Infektionen

Impfpflicht bei Masern: Das sagt Gesundheitsminister Spahn

Eine Maserninfektion kann zu starken Beschwerden führen. Kann eine Impfpflicht das Virus eindämmen? Was Befürworter und Kritiker sagen.

Diese Impfungen sollte jeder Erwachsene haben

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Berlin.  Im Kampf gegen die ansteckende Krankheit Masern gibt es immer noch Impflücken und damit die Gefahr, sich mit der Krankheit bei anderen anzustecken. Aus der Großen Koalition ist nun zu hören, dass eine Impfpflicht diese Lücken schließen könnte. Was man zur aktuellen Diskussion wissen muss.

Was macht Masern so gefährlich?

Die Infektionskrankheit ist eine der ansteckendsten überhaupt: Rund 95 Prozent der Menschen, die mit dem Masernvirus in Kontakt kommen, erkranken anschließend. Auch wenn eine Erkrankung in den meisten Fällen ohne Komplikationen zu Ende geht, kann sie lebensbedrohlich werden.

Denn eine Infektion mit dem Virus zieht eine Immunschwäche nach sich, die etwa sechs Wochen anhält – und die Betroffenen empfänglich macht für andere, schwere Erkrankungen wie bakterielle Infektionen oder Lungenentzündungen.

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Wie ist der Verlauf von Masern und was sind Symptome?

Laut der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) ist eine Infektion extrem ansteckend, sie kann potenziell auch tödlich enden. So könne es teils erst Jahre später zu einer Gehirnentzündung kommen, für die es keine Behandlung gebe und an der betroffene Patienten sterben, heißt es bei der Medizingesellschaft.

Masern werden in der Regel durch das Einatmen von Tröpfchen, die den Virus enthalten, übertragen. Die Tröpfchen werden durch Husten, Sprechen oder Niesen in Umlauf gebracht. Nach einer Infektion tritt vor allem Fieber, Schnupfen oder auch Husten auf.

Die Symptome für eine Maserninfektion sind ähnlich zu anderen Virusinfektionen. Typisch für Masern ist allerdings, dass ein so genanntes Enanthem an der Mundschleimhaut auftritt. Es bilden sich weiße bis blau-weiße Flecken, die auf der Wange zu sehen sind, heißt es beim Robert-Koch-Institut. Später treten bräunlich-rosafarbene Hautflecken auf, die ab dem 3. bis 7. Tag nach der Infektion zu sehen sind.

Diese Flecken sind zuerst im Gesicht und hinter den Ohren zu sehen. Sie bleiben etwa vier bis sieben Tage bestehen.

Kann man Masern trotz Impfung bekommen?

Bei gegen Masern geimpften Menschen tritt eine Infektionen bisher nur sehr selten auf. Laut Robert-Koch-Institut liegt die Schutzwirkung bei etwa 94-95 Prozent. Wer zweimal geimpft ist hat gar eine Schutzwirkung von 99 Prozent. Eine Masernerkrankung hinterlässt lebenslange Immunität.

Wie ist die Inkubationszeit bei Masern?

Von der Ansteckung bis zum Auftreten des Exanthems dauert es in etwa 13 bis 14 Tage. „Die Ansteckungsfähigkeit beginnt bereits 3-5 Tage vor Auftreten des Exanthems und hält bis 4 Tage nach Auftreten des Exanthems an“, heißt es beim RKI.

Worüber diskutiert die Politik jetzt?

Das Gesundheitsministerium zeigte sich besorgt über die steigende Zahl der Maserninfektionen in Deutschland. Zu viele Menschen nähmen das Thema auf „auf die leichte Schulter“, sagte ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur. Eine Debatte über mögliche Maßnahmen sei nur zu begrüßen.

Die SPD hatte eine Impfpflicht für Masern ins Spiel gebracht. Der Gesundheitsexperte der Partei, Karl Lauterbach hatte gesagt, er sei über eine Impfpflicht mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Gespräch und „zuversichtlich, dass wir demnächst einen entsprechenden Vorschlag vorlegen können“.

