Pflege in Berlin

„Ich fühle mich hier gut untergebracht“

Pflegeheim klingt für viele Menschen schrecklich, muss es aber nicht sein. Es gibt auch positive Beispiele – unsere Serie, Teil 3.

Dr. Elisabeth Rommel sieht das Heim der DRK-Schwesternschaft Berlin in Mariendorf als ihr Zuhause an.

Dr. Elisabeth Rommel sieht das Heim der DRK-Schwesternschaft Berlin in Mariendorf als ihr Zuhause an.

Foto: Reto Klar

Berlin. Pflegeheim: Dieses Wort löst bei vielen Menschen in diesem Land Angst oder Ablehnung aus. Häufig beides. Seit der Personalmangel in der Pflege offenkundig geworden ist und viel vom Pflegenotstand gesprochen wird, ist die Institution Pflegeheim weiter in Verruf geraten.

Doch auch unabhängige Mitarbeiter von Pflegestützpunkten und Verbraucherschützer betonen, dass es viele gute Pflegeheime gibt, sowohl privat als auch freigemeinnützig geführte. Man müsse sich umhören, sich einige ansehen und viel fragen. Und man muss dort einen Platz bekommen, was bisweilen schwierig ist. Wir haben uns zwei Heime angesehen

Das Deutsche Rote Kreuz, genauer gesagt dessen Berliner Schwesternschaft, betreibt das Heim „Pflege & Wohnen Mariendorf“ an der Britzer Straße. Auffällig gleich beim Eintreten: Alle, die man trifft, Bewohner wie Mitarbeiter, begrüßen den Gast freundlich und wünschen einen guten Morgen. Das macht einen herzlichen Eindruck.

Kaum Fluktuation bei den Pflegekräften

Wie gut oder schlecht ein Pflegeheim ist, hängt wesentlich vom Personal ab. „Bei uns herrscht kein Pflegenotstand. Wir haben eine Fachkraftquote von 57 Prozent, vorgeschrieben sind mindestens 52 Prozent“, sagt Heidrun Grunwald, seit vier Jahren Pflegedienstleiterin in dem Haus mit 142 Plätzen. Die enge Verbundenheit mit der Schwesternschaft bringe einen weiteren Vorteil mit sich. „Wir haben kaum Fluktuation bei den Pflegekräften. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist sehr groß.“ Grunwald, examinierte Krankenschwester, ist selbst schon 28 Jahre im Unternehmen.

Nun könnte man einwenden, dass Heim-Verantwortliche nicht unbedingt Personalnöte offenbaren, aber im DRK-Heim Mariendorf sind auch Bewohner des Lobes voll. „Am Anfang ist einem das alles fremd. Das Schöne hier ist, dass im Wohnbereich immer dieselben Pfleger und Schwestern sind. Das sind nun vertraute Menschen“, sagt etwa Erika Rommel (91), Doktorin der Soziologie.

„Jetzt fühle ich mich hier zu Hause“

Sie lebt seit zwei Jahren hier. Vorher hatte sie eine Wohnung in Steglitz. Aber dann stürzte sie zweimal, lag lange im Krankenhaus. „Ich kam direkt hierher und konnte nicht mehr nach Hause, das war eine schlimme Sache. Aber jetzt fühle ich mich hier richtig zu Hause“, erzählt Dr. Rommel, so wird die Frau von allen angesprochen. „Es ist ein schönes Zimmer. Ich habe alle Hilfsmittel, die ich brauche.“

Das Zimmer ist nicht nur schön, sondern auch groß und hat eine eigene Terrasse zum sehenswerten Garten. „Ich habe viele Freunde, die mich besuchen. Da ich nicht mehr lesen kann, höre ich Hörbücher und viel Radio. Und manche Freunde lesen mir etwas vor“, berichtet die 91-Jährige. Das Heim habe ihre Tochter ausgesucht. „Meine Tochter kannte das Haus, sie arbeitet auch bei der Schwesternschaft und wusste, dass das hier das Richtige für mich ist.“ Das sei kein Einzelfall, sagt Heidrun Grunwald. „Mehrere Mitarbeiter des Unternehmens haben selbst ihre Angehörigen bei uns untergebracht.“ Ein gutes Zeichen. „Der Grundsatz ‚pflege so, wie Du selbst gepflegt werden möchtest‘ ist für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen keine Floskel“, sagt Grunwald.

