Die Nachrichtenlage um den in Moskau festsitzenden Whistleblower Edward Snowden verfolgt der Berliner Professor Volker Roth mit größtem Interesse. Auch die Diskussionen darüber, wie die Enthüllungen des Amerikaners über die Internet-Spähprogramme des US-Geheimdienstes NSA und des britischen GCHQ zu bewerten sind.

Der Informatikprofessor der Freien Universität hat durchaus Respekt für die Zivilcourage des Whistleblowers Snowden: „Er opfert seine Zukunft für seine rechtsstaatliche Überzeugung, indem er Missstände aufdeckt.“

Roth will einen Beitrag dazu leisten, dass die Öffentlichkeit auch künftig von solchen Missständen erfährt: In seinem Institut in Dahlem hat er das System AdLeaks entwickelt, das eine sichere anonyme Datenübertragung ermöglichen soll. Ein erster Testbetrieb zur Evaluierung des Systems soll bereits in den nächsten drei Wochen beginnen, ein Quellcode der Server-Software steht bereits jetzt zum Herunterladen bereit.

Bislang hohes Risiko für Informanten

Informanten, die mit ihrem Wissen über Korruption oder gesetzeswidriges Verhalten in Unternehmen oder Behörden namentlich an die Öffentlichkeit gehen, setzen sich einem hohen Risiko aus. Roth verweist auf Studien, die zeigen, dass Whistleblower mit Job-Verlust, mit Strafverfolgung und sozialer Diskriminierung rechnen müssen.

Doch auch Whistleblower, die über das Internet anonym Informationen verbreiten wollen, haben mit den derzeit verfügbaren Techniken ein großes Risiko, entdeckt zu werden. Das soll sich durch AdLeaks ändern.

Roth sagt: „Die von der NSA gesammelten Verbindungsdaten erlauben es, einmal getätigte Anrufe oder Internetverbindungen weit in die Vergangenheit zurückzuverfolgen.“ Der amerikanische Geheimdienst zapft über das Spähprogramm Prism nicht nur Firmen wie Google, Apple, Microsoft und Facebook an, sondern schöpft zusätzlich Daten direkt über Glasfaserleitungen ab, die als Infrastruktur für den Internetverkehr dienen. Eine Verschlüsselung allein bietet keinen ausreichenden Schutz.

Experten nutzen daher auch Anonymisierungsdienste wie Tor, bei denen Daten über mehrere Rechner geleitet werden, sodass der Empfänger den Absender nicht erkennen kann. Doch selbst für Tor-Nutzer gibt es nach Einschätzung des Informatikers ein nicht zu vernachlässigendes Risiko.

Zum einen könne sich ein Informant schon durch die Nutzung des Dienstes verdächtig machen. Und: Global agierende Geheimdienste haben durch Verkehrsanalysen die Möglichkeit zu messen, wann Nutzer Daten senden und wann Daten einen Rechner erreichen. Aus diesen Infos lässt sich eventuell herausrechnen, ob jemand Daten an eine bestimmte Webseite übermittelt hat. Genau hier setzt AdLeaks an, denn Verbindungsdaten werden in diesem System bedeutungslos.

Wie AdLeaks funktioniert

Wie soll das in Dahlem entwickelte System funktionieren? AdLeaks benötigt möglichst viele Partner, beispielsweise Online-Nachrichtenportale, die auf ihren Internetseiten Skripte – kleine Ads – platzieren. Diese Skripte werden beim Aufrufen der Seite automatisch und bei allen Nutzern ausgeführt. Und sie sorgen dafür, dass eine leere, aber verschlüsselte Nachricht an AdLeaks zurückgesandt wird.

Potenzielle Whistleblower, die ihren Browser mit einer Spezialsoftware ausgestattet haben, die sie auf ähnlich unauffällige Weise erhalten, können dann die verschlüsselte leere Nachricht gegen eine mit vertraulichen Enthüllungen austauschen. „Das funktioniert wie bei einem Hütchenspiel“, so Roth. Überwachungsprogramme, die den Datenverkehr im Internet verfolgen, können die Nachrichten nicht voneinander unterscheiden. Auch die Verbindungsdaten geben keinen Aufschluss, da alle Nutzer der Partner-Internetseiten die gleichen Daten übermitteln. Die via AdLeaks übermittelten Daten sind mengenmäßig begrenzt – alle Pakete sollen gleich groß sein, damit aus dem Umfang keine Rückschlüsse gezogen werden können.

Und was geschieht am Ende mit den verschlüsselten Daten? Zwar stellen Roth und seine Arbeitsgruppe das System bereit, doch für die Dechiffrierung und Weitergabe der vertraulichen Informationen kann sein Institut nicht sorgen. Auch dafür wird es vertrauenswürdige Partner geben müssen, die noch gesucht werden.

Whistleblower wie Edward Snowden verletzen Gesetze. Sieht Roth ein Problem darin, dass sein System Menschen nutzt, die sich einer möglichen Strafverfolgung wegen Geheimnisverrats entziehen wollen? „Wo Organisationen aufrichtig und gesetzestreu operieren, gibt es keine Whistleblower, weil es nichts aufzudecken gibt. Wir müssen abwägen, was mehr im Interesse der Gesellschaft liegt, eine mögliche Straffälligkeit des Whistleblowers oder Kenntnis zu erlangen, wenn Organisationen sträflich oder gegen das Wohlergehen der Gesellschaft handeln. Hier ist auch die Presse gefragt, die letztlich die Informationen empfängt und entscheidet, welche davon sie veröffentlicht.“

Für den Informatik-Professor steht fest, dass AdLeaks, das im Rahmen des EU-Projektes Confine evaluiert wird, der Demokratie dient: „Es stärkt die Rolle der Bürger, die im Fall von Missständen ihre Kontrollfunktion eher wahrnehmen können.“