Die US-Bundeskriminalpolizei FBI hat die Internettauschbörse Megaupload stillgelegt und die Festnahme von mehreren Betreibern veranlasst. Die neuseeländische Polizei nahm auf Ersuchen der US-Behörde drei Deutsche und einen Niederländer fest.

Die US-Behörden werfen den Betreibern des Sharehosters Megaupload und der Streamingplattform Megavideo vor, für "massive weltweite Urheberrechtsverletzungen" verantwortlich zu sein. Bei Megaupload konnten Daten aller Art hochgeladen werden. Nach den Vorwürfen der US-Behörden waren darunter auch in großem Stil raubkopierte Musik, Filme, Fernsehprogramme und digitale Bücher. Den Vorwürfen zufolge geschah dies mit Wissen der Betreiber.

Unter den Festgenommenen ist auch der ehemalige Hacker und Internet-Unternehmer Kim Schmitz (37). Schmitz, der seinen Namen in Kim Dotcom geändert hat, ist auch als „Kim Tim Jim Vestor" oder "Kimble" bekannt. Der 37 Jahre alte Gründer von Megauploadmit hat die deutsche und finnische Staatsbürgerschaft und lebte zuletzt in Hongkong und Neuseeland. Auch der Megaupload-Marketing-Chef Finn Batato (38), der deutsche Technikchef und Co-Gründer Mathias Ortmann (40) sowie der 29-jährigen Niederländer Bram van der Kolk kamen in Polizeigewahrsam.

Schmitz gehörte in den 90er-Jahren zu den schillerndsten Figuren der New Economy und machte mit ausschweifenden Partys und öffentlichkeitswirksamen Aktionen von sich Reden. Nach seiner ersten Verurteilung 1998 zu einer Bewährungsstrafe wegen Betruges und Hehlerei gründete Schmitz die Firma Data Protect Consulting, die er zu 80 Prozent an den TÜV Rheinland verkaufte. Schmitz behielt 20 Prozent der Anteile, die Firma meldete 2001 Insolvenz an. Nach dem Platzen der Internetblase wurde er 2002 vom Amtsgericht München wegen verbotenen Insiderhandels mit Aktien und Veruntreuung erneut zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Zuvor hatte Schmitz versucht, sich nach Thailand abzusetzen, wurde aber von deutschen Zielfahndern in seiner Luxus-Suite in Bangkok festgenommen.

Rolls Royce beschlagnahmt

Megaupload soll der Unterhaltungsindustrie einen immensen Schaden von mindestens 500 Millionen Dollar zugefügt haben und mit dem Weiterverteilen von geschützten Filmen, Musiktiteln, Softwareangeboten und anderen elektronischen Medien über seine Internetseite sowie Werbung über 175 Millionen Dollar eingenommen haben, erklärte das US-Justizministerium. Laut Anklageschrift zählt Megaupload mehr als 150 Millionen registrierte Nutzer und täglich 50 Millionen Besucher weltweit. Ein weiterer Vorwurf lautet auf Geldwäsche.

"Wir haben nichts zu verbergen“, zitierten neuseeländische Medien Kim Dotcom. Den Beschuldigten drohen jeweils fünf bis 20 Jahre Haft. Bei einem ersten Termin vor Gericht gab sich der 37-Jährige am Freitag gelassen und ließ sich von den örtlichen Journalisten bereitwillig filmen und fotografieren.

In Coateville in der Nähe von Auckland durchsuchten 70 Beamte ein Anwesen der Betreiber von Megaupload. Dort wurden nach Angaben der Polizei Wertgegenstände und Geld im Wert von sechs Millionen neuseeländischen Dollar (etwa 3,7 Millionen Euro) sichergestellt. Darunter waren ein Rolls Royce Phantom sowie mehrere Waffen und Gemälde.

Bodyguards hätten den Beamten am frühen Morgen zunächst den Zutritt zu dem Anwesen verwehrt, teilte die Polizei mit. Auf dem Gelände seien zwei Gewehre sichergestellt worden. Der zuständige Richter des Bezirks North Shore lehnte eine Freilassung der Festgenommenen gegen Kaution ab. Die vier sollen am kommenden Montag erneut vor Gericht erscheinen. Insgesamt wurden sieben Verdächtige wurden angeklagt.

Die Seiten von Megaupload und Megavideo sind zurzeit nicht erreichbar. Ein US-Bundesgericht hatte die Beschlagnahmung der Domains sowie weiterer 16 Internet-Adressen angeordnet. Die US-Behörden vollstreckten 20 Durchsuchungsbefehle in den USA und acht weiteren Staaten. Dabei seien Server und anderes Firmeneigentum im Wert von rund 50 Millionen US-Dollar in den USA, den Niederlanden und Kanada beschlagnahmt worden, teilte das US-Justizministerium weiter mit.

