Morgenpost Online : Herr Gontscharuk, AFK Sistema wurde in Deutschland bekannt, als Sie bei der Deutschen Telekom einsteigen wollten. Seitdem läuft eine Debatte über den Schutz deutscher Unternehmen vor Investoren aus Russland, China und den arabischen Staaten. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Alexander Gontscharuk : Unser Versuch, mit der Deutschen Telekom ins Geschäft zu kommen, taugt nicht als Auslöser für eine Angstdebatte. Ich denke, es ist ohnehin ein Fehler, uns in eine Reihe mit den Chinesen stellen zu wollen. Wir sind längst in Deutschland präsent. Auch wenn Russen nicht Eigentümer der ganz großen Unternehmen sind, halten viele doch Beteiligungen.

Morgenpost Online : Warum haben Sie sich an der Deutschen Telekom verhoben?

Gontscharuk : Die Deutschen haben unseren Vorschlag nicht zu Ende durchdacht. Ich schließe jedoch nicht aus, dass wir uns irgendwann noch einmal zusammensetzen werden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Eigentümer verhandeln gegenwärtig nicht.

Morgenpost Online : Ihre Morgengabe war eine Beteiligung an Russlands größtem Mobilfunkkonzern MTS. Kommt es infrage, dass Sie sich von MTS im Tausch gegen einen Anteil an einem Telekom-Multi trennen?


Gontscharuk : Wir werden dieses Aktiv nicht gegen eine noch so attraktive Minderheitsbeteiligung eines Unternehmens irgendwo in der Welt eintauschen. Wir sind zwar Eigner, aber auch daran interessiert, ein Unternehmen zu managen. Das ist allerdings, wie ich zugeben muss, im Fall Deutsche Telekom eher unwahrscheinlich.


WELT ONLINE : Haben Sie Interesse an anderen Telekom-Aktiva im Westen?


Gontscharuk : Natürlich. Wir haben ein Entwicklungsniveau erreicht, das uns verpflichtet, ein internationaler Konzern zu werden. Das betrifft Sistema, das betrifft MTS. Am weitesten sind wir da mit unserem Elektronikkonzern Sitronics. Zu ihm gehören schon jetzt Unternehmen in Griechenland, Tschechien, Rumänien.


Morgenpost Online : Ist der russische Telekommunikationsmarkt ausgereizt?

Gontscharuk : Das Potenzial ist noch nicht erschöpft, weder beim Durchschnittsumsatz pro Abonnenten noch bei der Abonnentenzahl. Es ist spannend, dass sich das Wachstum nicht nur aus zusätzlichen Dienstleistungen generiert, sondern auch aus der Zunahme des Sprachverkehrs. Mit anderen Worten: Meine Landsleute telefonieren länger und öfter.

Morgenpost Online : Nach welchen Märkten halten Sie noch Ausschau?

Gontscharuk : Wir richten unseren Blick nach Südostasien. Auf die dortigen Wachstumsmärkte kann man noch vordringen – im Gegensatz zu so manchem europäischen Markt.

Morgenpost Online: In Indien haben Sie sich an dem Mobilfunker Shyam Telelink beteiligt. Was erwarten Sie sich davon?

Gontscharuk : Wir wollen an Shyam ein Kontrollpaket erwerben, die Entscheidung fällt die indische Regierung. Unsere Anträge liegen vor, wir warten auf eine Antwort. Die sollte binnen eines Monats kommen.

Morgenpost Online : Um welche Größenordnung geht es bei diesem Engagement?

Gontscharuk : Wir wollen in allen 22 indischen Staaten Frequenzen erwerben. Bislang ist Shyam Telelink in Rajasthan aktiv. Sollten wir unsere Pläne umsetzen, geht es um 600 Mio. Dollar für die Frequenzen und weitere 600 Mio. Dollar für den Ausbau der Netze.

Morgenpost Online : Welche Staaten könnten Sie noch reizen?

Gontscharuk : Indonesien und Vietnam. Nach Nordeuropa zieht es uns kaum, da sind die Märkte aufgeteilt. Das gilt zum großen Teil auch für Zentraleuropa. Es ist aber immer die Frage, ob sich eine konkrete Chance bietet. Wir schauen jedoch fasziniert zu, wie sich beispielsweise ein Anbieter wie E-Plus auf dem harten Markt in Deutschland zu behaupten sucht. Wir können von solchen Erfahrungen nur lernen.

