Drei Mal entscheiden die Währungshüter der wichtigsten Notenbanken in den kommenden Tagen über die Leitzinsen, drei Mal ist nicht mit einer Veränderung zu rechnen.

Gleichwohl lohnt es sich für Anleger ganz genau hinzuhören, wenn Ben Bernanke, Jean-Claude Trichet und Mervyn King den Kurs der kommenden Monate skizzieren. Denn ein Jahr nach Ausbruch der globalen Finanzkrise stehen die Währungshüter der amerikanischen Federal Reserve (Fed), der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank of England vor dem größten Dilemma seit Jahrzehnten: Die großen Wirtschaftsblöcke der westlichen Welt drohen in eine Rezession abzudriften, gleichzeitig befindet sich die weltweite Inflation auf dem höchsten Niveau seit langem. In den USA wiesen gestern veröffentlichte Daten den stärksten Preisanstieg seit 1981 aus, in der Eurozone ist die Teuerung zuletzt mit 4,1 Prozent auf ein 16-Jahreshoch geklettert. Bei dieser Gemengelage steht einiges auf dem Spiel. Bleiben die Zinsen zu niedrig, riskieren die geldpolitischen Entscheidungsträger eine weitere Beschleunigung der Inflation. Bleiben die Sätze dagegen zu hoch, könnte die Weltwirtschaft in ihre erste Rezession seit dem Platzen der Millenniumsblase schlittern.

„Wir befinden uns in einer sonderbaren Situation“, sagt David Lipton, Leiter weltweites Währungsrisikomanagement bei der Citigroup. „Wenn wir in einem Jahr zurückblicken werden, dürften wir mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass die Notenbanker einen sehr, sehr schwerwiegenden Fehler gemacht haben. Das Problem besteht darin, dass wir nicht wissen, was wir dann sagen werden. Entweder sie waren zu lax oder zu rigoros.“

Kehrtwende an den Finanzmärkten

In den vergangenen Tagen hat es eine Kehrtwende an den Finanzmärkten gegeben. Seit der Ölpreis fällt und sich die Konjunkturaussichten täglich stärker eintrüben, sind die Inflationssorgen rapide geschwunden. Damit hat sich die Angst vor drastisch steigenden Leitzinsen verflüchtigt. Für die USA wird bis Dezember mit unveränderten Sätzen von niedrigen zwei Prozent gerechnet. Im Vereinigten Königreich könnten die Leitsätze demnächst sogar wieder fallen. Selbst die für ihre harte Haltung bekannte EZB dürfte maximal noch eine Straffung vornehmen, bevor die Zügel dann wieder etwas gelockert werden.

"Die Wachstumsrisiken steigen weltweit“, meint Stephen Gallagher, Ökonom bei der Société Générale in New York. Gleichzeitig habe die Inflation wohl ihren Höhepunkt erreicht. „Die Teuerungsrisiken sind zwar präsent, aber wir müssen wohl nicht eine gefährliche Spirale aus steigenden Preisen und Löhnen befürchten“, sagt Gallagher. Ähnlich sieht dies der Internationale Währungsfonds (IWF). Deren Experten zufolge dürfte die Rekordinflation im Euro-Raum wegen der schwächelnden Konjunktur abebben. Bereits Ende 2009 werde die Jahresteuerung der fünfzehn Länder des gemeinsamen Währungsgebiets unter zwei Prozent fallen und damit wieder die Preisstabilitätsnorm der EZB erfüllen.

Rapide Preissprünge

Ablesen lässt sich das veränderte Weltbild vor allem an den Inflationserwartungen der Märkte. Diese sind im vergangenen Monat von 2,71 Prozent um knappe 30 Basispunkte auf 2,34 gefallen. Damit einher ging ein Renditerückgang bei Staatsanleihen. Zehnjährige Bundespapiere rentierten gestern mit 4,32 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Mitte Mai.

Ob die Märkte mit dieser Einschätzung richtig liegen, können Anleger heute im Fall der Fed überprüfen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Dollarhüter Inflations- und Wachstumsrisiken gewichten. Zuletzt hatte Bernanke angesichts der rapiden Preissprünge den Ton verschärft und durchblicken lassen, dass die Fed bei nächster Gelegenheit von ihrem Notzins von zwei Prozent abrücken wolle.

Bei den Europäern müssen Anleger besonders auf Zwischentöne achten. Anders als vor sechs Wochen dürfte die EZB die Wachstumsaussichten etwas verhaltener einschätzen, ohne jedoch verbal die Tür für Zinssenkungen zu öffnen. „Trichet wird sich nicht die Blöße geben und nach der letzten Erhöhung eine 180 Grad-Drehung machen“, sagt Rainer Guntermann, Ökonom bei Dresdner Kleinwort in Frankfurt. Er werde bei den Inflationsrisiken keine Entwarnungen geben, sondern abwarten, bis die EZB-Ökonomen im September ihre neuen Prognosen veröffentlichen. „Dadurch gewinnt Trichet Zeit und kann sehen, ob der Ölpreis weiter fällt“, sagt Guntermann. Ähnlich argumentiert Martin van Vliet, Ökonom bei ING Bank in Amsterdam: „Es ist ein Drahtseilakt für die EZB. Sie müssen die Gefahren einer Lohn-Preis-Spirale ausbalancieren mit den Risiken, die sich aus einem Abschwung ergeben.“ Noch angespannter ist die Lage in Großbritannien. Das Land befindet sich vor dem Hintergrund rückläufiger Immobilienpreise auf dem Weg in die erste Rezession seit 1990.

Gerade für Hausbauer und Zinssparer geht es in den kommenden Tagen ums Ganze. Sollten die Notenbanker zur Inflationsbekämpfung einen zu restriktiven Kurs fahren, könnten die Bauzinsen weiter fallen. Im vergangenen Monat waren die Raten für zehnjährige Bindung bereits von 5,55 auf 5,38 Prozent gefallen. Für Sparer wiederum wären im Fall der harten Inflationsbekämpfung die derzeitigen Festgeldangebote von 5,2 Prozent für einjährige Anlagen attraktiv.

Ganz anders sähe die Situation dann aus, sollten sich die Währungshüter mehr der Konjunkturstimulierung zulasten der Inflationsbekämpfung widmen. Dann könnten die Bauzinsen schnell wieder auf 5,55 Prozent oder höher steigen. Auch dürfte es im Fall weiter steigender Inflationsraten bald attraktivere Festgeldangebote jenseits von 5,2 Prozent geben.