Rund 16 Millionen Lieder: Auf CDs gebrannt würden sie ein kilometerlanges Regal füllen. Sie einmal komplett zu hören würde fast 100 Jahre dauern. Trotzdem versprechen neuartige Musikdienste ihren Nutzern, diese Zahl von Songs jederzeit in der Hosentasche herumtragen zu können.
Die Lieder werden dabei nicht mehr auf CD, einer Festplatte oder einem MP3-Spieler gespeichert, sondern auf dem Server des Anbieters. Von dort werden sie via Internet als kleine Datenhäppchen ans Notebook oder Smartphone gesendet und abgespielt. Streaming heißt dieses Verfahren – abgeleitet von „datastream“, dem englischen Wort für Datenstrom.
Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage hören bereits 55 Prozent der 20-bis 29-Jährigen Musik per Internet-Stream. Aus der Millionen-Auswahl können sie eigene Abspiellisten erstellen, Vorlieben speichern und sich neue Musik vorschlagen lassen – und auf die Lieder von überall aus zugreifen.
Die Anbieter der Musikdienste schießen wie Pilze aus dem Boden: Vergangene Woche startete der schwedische Branchenriese Spotify sein Angebot in Deutschland. Das Unternehmen verhalf der Musik aus dem Netz bereits in Skandinavien und den USA zum Durchbruch. Sein amerikanischer Konkurrent Rdio drängte im Januar auf den deutschen Markt, die britische Firma Deezer im Dezember 2011. Schon vorher gab es Simfy, Napster und Juke.
Eines haben die Unternehmen alle gemein: Sie wittern auch hierzulande einen riesigen Markt. Der wohl bekannteste deutsche Streaming-Anbieter Simfy hat mittlerweile zwei Millionen aktive Nutzer. Weltweit sollen es mehr als zehn Millionen Nutzer sein. Spätestens mit dem Deutschland-Start von Spotify könnte der Andrang auch hierzulande wachsen, erwartet etwa Hubert Wandjo, Professor an der Popakademie Baden-Württemberg.
Denn wer sich einmal mit den Diensten vertraut gemacht hat, kommt deutlich günstiger weg, als wenn er die Songs einzeln auf CD oder als Download kaufen würde. Allerdings gibt es Preisunterschiede: Simfy und Spotify lassen sich in einer Art Basispaket kostenlos nutzen – allerdings unterbrochen von Werbung. Wer sich damit nicht abfinden möchte oder die Musik auch via Smartphone hören will, muss zahlen – bei Napster für das größte Song-Paket rund 13 Euro pro Monat.
Zehn Euro im Monat
Die meisten anderen Anbieter verlangen rund zehn Euro pro Monat für ein Paket mit allen Songs und Funktionen. Wer nicht via Smartphone hören möchte, ist schon mit rund fünf Euro monatlich dabei. Und wer sich gleich für zwölf Monate bindet, kann in der Regel noch mal bis zu 20 Prozent sparen.
Die Anbieter sind aber nicht nur verschieden teuer, sie sind auch unterschiedlich gut. Das zeigt ein Vergleich des Nachrichtenportals „Morgenpost Online“, das sechs Anbieter getestet hat. Simfy und Spotify etwa überzeugten dabei mit der umfangreichsten Musikauswahl: Die Plattformen haben 16 Millionen Titel im Angebot.
Auch in einem weiteren Punkt haben die beiden gemeinsam mit Rdio die Nase vorn: Ihre Nutzer können auch solche Songs in die persönliche Online-Bibliothek einbauen, die sie anderswo als Musikdatei gekauft, herunter geladen oder selbst von ihren CDs aufgenommen haben. Das löst ein Problem, das alle Angebote gemeinsam haben: Trotz Millionen von Songs sind manche Lieder nicht abrufbar, denn die Plattenfirmen stellen bisher nicht alle für Streaming-Dienste zur Verfügung.
Zugriff von überall möglich
Egal bei welchem Anbieter: Los geht es mit der Anmeldung, dafür sind E-Mail-Adresse und Passwort nötig. Die Kennung bietet überall dort Zugriff auf die Musiksammlung, wo es Internet gibt. Ist der Nutzer registriert, kann er sofort loslegen: Per Suchbegriff lassen sich Interpreten, Alben und Titel finden. Ein Mausklick genügt, um Musik zur persönlichen Bibliothek hinzuzufügen oder zu Abspiellisten zusammenzustellen. Alle Dienste sind über Browser wie den Internet Explorer und so von jedem beliebigen PC aus steuerbar – mit einer Ausnahme: Spotify-Nutzer müssen sich ein Programm herunterladen, um den Dienst zu nutzen.