Morgenpost Online : Wäre denn E-Plus nichts für Sie?

Gontscharuk : E-Plus bietet uns keiner an. Eine Hochzeit kann nur stattfinden, wenn eine Braut auf dem Markt ist.

Morgenpost Online : Haben Sie Interesse an Aktiva in Deutschland jenseits des Telekomsektors?

Gontscharuk : In Bereichen wie Handel, Banken – wir bauen gerade eine Bankengruppe auf –, Tourismus oder Medizin sind Kooperationen mit deutschen Partnern vorstellbar. Nehmen wir unser Unternehmen Intourist. Da wäre denkbar, gemeinsam eine Hotelkette in Europa aufzubauen. Oder den Medizinsektor: Wir unterhalten 22 Kliniken in Russland, das Netz soll auf 100 Kliniken ausgeweitet werden. Ohne deutsche Medizintechnik kommen wir hier nicht weiter. Wir sprechen intensiv mit Siemens.

Morgenpost Online : Wäre nicht auch eine deutsch-russische Produktionsstätte im Hochtechnologiesektor für Sie attraktiv?

Gontscharuk : Natürlich interessiert uns eine Kooperation in der Hochtechnologie. Es ist nicht lange her, da hatten wir Siemens eine gemeinsame Produktion von Fernmeldetechnik vorgeschlagen. Die Lage hat sich jedoch grundlegend geändert. Der Vektor – das ist schlecht für Russland wie für Deutschland – zeigt nach Südostasien. Ich glaube, die Deutschen haben möglicherweise einen Fehler gemacht, als sie Teile ihrer Produktionsstätten nicht zu uns, sondern nach Asien verlagerten. Vor einigen Jahren hätte Russland noch ein interessanter Standort für die Endmontage im Hochtechnologiebereich werden können. Das haben wir verpasst.

Morgenpost Online : Zu einer Hightech-Großmacht gehört auch das Personal. Hat Russland genug davon?

Gontscharuk : In diesem Jahr eröffnen wir bei Moskau einen ‚Reinraum', eine Produktionsstätte europäischer Güte. Alle Spezialisten müssen wir im Ausland ausbilden. Wer etwas im Kopf hat, über einen hohen IQ-Wert verfügt, wird zur Fortbildung ins Ausland geschickt. Unsere Leute lernen dort nicht nur ein bestimmtes Knowhow, sondern eine ganzheitliche technologische Kultur kennen.

Morgenpost Online : Hunderttausende Wissenschaftler sind in den vergangenen Jahren aus Russland emigriert.

Gontscharuk : Die, die weggegangen sind, kommen zurück. Sie finden hier das, was die Amerikaner „challenge“ nennen. Mir bereitet allerdings Sorgen, dass der Mittelbau weggebrochen ist, dass es zu wenige Techniker gibt. Wir produzieren Betriebswirtschaftler, Juristen, Marketing- und PR-Experten. Doch wo sind die Ingenieure?

Morgenpost Online : Kann der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zum Wachstumshemmnis werden?

Gontscharuk : Davon bin ich überzeugt. Du kannst einen Markt haben, aber ohne Fachkräfte bricht auf Dauer das Wachstum ein.

Morgenpost Online : Präsident Wladimir Putin hat sich kürzlich gegen ausländische Manager auf Spitzenpositionen ausgesprochen. Verwirrt Sie diese Forderung angesichts der Personalprobleme?

Gontscharuk : Putin meinte etwas anderes. Wie lange soll sich Russland noch auf westliche Ressourcen verlassen? Sollten wir unseren Sistema-Konzern zu einem Sperrgebiet für Ausländer machen, würde das Hunderte von Leistungsträgern betreffen.

Morgenpost Online : Putin sieht den Staat in der Pflicht, eine Hightech-Offensive zu starten. Kann Russland so den Rückstand zur Weltspitze aufholen?

Gontscharuk : Wir spüren mehr und mehr die Unterstützung des Staates – ob als Investor oder Auftraggeber, ob im militärischen oder zivilen Sektor. Es muss allerdings die Balance zwischen großen Staatskorporationen und Privatunternehmen gewahrt bleiben. Für die Privatwirtschaft geht es dann allein noch um die Frage, wie rentabel ein Projekt ist.

