Der Plan ist so ehrgeizig, dass es eigentlich verwundert, wie weit er gediehen ist: Jedes Kind in einem Entwicklungsland soll mit einem eigenen Laptop ausgestattet werden. Nicholas Negroponte arbeitet seit drei Jahren an dieser Mission, er fliegt von Kontinent zu Kontinent, schüttelt die Hände der Regierungschefs und verhandelt mit Herstellern von Computerbauteilen. Denn der Internet-Visionär und renommierte Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat ein lobenswertes Ziel: eine bessere Welt.

Umso mehr ärgert es den 44-Jährigen, dass sein Projekt „One Laptop per Child“ (OLPC) ins Stolpern gerät. Der ursprüngliche Plan, bis Ende des nächsten Jahres 150 Millionen tragbare Computer in die Dritte Welt zu schaffen, ist kaum noch zu erfüllen. Auch das vor zwei Jahren gemeinsam mit dem damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan präsentierte 100-Dollar-Notebook verdient seinen Namen nicht mehr: Der Preis ist schlichtweg nicht zu halten. Inzwischen kostet der grün-weiße Rechner zum Zusammenklappen 188 Dollar.

Am ärgerlichsten ist jedoch die Zurückhaltung der Regierungen. „Ich habe unterschätzt, welchen Unterschied es macht, einem Staatsoberhaupt die Hand zu schütteln und tatsächlich einen Scheck zu erhalten“, sagt Negroponte. Tatsächlich ist von vollmundigen Versprechungen wenig geblieben. Weil Negroponte die Computer möglichst billig halten will, sollten sie ohne Zwischenhändler an Regierungen verkauft werden.


Libyen wollte gleich 1,2 Millionen davon kaufen, Auch Brasilien, Nigeria und Äthiopien hatten größere Abnahmemengen ausgemacht. Doch geblieben ist von den Zusagen wenig –nicht zuletzt weil der Preis sich fast verdoppelt hat. Damit gerät das ganze Projekt in einen Teufelskreis: Nur bei sehr hohen Stückzahlen können die Herstellungskosten in Richtung 100 Dollar gedrückt werden.

Nur 100.000 feste Bestellungen

Nach und nach musste Negroponte seine Ambitionen zurückschrauben. Anfang des Jahres hieß es noch, dass 2007 die ersten fünf Millionen Geräte ausgeliefert würden. Im Frühjahr waren es nur noch 2,5 Millionen. Und nun gibt es lediglich 100.000 feste Bestellungen, mit einer Option auf 300.000 weitere Rechner. Die erste Lieferung geht ausgerechnet nach Uruguay, ein Land, das kaufkraftbereinigt ein höheres Pro-Kopf-Einkommen hat als das EU-Mitglied Bulgarien.

Immerhin hat der taiwanesische Computerhersteller Quanta nach einer Verzögerung in seiner Fabrik nahe der chinesischen Metropole Shanghai im November die Massenproduktion begonnen. Die ersten Rechner sollen in den nächsten Tagen in Uruguay ankommen. Sie tragen den Namen XO, weil die Buchstaben mit etwas Fantasie zur Seite gedreht ein Kind darstellen.

Wegen der noch geringen Produktionszahl ist die Stimmung bei den Zulieferern getrübt. Unternehmen wie Chi Lin Technology oder AMD liefern Displays und Computerchips zu Sonderkonditionen. Obwohl sie Gewinne machen dürfen, ist der Preis äußerst knapp kalkuliert. Quanta verdient an einem Gerät gerade einmal drei Dollar. Üblich ist bei den Notebooks, die der Hersteller auch für Dell, Apple oder Hewlett-Packard baut, der bis zu zehnmal so hohe Wert.

Um überhaupt erst einmal loslegen zu können, hat Negroponte seine Pläne nun kurzfristig geändert. Bis Ende des Jahres wird der XO nun auch in den USA und Kanada verkauft, 2008 möglicherweise dann auch in Europa. Dort wird das Gerät für knapp 400 Dollar abgegeben. Für jedes gekaufte Notebook wird ein weiteres in ein Entwicklungsland gespendet. Schätzungen zufolge könnte der tägliche Absatz bei etwa 10000 Geräten liegen.

