Das Web hat seinen wichtigsten Vordenker verloren: Das amerikanische Technologiemagazin "Wired", seit zwei Jahrzehnten der wohl bedeutendste Weissager der digitalen Welt, hat jetzt das Web für tot erklärt . "Lang lebe das Internet" lautet die neue Losung.

Die US-Journalisten unterscheiden zwischen dem alten Web, das der Nutzer mit seinem Browser betritt, und dem neuen Internet, dessen Portal die Applikation ist, wie wir sie vom iPhone kennen. Die "Wired"-These: Apps, wie die Programme für das mobile Internet heißen, werden die in der Auszeichnungssprache HTML codierten und per TCP/IP-Protokoll übertragenen Webseiten verdrängen.

Die Journalisten untermauern ihre These mit einer Grafik, der Zahlen aus dem "Visual Networking Index" des Elektronikkonzerns Cisco zugrunde liegen. Das Diagramm zeigt einen dramatischen Rückgang des Browser-Datenverkehrs zugunsten von Video und "Peer-to-Peer"-Anwendungen (P2P) - also Programmen, bei denen Internetnutzer direkt in Verbindung treten - beispielsweise bei der Internettelefonie oder beim Filesharing, dem (oft illegalen) Tausch von Daten. Laut Cisco entfallen in diesem Jahr 23 Prozent des Datenverkehrs im Internet auf Web-Anwendungen, weitere 23 Prozent auf P2P, 51 Prozent auf Video und drei Prozent auf andere Anwendungen. Um die Jahrtausendwende entfiel auf Webseiten noch etwa die Hälfte des Datenverkehrs im Internet. Video hingegen hatte eine zu vernachlässigende Bedeutung.

Für "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson ist das Internet eine mit der Erfindung der Elektrizität oder der Eisenbahn vergleichbare industrielle Revolution. Den Wandel des Web vom Browser zur App bezeichnet er als einen zwangsläufigen Zyklus des Kapitalismus. Mit dem traditionellen Web lässt sich nach Andersons Worten nicht genug Geld verdienen. "So sehr wir das offene, uneingeschränkte Web lieben, wir lassen es zurück zugunsten von einfacheren, geschmeidigeren Diensten, die einfach nur funktionieren", schreibt Anderson. Die Offenheit sei zwar eine wunderbare Sache in einer währungsfreien Wirtschaft genossenschaftlichen Arbeitens. "Doch für das, was man liebt, muss man bezahlen." Die Wende bestehe nun darin, sich dem Druck von Profiten zu stellen, die nur in den "umzäunten Gärten" zu machen seien. Damit sind Onlineshops wie Apples iTunes gemeint.

"Netscape versuchte, die Homepages zu besitzen. Amazon versuchte, den Handel zu bestimmen, Yahoo die Navigation im Web", schreibt Andersons Co-Autor Michael Wolff in seinem Teil der aktuellen Titelgeschichte. Am Endpunkt dieses Prozesses stehe der Internetkonzern Google. Das Unternehmen stehe zum einen für das offene Browser-Web, zum anderen kontrolliere er dieses (und verdient daran). Google sei ein imperialer Herrscher wie im alten Rom. An dessen Stelle, argumentiert Wolff, träten die Mogule des neuen Internet wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Apple-Boss Steve Jobs.

Das ist eine These, die kürzlich auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) formulierte: "Apps sind ein Übergangsphänomen". Wenn in fünf bis sechs Jahren mobile Browser leistungsfähiger und die Internetverbindungen schneller geworden seien, würde es keine Apps mehr geben, zitiert die FAZ einen Experten. Der Webbrowser der Zukunft mit Unterstützung der Sprache HTML5 könne universell mit jedem Handy genutzt werden. Im Unterschied zur App, die für jedes Betriebssystem eigens programmiert werden müsse.

Ferner kritisiert Techcrunch die Methode von "Wired": YouTube-Videos würden schließlich mit dem Browser aufgerufen, auch wenn sie mit Flash programmiert seien. Deshalb müsse dieser Anteil dem traditionellen Browser-Web zugeschlagen werden.