Tatsächlich scheint der Gesundheitsminister eine Impfpflicht in Teilen zu befürworten. „Wenn man will, kann man eine solche Regelung zügig umsetzen.“, sagte Spahn am Rande einer CDU-Veranstaltung in Düsseldorf am Dienstag. Ihm sei „wichtig, dass es am Ende eine Entscheidung ist, die auch breit mitgetragen wird“. Spahn geht davon aus, dass eine Impfpflicht in Gemeinschaftseinrichtungen – wie beispielsweise Kitas , Kindergärten oder Schulen – umsetzbar sei.

Jan Korte, Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion Die Linke sagte: „Wer öffentliche Einrichtungen besucht oder dort arbeitet, muss geimpft sein. Das sollte bei Kindern wie auch bei Erwachsenen eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn eine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit besteht, ist jetzt Zeit für eine gesetzliche Impfpflicht. Klar ist aber auch: Wer die Impfpflicht festschreibt, muss Kinder- und Hausärzten mehr Zeit für Information, Dokumentation und Aufklärung entlohnen.

Die FDP ist ebenfalls für eine Impfpflicht – zumindest für Kinder ab 14 Jahren. Das sagte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er sieht die Regierung in der Pflicht, den Zugang zu Impfungen zu erleichtern. Sie könnten etwa in Schulen und Kitas angeboten werden, sagte Theurer.

Die Grünen im Bundestag gehen auf Distanz dazu. Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche hälts nichts von Zwang und Sanktionen. Stattdessen müsse man das Vertrauen in eine gute Beratung stärken und auf herrschende Verunsicherungen eingehen, sagte die Grünen-Gesundheitsexpertin den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). Um das zu erreichen, sei eine Aufwertung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes nötig – „und bessere personelle Ausstattung.“

Das Bundesgesundheitsministerium hat die neuerliche Debatte über eine Impfpflicht gegen Masern begrüßt. Ein Sprecher wies am Montag in Berlin allerdings darauf hin, dass die Gespräche darüber noch liefen und er daher keinen Sachstand wiedergeben könne. Jedenfalls mache sich das Ministerium große Sorgen über die Zunahme der ansteckenden Krankheit.

In der Diskussion um eine Masern-Impfpflicht plädierte der Thüringer SPD-Landesvorsitzende Wolfgang Tiefensee für eine Übernahme der weitgehenden Impfpflicht aus DDR-Zeiten. „Ich stimme Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu, dass wir bei Masern eine gesetzliche Impfpflicht brauchen“, sagte Tiefensee, der auch Thüringer Wissenschaftsminister ist, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

In der DDR bestand eine Impfpflicht für viele Infektionskrankheiten ab den 1950er Jahren. Sie galt für Kinderlähmung, Diphterie, Pocken, Tetanus, Keuchhusten und Tuberkolose. Die verbindliche Masern-Impfungen kam in den 1970er Jahren hinzu.

Die politische Diskussion war unter anderem deshalb ausgebrochen, weil eine Kita in Essen nur geimpfte Kinder aufnimmt. An einer Schule in Hildesheim gab es sogar ein Ultimatum: Ohne Masern-Impfung kein Unterricht.

Eine exklusive Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag unserer Redaktion hat ergeben: Eine große Mehrheit ist dafür, dass es einen Kita-Platz nur gegen Impfung gibt.

Wie einfach ließe sich eine Impfpflicht durchsetzen?

Rechtlich dürfte ein Zwang zur Masern-Impfung nicht leicht durchzusetzen sein. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hatte schon vor zwei Jahren auf verfassungsrechtliche Probleme hingewiesen. Die Experten schlossen aber die Möglichkeit, eine Impfpflicht für bestimmte Krankheiten durchzusetzen, nicht generell aus. In jedem Fall würde eine Impfpflicht einen Eingriff ins Elternrecht oder gegebenenfalls in die Religionsfreiheit bedeuten. Allerdings verbietet sich bei einigen Kindern auch aus medizinischen Gründen eine Impfung.

Was sagen Mediziner zur Impfung gegen Masern?

