Unterhaltungselektronik

Die Reize des schärfsten Fernsehens der Welt

Es ist 16mal feiner als HD-TV: Die nächste Generation von Bildschirmen ist so hochauflösend, dass 3D-Brillen vermutlich überflüssig werden.

Foto: PR / PA/dpa/Getty/Montage: Die Welt

Da muss man sich schon die Augen reiben. Mit den Fernsehern der nächsten Generation werden wir die Poren und Falten von Filmstars in geradezu mikroskopischer Detailtreue studieren können.

Vor einem Monat erst entzückte der südkoreanische Elektronikhersteller Samsung in den USA die Experten einer Fachmesse mit dem Prototypen eines "Ultra 3D TVs", der mehr als acht Millionen Pixel auf einem 70 Zoll-Monitor verteilt – das sind vier mal so viele Bildpunkte wie heutzutage bei HD-TVs üblich.

Dem Anblick verfiel selbst die kritische Fachwelt. Der erstmals im Herbst 2010 vorgestellte Fernseher heimste auf der Konferenz der Gesellschaft für Informationsdisplays in Los Angeles prompt den Preis für das beste Stück der Show ein.

Das war eine Wahl mit Weitblick: Zwar ist weder bekannt, wann die superscharfen Fernseher auf den Markt kommen werden, noch ist Samsung der erste Hersteller, der diese Technik präsentiert. Aber das Engagement der Südkoreaner ist immer ein gutes Zeichen dafür, dass eine neue Technik kurz vor der Reifeprüfung steht. Das war schon bei 3D-Fernsehern so. Nun könnte sich die Geschichte wiederholen.

Schon 2008 hatte Panasonic die Experten auf der US-Elektronikmesse mit einem 150-Zoll-Plasma überrascht, der die Bilder nicht wie bei HD-TVs üblich mit 1920 mal 1080, sondern 4096 mal 2160 Bildpunkten auflöste. Auch Sony zeigte ein Modell. Die Besucher drückten sich fast die Nasen an den superscharfen Bildschirmen platt. "Dieser Bildschirm verleiht dem Wort Heimkino wirklich eine neue Bedeutung", jubelte der Technikjournalist Ian Morris auf Cnet.

Die Bilder wirkten fast wie aufgestrichene Fotos. Ihre Auflösung entsprach dem Digitalkino-Standard. 4K wird der Standard von Fachleuten gerne genannt, wobei das "K" für Kilo, also tausend steht und die Zahl der horizontalen Zeilen in etwa wiedergibt. Seither haben die Hersteller eine Reihe weiterer Prototypen vorgeführt. Panasonic schob Anfang 2010 sogar die 3D-taugliche Variante seines Riesenfernsehers hinterher.

Aus technischer Sicht ist der Sprung wenig verwunderlich. Heutzutage gibt es bereits Tablet-PCs zu kaufen, auf deren Bildschirmen die Hersteller bereits in Massenproduktion all die rund zwei Millionen Pixel zusammen pferchen, die für Full-HD-Bilder erforderlich sind.

Auch preislich fallen mit dem technischen Fortschritt die Hürden. Ein Durchbruch sind neue Rückwandplatinen für die Steuerung der einzelnen Pixel. Nach dem japanischen Elektronikhersteller Sharp hat nun auch Samsung bekannt gegeben, in Zukunft Halbleiter aus Metalloxid und nicht mehr wie bisher aus amorphen Silizium nutzen zu wollen.

Die neuen Halbleiter leiten Elektronen schneller als die alten. Dies erlaubt wiederum, die Transistoren für das Ein- und Ausschalten der Pixel zu schrumpfen. Zusätzlich soll die neue Technik sich auch einfach herstellen lassen und damit die Produktionskosten von hochauflösenden Displays senken. Denn bisher mussten Hersteller wie Apple für das Retina-Display des iPhones dafür auf teueres Polysilizium zurückgreifen.

Auch der Traum der Fernsehhersteller, superdünne TVs mit Displays aus selbst leuchtenden organischen Leuchtdioden (Oleds), könnte davon profitieren, meinen die Fachleute vom Technikmagazin Technology Review.

Denn Metalloxid-Halbleiter verkraften auch die vergleichsweise hohen Spannungen, die zum Schalten dieser Dioden notwendig sind. Bislang sind die hohen Produktionskosten eine der Hürden für Oled-TVs, die sich weit dünner als LCD-TVs fertigen lassen. Denn Flüssigkristalle müssen von hinten beleuchtet werden, während die Oleds selbst Licht ausstrahlen.

Allerdings hat sich bei den neuen 4K-TVs selbst Asiens technischer Avantgarde eine große Frage aufgedrängt: "Braucht man die superhochauflösenden Bilder überhaupt?" Panasonic Antwort ist derzeit ein Nein. Der Konzern malt sich als ersten Absatzmarkt seiner geschärften Bildwerfer teure Informationsdisplays oder Spezialbildschirme für medizinische Anwendungen aus. Die Normalverbraucher müssen sich noch ein Weilchen in Geduld üben.

Denn so sehr sich die Hersteller vielleicht auch einen neuen technischen Quantensprung wünschen, um die Kunden zu einem Neukauf von Fernsehern anzuregen, so schnell werden sie im Massenmarkt HD-TV nicht los. In Japan hat inzwischen fast jeder Haushalt einen Flach-Fernseher, weil im Juli die analoge Fernsehausstrahlung endgültig ausgeschaltet wurde. Selbst die meisten Großmütterchen haben sich daher inzwischen TV-Flundern angeschafft.