Um sich in der der Millionen-Bibliothek zurechtzufinden, haben die Dienste verschiedene Mechanismen, ihren Nutzern neue Musik vorzuschlagen. Wer beispielsweise „Lady Gaga“ eintippt, bekommt moderne Chart-Musik, bei „Rolling Stones“ empfehlen die Dienste Interpreten wie Kiss, Deep Purple oder Ten Years After. Nur Anbieter Juke hat keine solche „Radio-Funktion“.
Für Spotify gibt es zusätzlich eine Vielzahl an Erweiterungen, die von externen Entwicklern produziert werden. So kann jeder Nutzer das Programm um jene Funktionen erweitern, die ihm nützlich erscheinen. Die Erweiterung TuneWiki zum Beispiel hält zu den Liedern die passenden Texte bereit.
Lieblingslieder mit Freunden teilen
Bei der Musik aus dem Web 2.0 mischen auf Wunsch auch die virtuellen Freunde mit: Jedes Streaming-Portal ist ein kleines soziales Netzwerk. Das meiste Gewicht auf Empfehlungen legt Rdio: Dort können Nutzer Freunden oder Musikexperten folgen und sich von deren Hörgewohnheiten und Empfehlungen durch den Musikdschungel geleiten lassen.
Alle Dienste lassen sich außerdem mit Facebook verbinden – bei Spotify ist ein Facebook-Konto sogar Voraussetzung. Bei Napster und Juke können Nutzer allerdings nur die Links zu bestimmten Liedern teilen, von denen Nicht-Kunden dann 30 Sekunden anhören können. Spotify und Simfy haben mehr zu bieten: Auch wer dort nicht selbst angemeldet ist, kann Lieder komplett hören, die Freunde via Facebook empfohlen haben.
Aber Achtung: Einige der Anwendungen posten automatisch jedes gehörte Lied auf die Facebook-Pinnwand. Wer das nicht möchte, muss die Funktion in den Einstellungen manuell deaktivieren. So schön es sein kann, gute Musik weiterzuempfehlen – dass bei einem Rocker statt AC/DC auch mal Heino läuft, muss ja nicht jeder wissen.
Musiksammlung für die Hosentasche
Dank spezieller Miniprogramme, Apps, für Smartphones und Tablet-Computer passt die Musiksammlung in die Hosen- oder Umhängetasche. Die Anwendungen ähneln sich in Aussehen und Funktionen und synchronisieren die Musikbibliothek zwischen Computer und Handy automatisch. Lediglich die Anwendungen von Napster und Juke zeigten im Test Kinderkrankheiten: Die eine hatte Probleme mit dem Datenabgleich zwischen Computer und Handy, die andere spielte manchmal gar keine Musik ab.
Aus dem mobilen Internet Musik zu streamen ist allerdings nur bedingt zu empfehlen: Eine Minute Musik umfasst im Schnitt rund ein Megabyte Daten. Die meisten Standart-Handyverträge drosseln nach wenigen hundert Megabyte die Übertragungsgeschwindigkeit oder verlangen zusätzliche Gebühren, sobald eine bestimmte Datenmenge überschritten ist. Gelöst haben alle Anbieter dieses Problem mit Offline-Playlisten. Die Lieder auf solchen Listen werden – zumindest vorübergehend – doch lokal auf dem Smartphone oder Tablet gespeichert, etwa via WLAN. Dann sind sie später auch ohne Internet-Zugang abrufbar.
Spotify zu Recht der Platzhirsch
Unterm Strich zeigt der „Morgenpost Online“-Test, dass Deutschland-Neuling Spotify zu Recht als Platzhirsch gilt. Wer nach einer großen Musikauswahl sowie vielen sinnvollen Zusatzprogrammen sucht und seine Songs schnell und einfach via Facebook mit seinen Freunden teilen möchte, für den ist Spotify die beste Lösung. Zumal nur bei Spotify das kostenlose Angebot unlimitiert ist. Einziger Haken: Der Dienst lässt sich nicht über einen Internet-Browser wie Firefox oder den Internet Explorer steuern.
Wer sich früher gerne im Plattenladen von Verkäufern und Stammkunden heiße Tipps holte, der wird dagegen Rdios ausgeklügeltes Empfehlungssystem lieben. Und wer heimatverbunden auf die deutsche Firma Simfy setzt, bekommt auch nur geringfügig weniger geboten als bei Spotify und spart sich zudem eine Anmeldung bei Facebook, sofern er dort kein Konto hat. Napster, Juke und Deezer sind ebenfalls keine schlechten Angebote, auch wenn sie zwischen einer und drei Millionen weniger Songs im Angebot haben als Spotify und Simfy.




