Sucht-Statistik

Jeder Deutsche trinkt pro Jahr 136,9 Liter Alkohol

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Wolfgang W. Merkel

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Alkoholismus ist eine unterschätzte Gefahr, so ein neuer Suchtreport. Drei Millionen Deutsche sind abhängig. Das kostet jährlich 27 Milliarden Euro. Experten dringen auf eine restriktivere Politik

Rainer Mannstein (Name geändert) ist nicht Harald Juhnke. Der Arzt aus dem Schwarzwald ging mit seiner Sucht anders um als der Schauspieler aus Berlin. Während Juhnke über Jahrzehnte im Kreislauf von Exzess und Entzug kreiste – und das öffentlich und ohne Chance es zu verbergen –, litt Mannstein über Jahre, vielleicht Jahrzehnte nicht bewusst unter seinem Alkoholproblem.

Natürlich trank er Alkohol, und er trank regelmäßig. Gelegentlich gab es auch Kritik aus der Familie. Aber als Alkoholiker fühlte er sich nicht. „Das gehört bei den meisten Abhängigen zur Krankheit dazu. Ich hatte absolut keine Krankheitseinsicht“, sagt Mannstein.

Für ihn kam es, wie es ebenfalls bei den meisten Alkoholikern kommt: Es muss eine Katastrophe passieren, bevor sich etwas ändert. „In meinem Fall war es eine Abmahnung meines Arbeitgebers. Ich arbeitete in einer Klinik und war abends mit einer Fahne zum Hintergrunddienst erschienen. Das war der Auslöser.“

Die Suchtklinik ist keine „Klapse“

Job in Gefahr, die Normalität dahin, doch die Einsicht in die eigene Sucht fehlte noch immer. „Mein Arbeitgeber verlangte, dass ich in eine Suchtklinik gehe. Aber ich fragte mich: Was soll ich da? Ich bin nicht krank und nicht verrückt. In meinem Kopf geisterte noch das Klischee von der Klapsmühle herum.“

Ohne Einsicht in die Notwendigkeit eines Entzugs ist ein Klinikaufenthalt Unsinn. Mannstein ließ sich überreden, zunächst – quasi, um sich kliniktauglich zu machen – eine ambulante Therapie zu beginnen. Mit nur mäßigem Erfolg.

Er ging trotzdem in den stationären Entzug und in den Aufbau eines promillefreien Lebens. „Nach einer Woche Anlaufzeit habe ich kapiert, dass ich krank bin. Dort habe ich mich zum ersten Mal im Leben auf mich selbst konzentriert. Und Sie werden es nicht glauben: Es hat mir so gut gefallen, dass ich den Klinikaufenthalt freiwillig um zwei Wochen verlängert habe.“

15 Jahre dauert es, bis Alkoholiker Hilfe bekommen

Bei Rainer Mannstein ist schwer zu sagen, wie lange die Sucht da schon bestanden hatte. Im Durchschnitt sind 15 Jahre vergangen, bis Alkoholabhängige professionelle Hilfe erreicht, bei den Konsumenten von illegalen Drogen und Tabak sind es zwölf beziehungsweise 23 Jahre.

Das sind Jahre, in denen sich die Sucht verfestigen kann, wie Theo Wessel vom Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe im Diakonischen Werk in Berlin und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchgefahren (DHS) sagt. Am Mittwoch hat die DHS als Dachverband aller in Deutschland tätigen Suchthilfe-Organisationen das Jahrbuch Sucht 2013 vorgestellt.

Alkohol ist die weithin unterschätzte Droge, sagte Gabriele Bartsch von der DHS in Hamm. Die legale Droge verursacht jedes Jahr rund 74.000 Todesfälle – in Gestalt etwa von Leberzirrhose, Magen- und Brustkrebs. Übertroffen wird Alkohol unter den Genuss- und Suchtmitteln nur von Tabak. Der fordert jährlich 100.000 bis 120.000 Tote. Auch wenn man sie von der individuellen Gefahr nicht vergleichen kann: Auf das Konto der illegalen Drogen wie Heroin, Kokain und Amphetamine gehen „nur“ weniger als tausend Tote.

