. Euro soll in bar bezahlt werden.

Bis die endgültige Verschmelzung erfolgt, „bleibt die Dresdner eine eigenständige Bank mit einem eigenen Vorstand“, betont ein Investmentbanker. Auch wenn die langfristige Rolle von Dresdner-Chef Herbert Walter angeblich noch nicht geklärt ist: Zumindest für einige Monate dürfte er damit noch eine maßgebliche Rolle in der Frankfurter Finanzwelt spielen. Die Commerzbank würde ihn auch brauchen, um die diffizile Integration der Dresdner-Mitarbeiter zu meistern. Diese Arbeit beginnt am Montag – vorausgesetzt, die Aufsichtsräte winken die Übernahme am Sonntagnachmittag durch.

ap/phj