Morgenpost Online : Reicht nicht einfach die ausdrückliche Bitte von Putin, die niemand abschlagen kann, und Sie investieren?

Gontscharuk : Der Staat bittet selten. Der Staat schlägt vor. Wir können dann akzeptieren oder ablehnen. Es ist inzwischen alles recht zivilisiert.

Morgenpost Online : Der Kreml gründet eine Staatskorporation nach der anderen.

Gontscharuk : Das ist in der Tat ein gefährlicher Weg. Wenn Staatskorporationen entstehen für den Bau von Kriegsschiffen und Kampfjets, kann ich das verstehen. Wenn sie aber beispielsweise Monopole beim Arzneimittelgroßhandel oder bei der Produktion von Zement sein sollen, dann ist das schrecklich. Der Staat überschreitet damit eine Grenze.

Morgenpost Online : Warum muss ein Land wie Russland überhaupt im Hochtechnologiesektor konkurrenzfähig sein? Reicht es denn nicht, eine Rohstoff-Supermacht zu sein?

Gontscharuk : Ein Land dieser Größe und mit diesen Naturschätzen ist verpflichtet, eigene Flugzeuge, Schiffe und Autos zu produzieren. Es geht hier um eine Produktionsbasis aus Tausenden von Unternehmen, und das ist eine nationale Aufgabe.

Morgenpost Online : Sie haben in der Vergangenheit Unternehmen um Unternehmen an die Börse geführt. Welche Börsenpläne liegen in der Schublade?

Gontscharuk : In diesem und im kommenden Jahr werden wir voraussichtlich kein Unternehmen an die Börse bringen. Wir sind damit beschäftigt, die Kapitalisierung von Unternehmen wie Intourist oder unserer Bankengruppe zu erhöhen. Sie müssen wachsen. Ein Börsengang käme zum jetzigen Zeitpunkt zu früh.

Morgenpost Online : Was hat sich durch die Börsengänge in der Sistema-Gruppe verändert?

Gontscharuk : Wir haben nun unabhängige Aufsichtsratsmitglieder, die uns Impulse geben, die Konzernstruktur ist klarer, die Unternehmen transparenter. Und wir können besser Finanzressourcen heranziehen, die wir für unseren Wachstumskurs brauchen.

Morgenpost Online : Wie hat sich Ihr Führungsstil verändert?

Gontscharuk : Ich bin demokratischer geworden. Jede Entwicklungsphase eines Unternehmens bedarf eines eigenen Stils. In einem Start-Up, aber auch in Krisenzeiten sollte die Führung zentralisiert, in Zeiten normaler Entwicklung muss sie demokratisch geprägt sein. Ich delegiere inzwischen mehr.

Morgenpost Online : Ihr Geschäft basiert auf dem Konsumentenboom in Russland. Wie lange wird der noch anhalten?

Gontscharuk : Sehr lange. Wir sind noch nicht satt. Uns hat man allzu lange gestört, gut zu essen. Wie erkennt man heute einen Russen in Hamburg oder München? Er ist exzellent gekleidet. Dieses Bedürfnis nach Konsum wird uns lange gefangen halten. Ich kann das nur begrüßen, wenn die Menschen Geld verdienen und ausgeben wollen. Ein reiches Land ist die Summe aus reichen Menschen.

Morgenpost Online : Ist Russlands Aufschwung nur vom Öl gespeist?

Gontscharuk : Natürlich hängt in Russland viel vom Öl ab. Die Diversifizierung der Wirtschaft schreitet jedoch voran. Unser Unternehmen ist ein gutes Beispiel. Wir verdienen unser Geld nicht mit Öl. Wer auf einer Ölquelle sitzt, muss sich doch nicht anstrengen. Aber wer keinen Zugang zu den Naturressourcen hat, muss sich in Form halten.

Morgenpost Online : Russland steht vor den Präsidentenwahlen. Macht Sie als Unternehmer die Ungewissheit, wer in den Kreml einzieht, nervös?

Gontscharuk : Es findet ein ganz normaler Wechsel an der Staatsspitze statt. Im Westen dachte mancher, Präsident Wladimir Putin würde eine fünfte, vielleicht auch eine zehnte Amtszeit anstreben. Innerhalb kürzester Zeit hat er jedoch alle Fragen geklärt. Er wird Parteichef. Für uns Unternehmer ist die Politik heute das geringste Problem.