Karriere

Trotz schwierigem Lebenslauf zum guten Job

32 Jahre alt und bereits einen Lebenslauf wie ein Abenteuerroman. Eine durchwachsene Biografie kommt im Bewerbungsgespräch aber manchmal weniger gut an. Morgenpost Online verrät, wie Sie trotz abgebrochenem Kunststudium und sieben Praktika einen Job bekommen.

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Nach dem Abitur machte Bettina Sturm eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Die weite Welt reizte sie, fremde Sprachen und Kulturen kennen zu lernen und den Kunden mit außerordentlichen Erlebnissen zufrieden zu stellen. Doch die Realität, das erkannte sie bald, kann anders kommen: „Wenn ich wenig Geld verdienen und wenig Freunde haben will – dann ist das der richtige Job.“ Also der falsche für sie. Sturm entschied sich für ein Betriebswirtschaftsstudium. Doch zuvor jobbte sie ein Jahr in Paris, nach dem Diplom arbeitete sie für eine Bank im Bereich Service Quality. Es folgten zwei weitere Auslandsaufenthalte, einer als gut dotierte Headhunterin in Toronto und eine zweijährige erwerbslose Auszeit in Spanien, die sie mit Fotografieren und Mosaiken ausfüllte.

Sturm führt ein buntes Leben, bei dem das Private oft den Ausschlag gab für ihre beruflichen Entscheidungen. Faktisch sah es so aus: Immer dann, wenn die Karriereleiter einen goldenen Weg nach oben zeigte, nahm sie erst einmal einen Abzweig. Wie sie trotzdem immer wieder erfolgreich war? „Ich bin einfach los zu den Unternehmen, in die ich gerne wollte, mit ein paar Unterlagen unterm Arm – und habe um ein Informationsgespräch gebeten.“ Inoffizielle Bewerbungsgespräche, ohne Druck – so nennt Sturm die Methode, bei der sie selbst immer die Fäden in die Hand nahm.


Heute arbeitet die 40-Jährige Münchnerin für ihre eigene Karriereagentur. Ihre Klienten sind Menschen wie sie selbst: Leute zwischen 35 und 45 Jahren, die eigentlich einen guten Job haben aber es müde geworden sind, sich immer wieder mit denselben Dingen zu befassen. Menschen, die plötzlich raus wollen, neue Herausforderungen suchen, die auf einmal ihren Kindheitstraum leben wollen. Dazu braucht es eine große Portion Selbstreflexion: Was sind meine Stärken? Wo liegen meine Erfolge? Welche Fähigkeiten bringe ich mit? „Das Wichtigste ist jedoch das Netzwerken“, sagt Sturm. Menschen und Dinge zusammen bringen, die etwas Neues anstoßen können. „Das wichtigste ist die Begeisterung, die man bei einer Sache empfindet“, rät Bettina Sturm ihren Klienten dann immer. „Folge deinem eigenen Stern!“

Karrieretrainer helfen bei neuen beruflichen Herausforderungen

Ein Produktmanager, der davon träumt, ein Künstlercafé zu betreiben, eine Werbeagentin, die lieber Wein anbauen möchte statt Slogans zu formulieren oder ein Lehrer, der sich dazu entschließt, nicht mehr Mathematik, sondern Golf und Bridge zu unterrichten. Wer beruflich neue Ufer erreichen möchte, der sollte sich einen Coach oder Mentor suchen, rät Karrieretrainerin Sturm, „das können auch Freunde und Kollegen sein; suchen Sie sich Leute, die Ihre neue Idee unterstützen.“

Aber dann gibt es auch die vielen unfreiwilligen Patchworker. Menschen, die etwas studiert und einen Bombenabschluss in der Tasche haben, sich jedoch von Praktikum zu Praktikum hangeln, sich mit prekären Jobs und Projekten über Wasser halten. Lebensstandard und Arbeitspensum sind sehr wechselhaft: Mal schuften sie monatelang für ein Projekt und leiten ein Team, dann leben sie wieder ein halbes Jahr von der Hand in den Mund. Sie qualifizieren sich immer weiter, setzen noch einen Doktortitel auf den Abschluss und schustern ihre berufliche Laufbahn aus vielen Einzelteilen zusammen, die auf den ersten Blick gar nicht zusammen passen wollen.

