Reporter des NDR-Fernsehmagazins „Panorama“ haben nach eigenen Angaben einen brisanten Datenskandal aufgedeckt: Demnach griffen Datenhändler übers Internet massenhaft sensible Informationen ranghoher Bundespolitiker ab – und boten sie zum Kauf an. „Die Datenspur reicht bis ins Kanzleramt“, heißt es in einer Mitteilung des NDR.
Möglich wurde diese Aktion dem Bericht zufolge mit Hilfe sogenannter Browser-Erweiterungen, auch als Add-ons bezeichnet. Dies sind kleine Internet-Programme, die Grundprogramme um neue Funktionen erweitern.
Über Scheinfirma brisante Daten gekauft
Laut NDR benutzten die Datenhändler solche Add-ons, um sich gleichsam in den Datensatz ihrer Nutzer einzuschleichen: „Einmal installiert, protokollieren und übermitteln sie im Hintergrund auch alle besuchten Seiten eines Nutzers an einen Server, wo die Daten zu Nutzerprofilen gebündelt werden.“
Die Reporter, deren Beitrag zu dem Thema an diesem Donnerstag um 21.45 Uhr in der ARD zu sehen ist, gründeten für ihre Recherche eine Scheinfirma, um an die Informationen zu gelangen. Gleich mehrere Unternehmen hätten sich bereit gezeigt, die Web-Daten deutscher Internet-Nutzer zu verkaufen. Ein Unternehmen habe die nun für „Panorama“ ausgewerteten Daten dann sogar als kostenlosen Probe-Datensatz geliefert.
Informationen über interne Sitzung ausgeforscht
Dieser Einblick reichte offenbar aus, um die Brisanz dieses Datenhandels zu erkennen: So waren nicht nur Daten von Millionen von „Normalbürgern“, sondern auch zahlreicher Politiker. In mehreren Fällen seien „sensible Informationen ausgeforscht worden, etwa zu Reisen und Treffs, zur Vorbereitung interner Sitzungen, zum Umgang mit Interessensgruppen oder auch zu privaten Dingen wie Vermögensverhältnissen und Gesundheit“.
Was das konkret bedeutet, zeigt der Fall von Valerie Wilms, Bundestagsabgeordnete der Grünen. Die Browser-Daten zeigen laut NDR Reiseverläufe von Wilms, geben Hinweise auf ihre Gesundheit, ihre Steuerdaten und lassen Einblicke in ihre politische Arbeit zu. „Natürlich kann es schaden. Man wird damit durchaus erpressbar“, sagt Wilms dem Sender. Sie fühle sich „nackt demjenigen gegenüber, der die Daten hat“.
Merkels Staatsminister zählt zu den Opfern
In den Daten tauchen demnach auch Politiker auf, die „in hochsensiblen Bereichen arbeiten“: Etwa Helge Braun. Der Christdemokrat ist Staatsminister bei der Bundeskanzlerin, gilt als Vertrauter von Angela Merkel. Über den PC eines seiner Mitarbeiter seien Brauns Informationen in den Datensatz gelangt. Den Politiker überrascht vor allem, „dass es oftmals ungeachtet der Unzulässigkeit des Datenabflusses schwierig ist, als Anwender diesen überhaupt nachzuvollziehen“.
Die „Panorama“-Reporter wollen eines der Spähprogramme ausfindig gemacht haben. „Durch Stichproben“, so sagen sie, sei man auf das Programm „Web of Trust“, kurz WOT, gestoßen. Dieses Zusatz-Programm Erweiterung soll eigentlich das Surfen im Internet sicherer machen – WOT gibt vor, die Integrität von Webseiten zu prüfen.
Grüner EU-Politiker zeigt sich entsetzt
„Gleichzeitig jedoch übermittelt die Software offenbar im Hintergrund die Adresse jeder besuchten Seite an einen Server, wo die Daten ohne Wissen des Nutzers gespeichert und weiterverarbeitet werden“, so die NDR-Recherche. WOT sei mutmaßlich nur eine von zahlreichen Erweiterungen, die so agierten und „für einen steten Datenstrom bei den Zwischenhändlern“ sorgten.
Insgesamt umfasst der jetzt von „Panorama“ ausgewertete Datensatz mehr als zehn Milliarden Web-Adressen, aufgerufen von rund drei Millionen Usern aus Deutschland. „Ihre Internetaktivitäten geben intime Geheimnisse aus dem Berufs- und Privatleben preis: Informationen zu laufenden Polizei-Ermittlungen, die Sado-Maso-Vorlieben eines Richters, interne Umsatz-Zahlen eines Medien-Unternehmens und Suchanfragen zu Krankheiten, Prostituierten und Drogen“, so der Sender. Die Daten ließen auch Rückschlüsse darauf zu, wann sich einzelne Nutzer wo aufgehalten haben und erlaubten so, Bewegungsprofile zu erstellen.
Ein weiterer betroffener Abgeordneter ist der Europa-Parlamentarier Martin Häusling, Agrar-Experte der Grünen. „Aus so was kann ja jeder ablesen, an was ich arbeite, wo ich selber Recherchen mache, mit wem ich mich treffe“, sagte Häusling in einer Reaktion auf die Enthüllung. „Wir brauchen als Abgeordnete Vertrauensschutz.“
SPD-Netzpolitiker: Vielleicht ist man da naiv
Ähnlich äußert sich Lars Klingbeil, netzpolitischer Sprecher der SPD. Er taucht laut NDR in dem ausgewerteten Datensatz ebenfalls auf. „Ich habe nicht gewusst, dass solche Sachen identifizierbar sind. Vielleicht ist man da naiv an der Stelle, aber man braucht auf jeden Fall Aufklärung darüber, welche Daten eigentlich erhoben werden und was mit den Daten dann passiert“, so Klingbeil. Wenn sich herausstelle, dass man den Firmen nicht einfach vertrauen könne, „dann müssen Gesetze her“, so Klingbeil.