Die Anschuldigungen, Megaupload fördere massenhafte Urheberrechtverstöße, seien „grotesk überzogen“, erklärte das Unternehmen in einer kurz vor der Schließung auf seinen Internetseiten veröffentlichten Mitteilung. Die große Mehrheit des Datenverkehrs von Megaupload sei legitim. Man wolle aber nicht aufgeben. Wenn die Unterhaltungsindustrie von der Beliebtheit des Dienstes profitieren wolle, sei man zum Dialog bereit. „Wir haben einige gute Ideen. Meldet euch“, hieß es in der Mitteilung des in Hongkong ansässigen Unternehmens. Erst vor Kurzem hatte sich Schmitz als Betreiber von Megaupload zu erkennen gegeben.

Hacker legen aus Rache Seiten lahm

Nach der Razzia überzogen Hacker aus dem Umkreis der Anmonymous-Bewegung die Webauftritte von FBI und Justizministerium mit „Distributed-Denial-of-Service-Attacken“. Dabei werden die Web-Server mit Unmengen von sinnlosen Datenanfragen überfluten und lahmgelegt. Die Webseiten waren daraufhin mehrere Stunden nicht mehr erreichbar.

Auf Twitter bezeichneten Anonymous-Aktivisten die Angriffe als Rache für den Schlag gegen Megaupload. Ebenfalls angegriffen wurden die Webseiten des amerikanischen Musikindustrie-Verbandes RIAA und des Musik-Marktführers Universal Music Group.

Megaupload hatte in der Vergangenheit immer wieder Vorwürfe zurückgewiesen, das Angebot diene vor allem dem illegalen Austausch von geschützten Inhalten. Rechteinhaber hätte die Möglichkeit, Verstöße gegen das Urheberrecht zu melden und die fraglichen Dateien löschen zu lassen.

Die Eskalation folgte nur einen Tag nach einer massiven Protestkampagne von Netzaktivisten gegen eine Verschärfung des Urheberrechts in den USA. Am Mittwoch hattes es eine große Internet-Protestaktion gegen neue Gesetzespläne, die unter anderem die Sperrung von Webseiten erlauben sollen. Kritiker dieser Pläne warnen, dass damit eine Zensur-Infrastruktur geschaffen werde, die auch in anderen Fällen zum Einsatz kommen könnte. Aus Protest war unter anderem das englischsprachige Online-Lexikon Wikipedia einen Tag lang nicht erreichbar. Laut US-Justizministerium hänge der Zeitpunkt der Festnahmen nicht mit den Gesprächen im Kongress zusammen.

Megaupload finanziert sich über Werbung und kostenpflichtige Zugänge. Nutzer können elektronische Medien hochladen. Es wird dann ein Link erstellt, mit dem andere Nutzer das Angebot herunterladen können. Megaupload habe Material, das nicht regelmäßig heruntergeladen worden sei, gelöscht und das Einstellen von populären Inhalten finanziell gefördert, lautet der Vorwurf der Behörden.

Megaupload ist nicht nur wegen seiner Größe einzigartig, sondern auch wegen der prominenten Unterstützung, die die Website genießt. Darunter sind auch Musiker und Produzenten wie Kim Kardashian, Alicia Keys und Kanye West. Chef ist der Musiker Swizz Beatz, der seit 2010 mit Keys verheiratet ist. Er wird in der Anklage nicht genannt. Megaupload war den Angaben des IT-Informationsdienstes Alexa.com zufolge zeitweise die 13. meistgenutzte Website im Internet. Zuletzt lag sie noch in den Top 100.

Schmitz - ein Hacker aus "Tradition"

Schmitz selbst war bereits in den Pionier-Jahren des Internets mit dem Gesetz in Konflikt geraten. In den 90er-Jahren sorgte er mit Technologien für Aufsehen, die dem – meist illegalen - Austausch von Daten dienten. Mit dem sogenannten Blue-Box-Verfahren konnten damals umsonst Telefongespräche erschlichen werden. Auf "Mailboxen“ - Servern, auf denen sich Nutzer "Postfächer“ anlegen konnten, um Daten auszutauschen – handelte Schmitz u.a. mit Raubkopien und Telefonkarten. Das Geschäft endete für Schmitz 1998 vor Gericht. Im Alter von 24 Jahren wurde er wegen Betrugs, Hehlerei und dem Missbrauch von Titeln zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

mim mit dpa/Reuters/dapd/AFP