Psychologie

Berliner sind weniger gestresst als Süddeutsche

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Wolfgang W. Merkel

Foto: Andrea Warnecke / dpa

60 Prozent der Deutschen fühlen sich zu sehr unter Druck. Betroffen sind vor allem Baden-Württemberger, Berliner sind entspannter. Doch trotzdem ist das Stressniveau auch in der Hauptstadt hoch.

Monika Piels beruflicher Erfolg hatte seinen Preis. Die 62-Jährige quittierte Ende Juni vorzeitig ihren Job als Intendantin des Westdeutschen Rundfunks. Eine Überraschung. Der Grund war ihre Gesundheit, wie Piel jetzt im „Stern“ erklärte. „Ein Schlaganfall drohte“, sagt sie. Durch Arteriosklerose, „eine typische Stresskrankheit“. Sie habe zu wenig Bewegung gehabt, Schlafstörungen, Herzrasen und „Bluthochdruck durch Dauerstress“. Jetzt, im Ruhestand, gehe es ihr wieder besser.

Das Eingeständnis kommt am selben Tag wie die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die Forsa im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) durchgeführt hat. Thema: die Zunahme von Stress und worauf der zurückzuführen ist. Der Fall Monika Piel passt ins Bild und ist kein Einzelfall. Fast sechs von zehn Deutschen fühlen sich zu sehr unter Druck. Durch Beruf und Familie, aber auch durch eigene Ansprüche.

Es gibt jedoch regionale Unterschiede. So liegen die Berliner, was das Stressmaß betrifft, im Mittelfeld – so wie allgemein die Menschen im Osten der Republik. 59 von 100 Menschen fühlen sich in der Hauptstadt unter Druck. Spitze sind 63 Prozent Baden-Württemberger, anderswo im Süden und Südwesten sind es 62 Prozent. Aber nur die Hälfte der Bürger im Westen und Norden steht unter Druck. Ungewöhnlich ist am moderaten Stresspegel der Berliner, dass eigentlich in Großstädten mehr Hektik herrscht als in ländlich geprägten Gegenden. Doch die Hauptstädter scheinen gelassen mit dem Trubel umzugehen.

Auch Geringverdiener stehen unter Druck

Stress ist zwar objektiv kaum messbar, aber der subjektive Eindruck von vielen Deutschen ist, dass die Last zunimmt und die Gesundheit bedroht ist. Immerhin rund 20 Prozent aller Deutschen empfinden Dauerstress. Alarmierend sei es, dass sich 40 Prozent der Berufstätigen abgearbeitet fühlen, jeder dritte ausgebrannt, wie TK-Vorstandsvorsitzender Jens Baas sagt. Zwei Drittel der berufstätigen Befragten gaben an, dass vor allem berufliche Anforderungen den Stresspegel hochtrieben. Angestellte trifft das häufiger als Beamte und Arbeiter.

Menschen mit höherem Einkommen sind in der Regel mehr unter Druck als Geringverdiener. Aber auch in der Gruppe der Geringverdiener gibt es Stress: Sie fühlen sich fremdbestimmt, können nicht über Arbeitsabläufe entscheiden, leiden unter Monotonie und wenig Handlungsspielräumen, genießen wenig soziale und finanzielle Anerkennung. Alle fühlen sich von ständigen Unterbrechungen gestresst, die den Arbeitsfluss zerstückeln.

Außerdem geht für viele die Beschäftigung mit der Arbeit nach Dienstschluss oft weiter: „Vier von zehn Berufstätigen geben an, dass sie ständig erreichbar sind, mehr als jedem dritten gelingt es auch nach Feierabend und am Wochenende nicht, richtig abzuschalten“, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner.

Stress kann auch anspornen und zufrieden machen

So bleibt das Stressniveau in der Freizeit hoch, und die Regeneration kommt zu kurz. „Ein stressfreier Arbeitsplatz ist eine Utopie – und auch kein erstrebenswertes Ziel“, sagt Baas. Stress sei nicht per se negativ. Nach der Erhebung sagt jeder zweite Berufstätige, dass Stress ihn ansporne, und jeder fünfte hat sogar das Gefühl, erst unter Druck zur Hochform aufzulaufen. In der Medizin ist der Begriff „Eustress“ geläufig – jener Druck, der anspornt und am Ende zufrieden macht, wenn man Aufgaben gut erledigt. Sieben von zehn Berufstätigen sagen auch, dass sie sich mit ihrem Beruf identifizieren und Freude aus ihm ziehen. Das gilt für Personen mit höherem Bildungsabschluss in besonderem Maß. Je geringer jedoch der Verdienst, desto eher dient der Job lediglich dem Broterwerb.

Besonders belastend wird es, wenn zum beruflichen Stress weitere Belastungen kommen. Das ist ein wichtiges Ergebnis der Umfrage: Gleich auf Platz zwei der Stressfaktoren rangieren die eigenen Ansprüche abseits der Arbeit, etwa an die Betreuung von Kindern und hilfsbedürftigen Eltern oder einfach auch Perfektionismus bei allem, was man tut. „Nicht immer sind äußere Umstände die Ursache für die Anspannung, oft ist es auch eine Frage der inneren Einstellung“, sagt Jens Baas.