300 Euro kostet Alkoholismus jeden Bundesbürger im Jahr

Der volkswirtschaftliche Schaden ist bei Alkoholismus am größten. 27,2 Milliarden Euro kostet die Sucht die Deutschen, rund zweieinhalb Prozent des Bruttosozialprodukts. Eingeschlossen die medizinische Versorgung der Kranken, Arbeitsausfälle, Frühberentungen, Erwerbsunfähigkeit. Oder anders gerechnet: 300 Euro pro Bundesbürger kostet Alkoholabhängigkeit.

Zehn Millionen Tabakabhängige gibt es in Deutschland, so die Statistiken, dazu 3,3 Millionen Alkoholiker, 1,4 Millionen Medikamentensüchtige (vor allem abhängig von Benzodiazepinen) sowie 380.000 Menschen mit gesundheitsschädlichem Cannabiskonsum.

„Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist verschoben“, sagt Bartsch. „Die Risiken von Alkohol werden völlig unterschätzt, weil alkoholische Getränke legal sind, es eine lange Tradition der Herstellung und Nutzung gibt und Alkohol mit Glück und modernem Lebensstil assoziiert wird.“

Alkohol steht für Geselligkeit und Freude

Nicht zuletzt dürften die Hersteller in der Werbung ein Bild von Geselligkeit, Urlaub, Partys, Freude und Ausgelassenheit zeichnen. Ausgelassen getrunken kommen so auf jeden Bundesbürger 9,6 Liter reinen Alkohol jährlich oder – anschaulicher – eine Badewanne voll Bier, Wein und Spirituosen (136,9 Liter).

„Völlig vergessen wird, dass auch schon ein gesundheitliches Risiko besteht, wenn man noch nicht süchtig machende Mengen trinkt“, sagt DHS-Vertreterin Bartsch. Tolerabel seien – regelmäßig getrunken – 0,3 Liter Bier oder knapp 0,2 Liter Wein pro Tag (Frauen) oder 0,5 Liter Bier oder 0,3 Liter Wein (Männer). „Das markiert die Grenze dessen, bei der auch das empfindlichste Körperorgan noch keinen Schaden nimmt“, sagt Bartsch.

Längst nicht nur die Leber leidet unter dem Alkoholeinfluss, es ist der ganze Körper. Denn toxisch ist weniger der Alkohol als vielmehr seine Abbauprodukte, die im Blut kreisen.

Das „Helfersyndrom“ führt in die Abhängigkeit

Deutlich mehr als dieses Pensum schädigt auf Dauer nicht nur die Gesundheit, auch familiäre Beziehungen geraten unter Druck, die Arbeitsleistung leidet, und es droht unter Umständen Jobverlust. Bei Rainer Mannstein standen die Arbeitsprobleme im Vordergrund. Mit der Arbeit hatte aber auch sein Abgleiten in die Sucht zu tun.

„Ich hatte ein Helfersyndrom. Ich habe immer nur geholfen und dachte, ich sei besonders stark. Und ich war davon überzeugt, dass es als Arzt auch gar nicht anders geht, dass das zur Medizin dazugehört und habe es sogar für etwas Positives gehalten. Manchmal habe ich an den Wochenenddiensten Verkehrsnachrichten gehört und mich darüber gefreut, dass ich nicht in einem der Staus stecke. Die vielen Symptome meiner Krankheit habe ich nicht gesehen.“

Eine Instanz, die hätte warnen können, hat offensichtlich versagt, oder Mannstein hat die warnende Stimme überhört: die des Hausarztes. Die Ärzte müssten nachhaken, wenn ihre Patienten mit den ersten verdächtigen Symptomen kommen, sagt Wessel. Etwa Problemen mit dem Magen oder der Speiseröhre. Auch Unfälle geben unter Umständen Hinweise. Der „Klassiker“ ist aber der erhöhte Leberwert.

Hausärzte merken die Sucht oft als Erste

In solchen Fällen könnte gezieltes Nachfragen und ein motivierendes Gespräch dazu führen, dass der Süchtige Hilfe annimmt – sei es vom Facharzt oder bei einer Selbsthilfeorganisation. Mediziner lernten jedoch wenig über Suchtkrankheiten, sagt Wessel.

Wie man dem Problem übermäßigen Alkoholkonsums entgegenwirken könnte, zeigt das Vorbild Tabak, sagen beide Fachleute. Dort gibt es Fortschritte. Vor allem die Jugendlichen und jungen Erwachsenen beginnen nicht mehr so häufig zu rauchen oder doch später.