Am Vormittag ist im Mariendorfer Heim einiges los. Im Speisesaal wird Hockergymnastik mit Musik angeboten. 18 Bewohnerinnen und ein Bewohner nehmen teil. Viele sitzen im Rollstuhl. Bettina Rausch, eine von neun sogenannten Betreuungskräften im Haus, animiert ihre Schützlinge zu Übungen.

Gedächtnistraining im Wohnbereich

Erst sind Füße und Beine dran, dann die Arme. Jeder bewegt sich mit, wie er es eben kann. Bettina Rausch macht ihre Sache gut. Sie ist herzlich und locker, aber nimmt alle ernst und achtet ihre Würde. In einem der vier Wohnbereiche sitzt zur selben Zeit eine Gruppe beim Gedächtnistraining, es geht um Tiere in aller Welt. In einem Pflegeheim vereinsamen die Bewohner, weil sich keiner um sie kümmert? Das geht offensichtlich auch anders.

Von den 142 Plätzen in dem 1963 erbauten Mariendorfer Haus liegen 40 Prozent in Doppelzimmern. „Es ist gar nicht so, dass die Mehrheit auf ein Einzelzimmer wartet. Manche unserer Bewohner sagen, sie hätten Angst alleine“, betont Heidrun Grunwald.

Die Mahlzeiten werden im Haus zubereitet

Der monatliche Eigenanteil der Bewohner beträgt im DRK-Heim 2049 Euro im Einzel- und 1995 Euro im Zweibettzimmer. Heimleiter Thomas Kraska: „Wir wirtschaften nicht gewinnorientiert, da wir eine freigemeinnützige Einrichtung sind. Was die Bewohner als Eigenanteil zahlen, kommt der Einrichtung direkt wieder zugute.“ Bei circa 35 bis 40 Prozent der Bewohner zahlt das Sozialamt einen Zuschuss. Um die 100 Mitarbeiter sind dort tätig, inklusiver eigener Küche, eigener Wäscherei und eigener Physiotherapie. Es gibt vier Wohnbereiche, die großen haben bis zu 47 Bewohner, die kleinen bis zu 25.

Zwei Wohnbereiche leitet Michael van der Zee. „Wir bemühen uns, das Selbstwertgefühl unserer Bewohner zu stärken. Wir bieten Ihnen vieles an, wir versuchen auch, sie zu überzeugen, aber vor allem ermöglichen wir Ihnen, selbst zu entscheiden. Das wissen sie zu schätzen und die Angehörigen in aller Regel auch. Wenn es mal Differenzen gibt, ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben. Dann klärt sich das meiste von selbst., sagt er.

Mit 96 das Porträtmalen lernen

Auch Gertrud Drust (96) ist zufrieden mit ihrem Zuhause. „Die Pflegerinnen und Schwestern sind alle sehr freundlich. Ich werde gut versorgt, auch medizinisch“, sagt sie. Das Herz bereitet ihr Kummer. Die ehemalige Sekretärin und Sportlerin malt viel, ihr Zimmer hängt voller eigener Werke. Viele Blumenbilder sind dabei, aber auch der Berliner Dom. „Ich danke Gott, dass er mir viele schöne Dinge beigebracht hat“, sagt sie. Früher hat sie sogar im Heim Malkurse veranstaltet. Sie besucht die Malstunde noch, aber sie möchte dort nichts mehr vormachen. „Das sollen Junge übernehmen.“ Weil es ihr im Haus an Motiven mangele, wolle sie jetzt mit der Porträtmalerei anfangen. „Das muss ich aber erst üben.“ Keine schlechte Idee für eine 96-Jährige.

Szenenwechsel. Das Haus Seebrücke am Maselakepark in Spandau ist eines von inzwischen 17 Seniorenheimen des landeseigenen Gesundheitsversorgers Vivantes. Und auch hier überrascht der erste Eindruck.

