Jean-Claude Trichet hatte kaum angefangen zu reden, da hatten die Finanzmärkte ihr Urteil bereits gefällt: Keine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) mehr in diesem Jahr. Für das kommende Jahr rechnen die Investoren nun schon wieder mit fallenden Sätzen.
Obwohl die EZB am Donnerstag wie erwartet die Leitzinsen mit 4,25 Prozent unverändert ließ, markiert die jüngste Notenbanksitzung für die Finanzmärkte eine Wende, die auch für Sparer relevant ist. Schließlich scheint die Zeit steigender Sätze für Tages- und Festgeldkonten vorbei zu sein. Wer dem Verdikt der Märkte folgen will, muss sich daher sputen. Denn die Verzinsung bei einjährigem Tagesgeld von über fünf Prozent könnte demnach schon bald wieder der Vergangenheit angehören. Zuletzt war der Durchschnittssatz bei den Festgeldkonditionen mit knapp 4,7 Prozent auf den höchsten Wert seit sechs Jahren geklettert.
Ein Grund für das Zinshoch bei den Festgeld- und Tagesgeldanlagen war die vorangegangene Leitzinsanhebung der Notenbank Anfang Juli, die erste seit einem Jahr. Da sich die Banken bei ihren Konditionen am EZB-Satz orientieren, stiegen parallel dazu daher auch die Konditionen für Sparer zeitnah an. Zudem nutzen viele Kreditinstitute Festgeldanlagen als attraktives Marketinginstrument. So hat die Commerzbank mit ihrem Festgeldkonto, das mit 5,2 Prozent verzinst wird, zuletzt eine Million neue Kunden gewonnen.
Sogar noch etwas mehr bietet die Postbank derzeit für zwölf Monate an. Das Institut offeriert noch bis Ende August einjähriges Festgeld zu 5,25 Prozent. Die indische ICICI Bank zahlt für ein onlinegeführtes Festgeld sogar 5,3 Prozent Zinsen. Da das Institut Mitglied im deutschen Einlagensicherungsfonds ist, sind Anlegergelder bis weit über Million Euro geschützt.
Sollten die Finanzmärkte Recht behalten und die Leitzinsen der EZB demnächst wieder sinken, dürften früher oder später auch die Konditionen für Tages- und Festgeld wieder sinken. Da sich diese bei Tagesgeldanlagen relativ kurzfristig ändern können, raten Experten Anlegern dazu, sich jetzt eher auf Festgeldanlagen zu konzentrieren, bei denen die Sätze auf ein Jahr im Voraus festgelegt sind.
Auslöser dafür, dass die Finanzmärkte einen Schwenk bei den Zinserwartungen vorgenommen haben, waren Äußerungen Trichets, wonach sich die Konjunktur in der Eurozone zunehmend abschwächt. „Die zuletzt verfügbaren Daten deuten auf ein schwächeres Wirtschaftswachstum zur Jahresmitte 2008 hin als nach dem außergewöhnlich starken Wachstum im ersten Quartal erwartet worden war“, sagte der EZB-Präsident. Die Risiken eines wirtschaftlichen Abschwungs träten bereits ein. Zwar bekräftigte der oberste Euro-Hüter im Verlauf der rund einstündigen EZB-Pressekonferenz, dass gleichzeitig die Inflationsgefahren weiterhin hoch seien und die EZB nach wie vor ihr oberstes Ziel der Preisstabilität verfolgen werde.
Doch zumindest an den Finanzmärkten wird nichtsdestotrotz fest damit gerechnet, dass die Zentralbank schon im kommenden Monat ein deutlich pessimistischeres Konjunkturbild zeichnen könnte, was die Zinssenkungserwartungen sogar noch weiter anheizen dürfte.
Parallel dazu verlor der Euro an Kraft. Die Gemeinschaftswährung gab gegen über dem US-Dollar in der Spitze 1,5 Cent nach. Staatsanleihen haussierten, die Rendite der zehnjährigen Bundestitel sank um acht Stellen. Mit 4,27 Prozent rentierten die Papiere so niedrig wie seit Mai diesen Jahres nicht mehr.
„Die EZB berücksichtigt zusehends die Konjunkturabkühlung im Euroraum“, sagt Matthew Sharratt, Ökonom bei der Bank of America gegenüber Bloomberg. Zuletzt hatten zahlreiche schlechte Konjunkturdaten Rezessionsängste in mehreren Euroländern geschürt. Trichet wies allerdings darauf hin, dass die EZB von dieser Entwicklung aber nicht überrascht sei.
Dass die Experten die gleichzeitig sehr deutlich formulierten Warnungen des Notenbank-Präsidenten vor anhaltenden Teuerungsgefahren auf die leichte Schulter nahmen, liegt auch daran, dass die Inflationserwartungen zuletzt von über 2,7 auf 2,3 Prozent gefallen sind und damit wieder deutlich näher an dem von der EZB ausgegebenen Preisstabilitätsziel von zwei Prozent liegen.



