Um vier Uhr nachts klingelte das Telefon. Verschlafen hob der Leiter des WestLB-Vorstandsstabs ab. Am Abend hatte er lange an einer wichtigen Pressemitteilung gefeilt. Darin wollte die Bank am nächsten Morgen ihre Fusion mit der hessischen Landesbank Helaba verkünden. Nun war WestLB-Chef Friedel Neuber am Apparat. Seine Ansage: „Bloß nichts rausschicken. Die Sache ist doch noch geplatzt.“

Das war 1987. Und doch wirkt die Geschichte brandaktuell. Noch immer kämpfen die Landesbanken um eine neue Ordnung. 20 Jahre nach dem ersten vergeblichen Fusionsversuch von WestLB und Helaba stehen die öffentlich-rechtlichen Banken vor demselben Scherbenhaufen. Der Zusammenschluss der beiden Institute im zweiten Anlauf sollte die schwer angeschlagene WestLB retten. Doch die hessische Landesregierung gab am Donnerstag zu verstehen, dass nicht verhandelt wird. Nicht nur für die WestLB ist das tragisch. Der ganze Sektor lechzt nach Veränderung. Denn die Landesbanken sind so sehr außer Mode wie ein Computer von 1987: In der heutigen Form braucht sie eigentlich niemand.


Schonungslos hat die Kreditkrise die Schwächen der Landesinstitute offengelegt. Bei der BayernLB traten zuletzt Belastungen von 1,9 Milliarden Euro zutage, die SachsenLB und die WestLB mussten mit Milliarden gestützt werden. Inzwischen kann die Branche selbst die Probleme nicht länger kleinreden: „Die Finanzmarktkrise hat verdeutlicht, dass keine Bank ohne ein langfristig ertragreiches Geschäftsmodell auskömmlich wirtschaften kann“, sagt Siegfried Jaschinski, Chef der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Viele Landesinstitute haben aber kein solches Konzept. Schlimmer noch: Sie haben nicht einmal eine Funktion.

Ministerpräsidenten verweisen zwar stoisch darauf, dass die Landesbanken die regionale Wirtschaft förderten, indem sie so manchen Firmenkredit großzügiger vergäben als private Institute. Doch das ist längst Geschichte. „Zu der Zeit, als Friedel Neuber die WestLB führte, waren Strukturpolitik und das Geschäft einer Landesbank untrennbar ineinander verwoben“, sagt Ralph zur Brügge, Partner bei der Unternehmensberatung ZEB. Doch inzwischen das Fördergeschäft in den meisten Ländern in eigene Banken ausgegliedert. Und die kommen gut alleine zurecht. Zumal sich die Landesbanken längst nicht mehr als verlängerter Arm regionaler Wirtschaftspolitiker sehen. „Bei einem Firmenkunden treten wir genauso auf wie eine Deutsche Bank“, sagt der Vorstandschef einer großen Landesbank.

Und selbst die Sparkassen, als deren Zentralbanken die Landesinstitute fungieren sollen, wollen von ihren großen Schwestern immer weniger wissen. „Weil die Sparkassen gewachsen sind, können sie heute viele Geschäfte selbst machen, für die sie früher die Landesbanken gebraucht hätten“, sagt Dietmar Binkowska, Vorstandschef der Sparkasse KölnBonn, der zweitgrößten in Deutschland. Zwar versorgen die Landesbanken die kommunalen Institute mit Zertifikaten und anderen Kapitalmarktprodukten. „Aber das liefert uns auch jede private Investmentbank“, sagt Binkowska.

Sparkassen brauchen die Landesbanken nicht mehr

Damit sind die Landesbanken längst mehr Last als Hilfe für die Sparkassen. „Sie sind mit ihren riskanten Geschäften unser größtes Existenzrisiko“, sagt der Präsident eines Sparkassen-Regionalverbandes. So kostet allein die jüngste WestLB-Stütze die kommunalen Institute rund eine Milliarde Euro. Die Sparkassen wollen daher eine Flurbereinigung. „Wir kommen nicht um eine deutliche Reduktion der Zahl der Landesbanken herum“, betonte Sparkassenpräsident Heinrich Haasis vergangene Woche. Dadurch sollen die Sorgenkinder des Sektors profitabler werden. Allein ein Zusammenschluss von WestLB und LBBW würde jährlich Kosten von 600 Millionen Euro einsparen, sagen Investmentbanker.

Mit einer reinen Addition wäre allerdings nur wenig gewonnen. Denn auch das fusionierte Institut braucht immer noch ein Geschäftsmodell. „Es kann nur um eine Mischung von Fusionieren und Gesundschrumpfen gehen“, sagt Bankenexperte Dirk Schiereck von der European Business School. Statt am schwankungsanfälligen Kapitalmarkt zu experimentieren, müssten sich die Institute auf das Sparkassengeschäft konzentrieren. Dafür bedarf es allerdings einer Rosskur: „Das Sparkassengeschäft sorgt je nach Landesbank nur für vier bis 20 Prozent der Erträge“, sagt ZEB-Berater zur Brügge. Beschränkte man sich tatsächlich darauf, fielen Tausende Stellen weg.

Genau deshalb opponieren Ministerpräsidenten landauf, landab gegen radikale Fusionspläne. Sie klammern sich an eine andere Idee: eine Verbindung von Sparkassen und Landesinstituten zu großen Regionalbanken. Davon würden die Sparkassen profitieren, sagt ein früherer Landesbanker. Er denkt an größere Mittelständler, die eine Sparkasse allein nicht bedienen könne. „An dieser Schnittstelle werben Commerzbank oder Deutsche Bank den Sparkassen einen Kunden nach dem anderen ab“, sagt der Banker. Eine Regionalbank aus Sparkassen und Landesinstitut könne da mithalten.

Dennoch müssten auch in diesem Szenario die Landesbanken kräftig abspecken. Für Bankenprofessor Schiereck sind Verbindungen mit den Sparkassen deshalb auch überhaupt kein Widerspruch zu Fusionen der Landesinstitute untereinander – sondern nur der nächste logische Schritt. „Das Fernziel muss ein großer Sparkassenkonzern für ganz Deutschland sein“, sagt Schiereck. Ein solches Gebilde könnte die privaten Großbanken hierzulande herausfordern. Geldinstitute wie die Commerzbank dürften daher inständig hoffen, dass Politiker und Sparkassen noch lange streiten.