Tatsächlich verfügt der XO über einige Funktionen, die derzeit selbst bei teuren Notebooks nicht anzutreffen sind. So lassen sich sogenannte Mesh-Netze bilden, bei denen die Geräte untereinander kommunizieren können, ohne einen Internetzugang haben zu müssen: Sobald ein XO drahtlos mit dem Internet verbunden ist, können auch alle anderen Notebooks auf das weltweite Netz zugreifen.

Viele Entwicklungsländer winken ab

Trotzdem zieht das Projekt viele Kritiker an. China und Indien lehnten frühzeitig ab. Das indische Erziehungsministerium nannte Negropontes Plan höflich „pädagogisch fragwürdig“. Nigerias Bildungsminister Igwe Aja-Nwachuku sagte kürzlich im Interview mit der britischen BBC: „Wo liegt der Sinn darin, Notebooks zu verwenden, wenn die Kinder nicht einmal Stühle haben?“ Auch die Möglichkeit des Internetzugangs hilft in afrikanischen Ländern nicht, wo die Gebühren monatlich 200 Dollar erreichen können. In vielen Regionen ist das Netz gar nicht verfügbar.

Negroponte kennt diese Vorwürfe. „OLPC ist kein Geschäft mit Laptops, es ist ein Geschäft mit Bildung“, sagt er. Und Bildung sei nun einmal die Lösung all dieser Probleme. Computer seien inzwischen so wichtig wie früher Bleistifte.

Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) testet die XO-Notebooks derzeit in zwei Schulen in Äthiopien. Ergebnis: Das Projekt steht und fällt mit der Umsetzung. „Nicht nur die Kinder fassen das erste Mal in ihrem Leben einen Computer an“, sagt GTZ-Experte Peter Rave. „Bei den Lehrern ist es genauso.“ Bei der Lehrerfortbildung und dem Projektmanagement bringt sich die GTZ nun selbst ins Spiel. „Es darf nicht darum gehen, möglichst viel Hardware in die Klassenräume zu stopfen“, sagt Rave.

Konkurrenz von Intel

Als wären das nicht schon Probleme genug, muss sich Negroponte auch noch mit Anfeindungen aus der Industrie auseinandersetzen. „Nehmt doch lieber einen richtigen Computer als einen, an dem man kurbeln muss“, sagte Microsoft-Gründer Bill Gates. Die frühe Version des XO sah tatsächlich eine Kurbel vor –zum Aufladen der Batterie dort, wo kein Strom verfügbar ist. Heute macht das eine kleine Solarplatte oder eine Art Jojo.

Inzwischen ist der XO auch nicht mehr konkurrenzlos. Insbesondere Intel will den Markt der Schwellen- und Entwicklungsländer nicht unbearbeitet lassen. Nicht zuletzt als Antwort auf den Einbau der Computerchips des Konkurrenten AMD in den XO hat Intel ein eigenes Notebook mit der Bezeichnung Classmate entwickelt, der für 230Dollar verkauft wird. Auch beim Betriebssystem funktioniert der Wettbewerb: Weil der XO mit dem kostenlosen Programm Linux läuft, verkauft Microsoft sein Betriebssystem Windows an Entwicklungsländer für drei Dollar.

Ein Streit zwischen Negroponte und Intel-Chef Paul Otellini wurde Mitte des Jahres beigelegt. Intel wurde sogar Mitglied im OLPC-Board. Doch der Burgfrieden ist bedroht. Negroponte hatte den Intel-Chef kürzlich vergeblich gebeten, den Verkauf des Classmate einzustellen, denn Staaten wie Libyen und Nigeria zögern wegen des Intel-Computers mit einer festen XO-Bestellung. Im Januar soll es den XO nun auch mit Intel-Chip geben.