Im Haus riecht es appetitlich nach frisch gebackenen Waffeln. Die werden gerade als kleiner Snack zwischen Frühstück und Mittagessen zubereitet. Essen sei wichtig, sagt Antje Stschepin-Lohfing, die Managerin der Einrichtung.

Wohnen mit Blick auf die Havel

Das Heim mit 179 Plätzen ist erst vor fünfeinhalb Jahren fertiggestellt worden. In dem H-förmigen Bau mit Havelblick kommt in den Gemeinschaftsbereichen das Licht meist von zwei Seiten, alles wirkt hell und freundlich, das Mobiliar hochwertig.

Stschepin-Lohfing legt Wert darauf, von „Restaurant“ und nicht von „Speisesaal“ zu sprechen, von „Wohn- und Esszimmer“ und nicht von „Tagesraum“. Das geht, so wie diese Räume aussehen, in Ordnung und ist kein Spleen, sondern Teil ihres Verständnisses von Pflege. Die sei ihr eine Herzensangelegenheit, sagt sie. Seit 30 Jahren ist sie in diesem Beruf.

Eigentlich sei sie als Managerin für das Objekt zuständig, sagt sie, aber sie fühle sich für alles zuständig. Das merkt, wer mit ihr durchs Haus geht. Sie kennt alle Bewohner mit Namen, hat für jeden ein persönliches Wort, und alle freuen sich, sie zu sehen.

Auch im Haus Seebrücke werden viele Aktivitäten angeboten. „Interaktion und Beziehungen zwischen den Bewohnern sind sehr wichtig, sonst nützt die Pflege nichts“, ist die Chefin überzeugt. Im Sommer gibt es sogar vier Wochen lang die Aktion „Urlaub vom Alltag“, dann gehen die Bewohner schwimmen, ins Kino oder machen Stadtrundfahrten. Möglich macht das der Bus eines Fördervereins. Eine Gruppe, 14 Bewohner plus Betreuer, unternimmt sogar eine Tagesfahrt an die Ostsee. Und in der Adventszeit stehen Besuche auf mehreren Weihnachtsmärkten auf dem Programm.

Das Prinzip der Beziehungen fließt auch in das Belegungskonzept ein. „Bei uns sind die Pflegegrade gemischt in den Wohnbereichen. Die Bewohner helfen sich gegenseitig und achten aufeinander, etwa wenn mal jemand nicht zum Essen kommt. Dieses Miteinander und Füreinander ist uns wichtig, das fördern wir sehr.“ Auch Stschepin-Lohfing betont, keine Not bei der Suche nach Pflegefachkräften zu haben. „Vivantes ist auch ein großer Ausbildungsbetrieb.“

„Man ist dankbar, wenn man Hilfe bekommt“

Elisabeth Hennicke (93) gehört zu den Bewohnern der ersten Stunde. „Früher habe ich in Leipzig gelebt, allein in der Wohnung, nachdem mein Mann verstorben war. Dann wurde ich krank und konnte nicht mehr alleine wohnen. Da habe ich mir gesagt, ich muss mich umsehen, ich muss versorgt werden“, berichtet sie. Ihre Schwester lebte schon in Berlin. Und weil sie niemanden hatte außer der Schwester, ist sie auch nach Berlin gezogen. „Erst war ich in einem anderen Heim, dann konnte ich ins Haus Seebrücke umziehen. Ich bin zufrieden mit der Betreuung, auch wenn ich nachts mal klingeln muss. Ich habe es gut getroffen“, erzählt Hennicke. „Ich kann mir aussuchen, mit wem ich Kontakt haben möchte und mit wem nicht. Es gibt nette Menschen hier. Und wenn es mir zu viel wird, ziehe ich mich zurück.“ Ihre Schwester sei inzwischen auch in das Haus gezogen.