Das sei eine Folge der heute restriktiveren Politik, vor allem des Werbeverbotes und des umfassenderen Nichtraucherschutzes. „Die Politik geht anders mit Alkohol um als mit Tabak. Beim Alkohol fehlen die Warnhinweise auf den Produkten. Es gibt keine Werbeeinschränkungen, und die Preise wurden nicht erhöht“, ergänzt Wessel.

In Frankreich und Schweden könne man sehen, wie es geht: mehr Aufklärung, höhere Preise, eine schwierigere Erreichbarkeit der Alkoholika – dort gebe es einen erfolgreichen Maßnahmen-Mix gegen Alkoholabhängigkeit. Gabriele Bartsch hebt Werbeverbote hervor. „Werbeeinschränkungen sind ein hoch wirksames Instrument. In Frankreich darf nur noch für Produkte geworben werden, Imagewerbung, die ein positives Lebensgefühl mit Alkohol verbindet, ist verboten. Wir fordern das auch für Deutschland seit Jahren.“

Probleme in der Familie und bei der Arbeit nehmen zu

Was kann der Einzelne tun, um eine mögliche Suchtgefahr zu erkennen? Experte Wessel nennt die Fragen, die sich jeder stellen kann: „Habe ich wegen des Konsums öfter Gewissensbisse? Ernte ich häufig Kritik, die mit Drogenkonsum zusammenhängt? Habe ich körperliche Beschwerden, die mit Sucht zu tun haben könnten? Komme ich morgens ohne Alkohol nicht in die Gänge? Nehmen die Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz zu?“ Lauten die Antworten „Ja“, ist Hilfe nötig.

Die ist gerade in Berlin sehr vielfältig. Hier gibt es ein großes Netz an Angeboten für Beratung, fachärztliche Therapie und Selbsthilfe. Angehörige sowie Kollegen und Vorgesetzte können den Mut zur Hilfe fördern: mit klaren Ansagen und ohne zu moralisieren: „Wir machen nicht alles mit, wir unterstützen deine Sucht nicht mehr. Wir helfen dir, wenn du etwas dagegen tust. Jetzt bist du dran.“

Keinesfalls sollten beispielsweise Angehörige den Abhängigen beim Arbeitgeber mit einer Lüge entschuldigen, wenn er nicht aus dem Bett kommt. In größeren Firmen gibt es zudem oft eine betriebliche Vereinbarung zum Umgang mit Suchtproblemen, die die Interessen beider Seiten verfolgt.

Nach der Therapie kommt die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz

Bei Rainer Mannstein hat das gut funktioniert. Nach einem Vierteljahr Entzug und Therapie hat er seine Arzttätigkeit in der Klinik in gleicher Funktion wieder aufgenommen. Fast geräuschlos ging das vonstatten. „In meiner Abteilung haben sicher alle von meiner Sucht gewusst. Aber bei der Rückkehr gab es kein großes Gehabe. Das fand ich positiv.“

Harald Juhnke ist fast auf den Tag genau vor acht Jahren an seiner Krankheit gestorben, Rainer Mannstein hat überlebt. Er ist trocken, aber nicht geheilt. Denn Alkoholsucht ist nicht heilbar, nur beherrschbar. Er wurde eben zum trockenen Alkoholiker.

Er ist ein anderer geworden, sagt er: „Seit ich trocken bin, verhalte ich mich Mitmenschen gegenüber anders, das sagen mir auch andere. Früher habe ich schlechte Stimmung verbreitet. Heute bin ich wohlwollender, großzügiger, toleranter und empathischer. Als Feedback kamen Aussagen wie diese: ‚Wie Sie da reagiert haben, das wäre früher undenkbar gewesen.’ Das war eine sehr schöne Verstärkung für mich.“

Heute habe er mehr Freude an Kleinigkeiten, wohingegen er sich früher völlig überschätzt habe. „Jetzt bin ich demütiger und toleranter – und das genieße ich sehr. Ich nenne das die Abstinenz-Dividende. Es ist ein schönes Leben ohne Alkohol.“

Beratung und Hilfe in Berlin: Landesstelle Berlin für Suchtfragen, Tel. (030) 34 38 91 60, buero@landesstelle-berlin.de