Der Kinderarzt und Impfschutzexperte Martin Terhardt sagte in einem Interview im Jahr 2016, dass es bei der Impfung von Kindern Erfolge gegeben habe. „Das viel größere Problem liegt tatsächlich bei der älteren Generation, wo wir viel größere Impflücken haben als bei den kleinen Kindern. Die Mütter müssen den Kindern einen guten Nestschutz geben und sich selber um ihren Schutz vor der Schwangerschaft kümmern.“, sagte Terhardt.

Wie argumentieren Impfgegner?

Impfgegner oder -skeptiker argumentieren etwa, dass durch viele Impfungen das Immunsystem von Kindern überlastet würde oder dass Nebenwirkungen unkalkulierbar seien.

Impfgegner behaupten etwa schon seit Jahren einen Zusammenhang zwischen der Standardimpfung gegen Masern-Mumps-Röteln und der Entwicklung von Autismus. Dabei berufen sie sich auf einen Artikel, den der britische Arzt Andrew Wakefield 1998 im renommierten Fachblatt „The Lancet“ veröffentlichte. Das Fachblatt zog die Studie 2010 wegen falscher Daten zurück, Wakefield verlor in Großbritannien seine ärztliche Zulassung wegen unethischen Verhaltens. Dennoch fallen seine Behauptungen immer noch auf fruchtbaren Boden.

Allerdings ist die Angst vor Autismus nur ein Argument von Impfgegnern. Das zeigt eine Analyse von Forschern an der University of Pittsburgh. Viele Impfgegner misstrauen Wissenschaftlern im Allgemeinen und Ärzten im Speziellen. Andere lehnen die Inhaltsstopfe von Impfungen ab und propagieren Homöpathie. Wieder andere behaupten, dass Regierungen oder andere Organisationen Informationen über Gefahren des Impfens zurückhalten.

Das Robert-Koch-Institut hat online eine Liste mit Antworten auf die 20 gängigsten Argumente der Impf-Skeptiker zusammengestellt. Das Argument etwa, dass zu viele Impfungen schädlich seien, lassen Experten nicht gelten. Denn eine „Überimpfung“ gebe es nicht.

Wie ist die aktuelle Impfsituation in Deutschland?

Eine einheitliche Erfassung der Anzahl von Impfungen gibt es laut Robert-Koch-Institut in Deutschland nicht. Deshalb sind Gesundheitsorganisationen und Forscher auf Stichproben angewiesen. Ein Ausnahme bilden die Schuleingangsuntersuchungen, bei denen die Impfquote von Schulanfängern seit 2001 systematisch erfasst wird.

Im Jahr 2018 berichtete das RKI, dass die Impfquote für die erste Impfung bei Schulanfängern im vorangegangenen Jahr das erste Mal in allen Bundesländern über 95 Prozent gelegen habe.

Jens Spahn spielt mit dem Gedanken, das Gesundheitswesen zu verändern. Impfung aus der Apotheke? Das ist der Plan des Ministeriums.

Wer sich im übrigen im Ausland über Masern-Ausbrüche informieren will, kann dies nun mit einer App. Mehr Sicherheit im Urlaub: Diese App warnt vor Katastrophen.

Warum sind Impflücken gefährlich?

Erklärtes Ziel der WHO ist es, die Masern weltweit zu eliminieren. Das gilt als erreicht, sobald eine fortlaufende Infektion von Mensch-zu-Mensch nicht mehr möglich ist. Denn das Virus kann so lange fortbestehen, wie es infizierte und erkrankte Menschen gibt. Sie bilden das natürliche Reservoir des Erregers. Daher ist auch die zweite Impfung notwendig.

Denn nach der ersten Spritze sind laut RKI nur 90 bis 95 Prozent der Empfänger geschützt – erst die zweite Dosis gewähre nahezu vollkommenen Schutz.

Im übrigen wird aktuell nicht nur über Impfungen bei Masern diskutiert, sondern generell über Impfungen bei Erwachsenen. Warum Erwachsene geimpft werden sollten. (ac/dpa)