Noch streiten Immobilienexperten allerdings darüber, ob sich die Branche in Frankreich bereits in der Krise befindet. Während die Analysten der Großbank HSBC schon vor einem deutlichen Rückgang der Immobilienpreise warnen, erwartet die Ratingagentur Standard & Poor's lediglich eine Stabilisierung oder allenfalls eine leichte Verschlechterung. Auch Wohnungsbauministerin Christine Boutin will trotz deutlich schlechterer Zahlen nichts von einer Immobilienkrise hören. Immerhin hat der französische Immobilienmarkt mit einer Steigerung von 116 Prozent zwischen den Jahren 2000 und 2008 das höchste Wachstum in Europa nach Spanien verbucht.
Zur Entwicklung der französischen Volkswirtschaft kommentiert die Zeitung "Midi Libre": "In den Augen mancher Fachleute zeichnet sich die Rezession ab." Das Wachstum werde noch schwächer ausfallen als erwartet. Die jüngsten Daten von Immobilienmaklern und Notaren geben jedenfalls Grund zur Sorge. Die Preise für Altbauten sind im ersten Quartal landesweit um 0,8 Prozent gefallen, während die Zahl der Immobilienverkäufe im Großraum Paris im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7,9 Prozent zurückging und die der neu abgeschlossenen Kredite um elf Prozent. "Die Banken, die Opfer der internationalen Krise sind, wollen mit Immobilienkrediten kein Geld mehr verlieren", sagt der Chef des Instituts für Wirtschaftsanalysen Astérès, Nicolas Bozou. "Sie haben deshalb die Zinsen angehoben und die Vergabekriterien verschärft."
Die schlechteren Kreditbedingungen dürften sich jedoch in den kommenden Monaten immer stärker auf den Immobilienmarkt auswirken. So wird mit einem weiteren Preisverfall gerechnet. "Der Rückgang auf den wichtigsten Immobilienmärkten der Welt hat bereits eingesetzt. Dieser allgemeinen Entwicklung wird Frankreich nicht entkommen", glauben die Experten des Marktforschungsinstitutes Xerfi. Sie rechnen für dieses Jahr mit einem Rückgang der Preise für Altbauten um drei Prozent und der für Neubauten um vier bis fünf Prozent. Bis zum Jahr 2011 dürften die Immobilienpreise in Frankreich ihrer Meinung nach um insgesamt 14,5 Prozent sinken.
Der durchschnittliche Quadratmeterpreis für Wohnungen ist bereits in den ersten Monaten des Jahres im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2007 um 0,4 Prozent auf 3177 Euro gefallen. In einigen Departements wie Midi-Pyrénées, Pays de Loire, Languedoc-Roussillon und der Provence fiel der Rückgang sogar deutlich stärker aus. Dagegen steigen die Immobilienpreise in den Großstädten weiter, wenn auch längst nicht mehr so spektakulär wie in den vergangenen Jahren, während sie in den Vororten sinken. In Paris, wo Käufer inzwischen im Schnitt 6430 Euro pro Quadratmeter zahlen müssen, legten sie im ersten Quartal erneut um 1,1 Prozent zu. In mehr als der Hälfte der Pariser Arrondissements stieg der Quadratmeterpreis innerhalb der letzten 24 Monate sogar um über zehn Prozent. Im 6. Arrondissement hat er inzwischen knapp 10.000 Euro erreicht.
Die astronomischen Preise schrecken jedoch zunehmend die Käufer ab, und so ging die Zahl der Transaktionen in Paris im ersten Quartal um 13,6 Prozent zurück. Gleichzeitig dauert es auch immer länger, eine Immobilie zu verkaufen: im Durchschnitt 89 Tage, also zwei Wochen mehr als noch im vergangenen Jahr. Zudem fordern viele Interessenten inzwischen von Anfang an einen Preisnachlass von zehn Prozent, berichten französische Immobilienmakler.
Auch wenn die Branchenkrise Frankreich nicht so stark treffen dürfte wie die spekulationsgetriebenen Märkte von Spanien und Großbritannien, dürfte sie ihre Spuren hinterlassen. Erste Opfer könnten die Immobilienhändler sein. Ihre Zahl hatte sich innerhalb der letzten zehn Jahre auf 25.000 verdoppelt. Angesichts der sinkenden Verkäufe mussten jetzt bereits die ersten Makler Konkurs anmelden. So machten beispielsweise in Toulouse bereits 40 von insgesamt 800 Immobilienagenturen dicht.