Geisteswissenschaftler tragen schon immer einen eher ungewöhnlichen Lebenslauf in der Mappe. Sie brauchten auch immer schon länger als Kommilitonen aus Naturwissenschaften oder Wirtschaftsabsolventen, bis sie einen lukrativen Job fanden: Lediglich 55 Prozent der Absolventen von Magisterstudiengängen haben nach einem Jahr einen regulären Job, unter Betriebswirten, Informatikern, Maschinenbauern und anderen Technikern liegt die Quote bei 95 Prozent, fand das Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover 2001 heraus. Dabei haben sie oft gar nicht die Wahl. Neu ist: Heute trifft die unfreiwillige Patchwork-Karriere nicht mehr nur Geisteswissenschaftler.

Heute bietet kein Unternehmen seinen potenziellen Mitarbeitern mehr an, 20 Jahre in derselben Position zu bleiben. Lebenslange Erwerbsbiografien in einem Beruf sind passé. Die neue Ökonomie verlangt vielmehr nach flexiblen Mitarbeitern. In seinem Buch „Der flexible Mensch“ zeichnet der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett schon Ende der 90er Jahre ein düsteres Bild von dieser neuen Arbeitswelt: Notgedrungen bewege sich der Mensch dorthin, wo Arbeit ist; soziale Kontakte bleiben auf der Strecke. Die Folge: Ein Leben in Einsamkeit und Isolation.

Von derart pessimistischer Weltsicht will die Frankfurter Karriereberaterin Vera Bloemer nichts wissen. Bei dem Gedanken an Patchworker gerät sie geradezu ins Schwärmen: „Es sind oft spannende Menschen, die den Wunsch nach Vielseitigkeit haben und danach bestrebt sind, sich weiter zu entwickeln.“ Patchworker, das weiß die Expertin, haben immer wieder den Mut, etwas Neues anzupacken. Sie sind ihrer Zeit voraus und verfügen über einen gesunden Unternehmergeist. Alles Eigenschaften, die in der neuen Arbeitswelt gefragt sind.

Auf die richtige Lesart der Biographie kommt es an

„Eine ungewöhnliche Arbeitsbiografie birgt Chancen“, sagt Bloemer. Dabei sei alles eine Frage, wie man sich selbst verkauft. Zunächst gilt es, dem Lebenslauf einen roten Faden einzuhauchen. Welche Fachkenntnisse, Qualifikation und andere Fähigkeiten habe ich durch meine Laufbahn erworben? Was hat mich motiviert zu einem Studienfachwechsel? Was hat mich in eine völlig neue Branche verschlagen? „Ergründen Sie, warum Sie was gemacht haben und finden Sie die Vorteile jeder einzelnen Station Ihres Lebens“, rät Bloemer. Wie kann man die vielen Einzelstationen zu einem sinnvollen Ganzen miteinander verbinden?

Bloemer vermag es, aus der Biografie einer Kunsthistorikerin, die ein Praktikum in einer Radiostation und ein Volontariat in einer Lokalredaktion absolviert hat, am Ende in der Marketingabteilung eines Unternehmens arbeitet, folgendes zu lesen: Im Studium hat sie nicht nur fachliches Know-how gelernt, sondern auch systematisch und analytisch zu arbeiten. Sie kann sich gut ausdrücken und hat ein Talent zum Durchhalten. Nur muss sie sich mit genau diesen Qualitäten möglichst gut verkaufen.

Wer auf einen krummen Lebenslauf zurück blickt, muss ihn als Patchwork-Laufbahn aktiv und positiv annehmen, dabei immer die eigene Selbstdarstellung vor Augen: „Wer erfolgreich sein will, der sollte in zwei bis drei Sätzen erzählen können, wer er ist und für welche Werte er steht!“

„Oft wird die Patchwork-Karriere noch als etwas Negatives definiert; denn alle sozialen Sicherungssysteme – ob Krankenkasse, Arbeitslosenversicherung oder Rente – setzen eine lebenslange Erwerbsbiografie voraus“, sagt die Hamburgern Kulturwissenschaftlerin Alexandra Lübcke. „Die meisten Frauen konnten auch in der Vergangenheit nie eine Normalbiografie mit Bilderbuchlebenslauf vorweisen.“ Die Forscherin kann dieser Entwicklung auch positive Seiten abgewinnen: „Nun trifft es viel mehr Menschen und die Lebensläufe der Frauen verlieren das Stigma des Mangels.“ Es würde Zeit, die Patchwork-Karriere als das zu betrachten, was sie auch ist: „Eine Ressource, die Individualität verleiht. Ein Schatz, den man so umdeuten kann, dass er der eigenen Biografie Sinn ergibt.“