Nach einer OP musste sie die Wohnung aufgeben

Inge Swoboda (90) ist ebenfalls zufrieden. „Ich wohne hier seit einem guten Jahr. Ich kannte das Haus bereits, ich war vorher ehrenamtlich tätig und habe hier Besuche gemacht. Dann ging es mir sehr schlecht, ich musste operiert werde. Nach der OP konnte ich leider nicht mehr zurück in meine Wohnung an der Bayernallee, ich musste alles aufgeben“, erzählt sie. Dann habe sie sich entschlossen, ins Haus Seebrücke zu ziehen und sich dort pflegen zu lassen.

„Es ist ein schönes Haus, ich kann aufs Wasser gucken. Ich fühle mich sehr wohl hier, ich bin gut untergebracht. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist, ist man dankbar, wenn man sie bekommt. Und das wird hier in hohem Maß geleistet. Das Personal ist sehr freundlich, zugänglich und hilfsbereit.“

„Ich bin alleine nicht mehr gut klargekommen “

Perino Heydemann (61) lebt ebenfalls im Haus Seebrücke, seit November 2017. „Ich fühle mich sehr wohl hier, es sind viele nette Leute im Haus. Für mich war der Umzug sehr wichtig, weil ich alleine nicht mehr gut klargekommen bin. Ich hatte psychische Probleme. Es ging zwei Jahre lang ziemlich bergab und dann habe ich erkannt: ‚Jetzt brauchst Du Hilfe‘“, erzählt er offen. „Nachdem ich um Hilfe gebeten hatte, hat sich alles gefügt. Inzwischen geht es mir besser. Alles Unangenehme habe ich hinter mir gelassen. Jetzt kann ich machen, was ich will. Für alles wird gesorgt. Warum soll ich mich über irgendetwas beschweren? Alles ist gut, so wie es ist.“

Der 61-Jährige ist Buddhist. „Für mich ist das nichts Exotisches, es ist wie atmen“, sagt er. 2002 war er in Graz und hat an einer Zeremonie mit dem Dalai Lama teilgenommen, zusammen mit 8000 Menschen. „Aus dieser einen Woche habe ich sehr viel mitgenommen, davon zehre ich heute noch, obwohl es schon so lange her ist. Der Buddhismus gibt mir Halt.“ Er freut sich über die vielen Angebote im Heim. „Die Betreuer machen sehr viel mit uns, nicht nur im Haus, auch Ausflüge. Ich arbeite auch gerne an der Hauszeitung mit, schreibe Texte und Gedichte.“

Viele erhalten einen Zuschuss vom Sozialamt

Im Haus Seebrücke beträgt der monatliche Eigenanteil für die Bewohner 2418 Euro im Einzelzimmer, im Zweibettzimmer rund 100 Euro weniger. Etwa zwei Drittel der Bewohner erhalten einen Zuschuss vom Sozialamt. Der Eigenanteil ist vor allem deshalb relativ hoch, weil das Haus nicht Vivantes gehört, sondern gemietet ist. Außerdem ist es erst wenige Jahre alt. Daraus ergibt sich ein relativ hoher Investitionskostenzuschuss, der Teil des Eigenanteils ist. Auch die Personalkosten gehen dort ein. Und da Vivantes seine Mitarbeiter relativ gut bezahlt, sind sie höher als in manchen anderen Heimen.

„Bei uns sind alle Pflegegrade vertreten. Den meisten Bewohnern wurde Pflegegrad 3 oder 4 zuerkannt“, sagt Elias Schlegel, der Leiter des Sozialdienstes. Tendenziell nähmen die höheren Pflegegrade zu, weil die Menschen so lange wie möglich zu Hause gepflegt werden möchten und erst spät in eine Einrichtung umzögen. Es komme seltener vor als früher, dass Menschen zehn Jahre oder länger in einem Pflegeheim leben. Auch der Anteil demenzkranker Bewohner steige.

„Wer bewusst zu uns kommt und sich von seinem Zuhause verabschieden kann, hat es leichter, sich einzuleben“, betont Schlegel. Wer direkt aus einer Reha oder dem Krankenhaus einzieht, müsse meist psychisch aufgefangen werden, das sei für beide Seiten eine Herausforderung.

Alle Teile der Pflegeserie lesen Sie hier.