Und in anderen Märkten wie Deutschland sind die Hersteller noch dabei, HD-Fernseher endgültig durchzusetzen. Außerdem müssten die TV-Sender schon wieder ihre Aufnahme und Sendetechnik ersetzen. Besonders im Krisengeplagten Europa dürfte dazu die Lust fehlen. Der nächste Schritt sind 3D-Fernseher, die seit einigen Monaten bei gehobenen Modellen fast schon Standard sind.

In Zukunft wird die Kluft zwischen dem technisch Machbaren und der schnöden Wirklichkeit sogar noch weiter auseinander klaffen. Japans öffentlich-rechtlicher Fernsehsender NHK hat Ende Mai zusammen mit dem Elektronikhersteller Sharp bereits die übernächste Generation der superscharfen Flachfernseher vorgestellt: Einen 85 Zoll weiten Super-Hi-Vision-LCD-TV mit einer Auflösung von sage und schreibe 33 Millionen Pixeln. Das 1,90 Meter breite und 1,05 Meter hohe Monstrum hat eine Auflösung von 7680 mal 4320 Pixeln. Das ist 16 mal mehr als ein heutiger HD-Fernseher.

Die Auflösung ist so hoch, dass NHK empfiehlt, für den vollen Sehgenuss dichter an den Bildschirm zu rücken – zwei Drittel der Bildschirmhöhe seien der perfekte Abstand. Bei traditionellen Flimmerkisten soll man etwa drei mal so viel Abstand wahren, wie die Mattscheibe hoch ist. Sonst sieht man die einzelnen Bildpunkte und der Kopf beginnt auf Dauer zu schmerzen.

Seit Jahren verblüfft NHK Besucher im Kinosaal seines Techniklabors immer wieder mit einer geradezu übernatürlichen Bildqualität seines Systems. Bei einem Pferderennen meint man, jeden einzelnen Grashalm auf dem Turf ausmachen zu können. Und die Menschen auf der Tribüne im Hintergrund, die auf heutigen Fernsehern noch als verschwommene Masse dargestellt würden, bekommen auf einmal Gesichter.

Um das bisher auf Kinoleinwandgröße projizierte Bild auf einen 85-Zoll-Monitor zu bannen, hat Sharp die Pixelgröße von 0,98 auf 0,245 Millimeter Kantenlänge und damit die Fläche auf ein 16tel reduziert. Mit 103 PPI (Pixel per inch) drängen sich die Pixel fast so eng zusammen wie bei einem iPad von Apple. Theoretisch geht es auch heute schon schärfer. Ein iPhone 4 löst Bilder mit rund 330 PPI auf.

Da braucht man schon eine Lupe, um noch einzelne Punkte identifizieren zu können. Bis wir allerdings so superscharf Fernsehen können, wie die Japaner uns heute schon zeigen, wird noch reichlich Zeit vergehen.

Erste Markttest des 33-Megapixel-TVs sollen im Jahr 2020 beginnen, hofft NHK. Solange wird es brauchen, die Infrastruktur aus Aufnahme-, Sende- und vor allem Speicher- und Übertragungstechnik auf den notwendigen Datendurchsatz zu trimmen. Denn mit höherer Auflösung steigt natürlich auch die Datenmenge. Schon in der 4K-Technik passt heutzutage nur eine Stunde Film auf eine heutige Blu-ray-Disc.

Das heißt allerdings nicht, dass die Hersteller nicht schon vorher das TV-Bild schärfen werden. Allerdings geht es dann eher nicht um noch schärfere zweidimensionale Fernsehbilder, sondern um schärfere Fotowiedergabe und vor allem brillenlose 3D-Bilder. Denn mit einer höheren Grundauflösung des Fernsehers könnten auch ohne Brillen bessere räumliche Bilder erzeugt werden.

Brillenloses 3D-Fernsehen leidet bislang noch unter seiner geringen Auflösung. Denn um den 3D-Eindruck hervorzuzaubern, muss je ein leicht versetzt aufgenommenes Bild getrennt an das linke und rechte Auge gesendet werden. Das Gehirn reimt sich aus den zwei Bildern dann eines mit räumlicher Tiefe zusammen.

Bei heutigen 3D-Geräten werden daher die Bilder in Bruchteilen eines Augenblicks nacheinander auf dem Bildschirm gezeigt, während eine Shutter-Brille abwechselnd im Takt das linke oder rechte Auge abdeckt. Um den gleichen Effekt ohne Brille zu erreichen, müssen die Hersteller durch so genannte Parallaxbarrieren oder Linsenraster von einem Bild zwei Bilder getrennt in die Augen werfen.

In diesem Fall lässt sich das 3D-Bild nur aus einem bestimmten, noch dazu kleinen Blickwinkel erspähen. Außerdem halbiert sich auch noch die Auflösung, weil der Bildschirm bei eingeschalteter 3D-Funktion durch die Barriere zwei Bilder gleichzeitig, aber doch für die einzelnen Augen getrennt dargestellt werden. Jeder zusätzliche Blickwinkel kostet Schärfe. Doch je höher die Auflösung des Fernsehers ist, desto mehr Blickwinkel könnten die brillenlose 3D-TVs bieten.

Wer weiß, vielleicht blasen Techniker demnächst das iPhone-Display zu einem Zwei-Meter-Monitor auf? Der hätte dann umgerechnet mehr als 300 Millionen Pixel, zehn mal mehr als Sharps und NHKs superscharfes Display. Dann könnte eine Familie ohne Brille 3D-Fernsehen gucken. Aber zu was für einem Preis.