Sven Hannawald, der ehemalige Skispringer, unterstrich auf der Pressekonferenz am Mittwoch die Bedeutung der inneren Einstellung zum äußeren Druck. Der Sportler war bekannt geworden, als er 2006 unter dem Einfluss eines Burn-out-Syndroms seine Profi-Skikarriere beendete. „Perfektionismus spielte bei mir eine ganz große Rolle. Ich fühlte mich schlecht, weil ich zwar Wettkämpfe gewonnen hatte, aber mit Leistungen, die schlechter waren als jene im Training. Das war recht schwer aus mir rauszukriegen“, sagte der 38-Jährige, der heute Autorennfahrer ist.

Mit Arbeit, Kindern und hilfsbedürftigen Eltern ist es besonders schwer

Mit dem heutigen Wissen würde er jetzt viel früher eingreifen. „Ich würde früher Ärzte aufsuchen, und ich würde mehr auf mein Umfeld hören. Das merkt früh, wenn man sich verändert. Und heute würde ich nach einem Wettkampf auch mal nur zum Spaß Fußball spielen und feiern, statt gleich wieder an den nächsten Wettkampf zu denken.“

Abseits des Hochleistungssports sei es in der Allgemeinbevölkerung vor allem die sogenannte Sandwich-Generation, die besonders belastet ist. Jene Altersgruppe zwischen, grob gerechnet, 35 und 45 Jahren mit noch zuwendungsbedürftigen Kindern und schon zuwendungsbedürftigen Eltern. Gerade das familiäre Umfeld kann viel Extrastress neben dem äußeren Druck bedeuten. Davon seien Frauen besonders betroffen, sagt Baas.

Sieben von zehn Menschen mit Kindern fühlen sich laut Umfrage unter Stress, sie fühlen sich aber zu fast 100 Prozent auch glücklich. Bei Männern ist es vor allem der Job, der an den Nerven zerrt, bei Frauen ist es neben dem Beruf das Gefühl, nicht zu schaffen, was ihnen wichtig ist. Bei beiden Geschlechtern können weitere Faktoren dazukommen, so das Ergebnis der Forsa-Umfrage: etwa Arbeitsplatzunsicherheit, sozial und physisch belastende Schichtarbeit oder finanzielle Belastungen durch das neue Eigenheim.

Krank wird vor allem, wer vor dem Stress die Augen verschließt

Und wie geht der Deutsche mit dem Stress um? Baas sieht drei Typen: Der erste (59 Prozent) ist der „Durchhalter“, der zweite (17 Prozent) vermeide, sich mit dem Stressproblem auseinanderzusetzen. „Er will das Problem nicht wahrhaben – und ist der kränkste.“ Der dritte Typ sei der „Losleger“. Diese 17 Prozent (Männer 25 Prozent, Frauen zehn Prozent) genießen oder brauchen den Druck. Zum Ausgleich suchen die Deutschen klassische Entspannungsformen: Frauen gehen am liebsten spazieren und sehen fern, Männer gehen ihren Hobbys nach, surfen im Internet und – weniger gut – greifen zur Entspannung zum Alkohol. Immerhin jeder Zweite gibt an, Sport zu treiben.

Die Regeln für Stressabbau sind eigentlich bekannt. Spazieren gehen gehört sicherlich dazu, so wie Bewegung allgemein. Außerdem ein abwechslungsreiches, kraftspendendes Privatleben und das Abschalten in der Freizeit – wörtlich wie im übertragenen Sinne, also auch so oft wie möglich nicht für berufliche Belange erreichbar sein.

Insgesamt am glücklichsten sind die Älteren über 66 Jahre

Für die Krankenkassen ist der Trend zu mehr stressbedingten Krankheiten alles andere als erfreulich. „Um Stress nicht erst in Krankheit verwandeln zu lassen, bieten wir natürlich längst Yoga und Anti-Stress-Coaching an. Aber die da hingehen, sind leider nicht die Hauptgestressten“, sagt Baas. Als besondere Aufgabe sieht er die Notwendigkeit, die Betriebe dazu anzuregen, auf übermäßigen Stress zu achten und gegenzusteuern. Ein Argument für mehr Arbeitgeberfürsorge hat Baas: Kosten durch Arbeitsausfälle. In Deutschlands Betrieben fehlen „Tag für Tag viele Tausend Beschäftigte aufgrund von Stressfolgen“.

Die wichtigste Frage überhaupt ist jene nach dem Glück. Da zeigt sich, dass deutsche Frauen glücklicher sind als Männer und die Älteren glücklicher als die Jungen. 47 Prozent der Männer bezeichnen sich als glücklich, zweifeln aber öfter. 43 Prozent bezeichnen sich als sehr zufrieden. Doch immerhin jeder Zehnte fühlt sich unglücklich und meint, er hätte mehr aus seinem Leben machen können. Nur jede 25. Frau ist ganz und gar unzufrieden mit ihrem Leben, 52 Prozent sind sehr zufrieden, 42 Prozent geraten öfter mal ins Zweifeln.

Wie kürzlich schon in einer anderen Studie zeigt sich erneut, dass die Zufriedenheit im Alter zunimmt. Zwei Drittel der über 66-Jährigen ziehen eine positive Bilanz ihres Lebens. Am unzufriedensten sind die 16- bis 25-Jährigen, in der Gruppe von Mitte 30 bis Mitte 40 überwiegen jene, die sich zwar nicht generell schlecht fühlen, die aber doch oft Zweifel plagen. Vielleicht, weil ihnen viele Wege schon nicht mehr offen stehen. Das Gute: Ab Mitte 40 geht es wieder aufwärts.