Der Nachrichtenlauf lud zu Interpretationen ein. Um 11.37 Uhr meldete am Montag die erste Nachrichtenagentur: „Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an Bruce Beutler, Jules Hoffmann und Ralph Steinmann. Das teilte das Nobelkomitee am Montag in Stockholm mit.“ Knapp dreieinhalb Stunden später, um 15 Uhr desselben Tages, lief die erste Meldung mit der Nachricht ein: „Ralph Steinman ist tot.“
Hatte der Gewinner der renommiertesten Auszeichnung der Welt für Wissenschaftler die frohe Botschaft gesundheitlich nicht verkraftet? Oder waren gar Neider am Werk? Warum sonst sollte der 68-jährige Forscher aus Massachusetts so schnell nach dieser für ihn so überaus freudigen Nachricht gestorben sein?
Kenner der Szene wissen, dass das Nobelpreiskomitee keinem vorher bereits Verstorbenen die Auszeichnung verleihen darf. Das konnte es also nicht gewesen sein. Das Komitee kündigte eine Stellungnahme an; eine posthume Verleihung, so viel verlautete bereits vorab, komme in der Tat nicht in Frage.
Stunden später dann die offizielle Erklärung aus Stockholm: Ralph Steinman sei zwar bereits bei der Entscheidung der Jury tot gewesen, doch die Juroren seien darüber nicht informiert worden. Deshalb bleibe es bei der Entscheidung für ihn als Preisträger. Auch diese Erklärung allerdings lud zu Interpretationen ein.
Hatte da jemand, der die Statuten kannte, eine Todesnachricht zurückgehalten?
Der Preis ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert. Steinman wurde davon die Hälfte zuerkannt, 550.000 Euro. Er galt der Jury offenbar als der bedeutendste der drei Medizin-Preisträger, die anderen beiden müssen sich mit jeweils einem Viertel begnügen. Steinmans Anteil fällt nun an seine Familie.
Ganz offenbar war es eine unglückselige Verkettung schnell aufeinander folgender Ereignisse und Nachrichten, die die Nobelpreis-Maschinerie in diese bisher beispiellose Situation brachte – fast vergleichbar mit jenen Fällen einer Papstwahl aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, bei denen der Pontifex zwischen dem Konklave und der Papstweihe verstarb.
Mit dem Unterschied, dass es hierbei immer noch ungeklärt ist, ob die Betreffenden als Papst bezeichnet werden dürfen, während der Fall Steinman geklärt ist.
Am 25. September wurde Steinman ins Krankenhaus eingeliefert. Seit vier Jahren litt er an Krebs in der Bauchspeicheldrüse, ein Pankreaskarzinom. Er ließ es nach der von ihm entwickelten Immuntherapie behandeln, für deren vorgelagerte Grundlagenforschung er nun ausgezeichnet wurde – letztlich eben doch posthum.
„Die Ärzte haben uns gesagt, dass sein Zustand sehr schlecht ist“, sagt seine Tochter Alexis Steinman. Seine Familie, habe ihn aufgefordert, „noch bis Montag durchzuhalten, bis zur Verkündung der Preisträger“ – im Scherz, wie die Tochter betont.
Ihr Vater habe gewusst, wie es gemeint gewesen sei, sagt die Tochter weiter, denn er habe geantwortet: „Ich glaube nicht, dass ich es hinbekomme, im Dezember ( zur Verleihung der Nobelpreise ) zu verreisen.“ Der Termin für die Entscheidung der Jury war der Familie offenbar präsent.
Am Freitag, dem 30. September, starb Steinman dann um 11.30 Uhr. Den restlichen Freitag, am Samstag und auch Sonntag geschah weiter nichts. Keine Informationen über den Tod gingen an die Öffentlichkeit. Steinmans Rockefeller-Universität in New York und das Nobelpreiskomitee waren im Wochenende.
Am Montag um 14.30 Uhr fiel die Entscheidung der Jury, um 15 Uhr wurde sie der Presse bekannt gegeben. Die Rockefeller-Universität machte am Montag Steinmans Tod bekannt in einer Presseerklärung, die zwar das Datum trägt, aber keine Uhrzeit. Auf eine Anfrage von „Morgenpost Online“ ging am Dienstag bis Redaktionsschluss keine Antwort ein.
Allerdings ist auch die Frage, ob die Jury die Erklärung – eine frühmorgendliche Veröffentlichung vorausgesetzt – vor ihrer Sitzung überhaupt noch zur Kenntnis genommen hätte. Die Erklärung des Nobelpreis-Komitees zeigt, dass man in Stockholm von einem korrekten Verhalten aller Beteiligten ausgeht.
Passus aus dem Jahr 1974
Der Passus in den Nobelpreis-Statuten, der die posthume Preisverleihung ausdrücklich ausschließt, stammt aus dem Jahre 1974. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten auch Verstorbene Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, sofern sie am Stichtag der Nominierung – im Januar desselben Jahres – noch gelebt hatten.
Zweimal trat dieser Fall ein. 1931, beim schwedischen Literaturnobelpreisträger Axel Karlfeldt sowie bei Dag Hammarskjöld, der spektakulärste Fall. Der frühere – ebenfalls schwedische – Generalsekretär der Vereinten Nationen war am 18. September in Afrika bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen , womöglich war seine Maschine abgeschossen worden. Zwei Wochen später entschied sich die Jury für ihn.
Auch nach 1974 gab es eine Ausnahme. William Vickry erhielt nach seinem Tod 1996 den Wirtschaftsnobelpreis. Allerdings war er zwischen der Jury-Entscheidung und der Preisverleihung gestorben – eine Konstellation, die die Satzung weiterhin ausdrücklich gestattet.
Die Rockefeller-Universität, deren Forscher nicht zum ersten Mal mit einem Nobelpreis geehrt wurden, bezeichnete in ihrer Erklärung die Nachricht von der Entscheidung für Steinman als „bittersüß“. Innerhalb weniger Stunden gingen bei ihnen diese Neuigkeit und die vom Tod ihres Wissenschaftlers ein.
Die Forschungen, für die Steinman jetzt geehrt wurde, reichen bis ins Jahr 1973 zurück, als er die „dendritischen Zellen“ entdeckte. Sie leisten dem Immunsystem Hilfestellung gegen eindringende Krebszellen, indem sie diese kenntlich machen. Dadurch sind die Immunzellen besser in der Lage, sie zu bekämpfen.
Vor allem aber sind sie beim nächsten Angriff des Krebses besser geschult, können schneller reagieren. Auf diese Weise erwirbt der Körper im Laufe des Lebens ein immer effizienteres Immunsystem – eine Erklärung, warum Krebszellen bei jüngeren Menschen ein leichteres Spiel haben.
Die Erkenntnis Steinmans bietet Ansätze zur gezielten Stützung des körpereigenen Immunsystems durch die Medizin. Auch Ralph Steinman konnte im Kampf gegen seine Krankheit daraus Nutzen ziehen, bis es am vergangenen Freitag nicht mehr ging – und er drei Tage vor seinem größten beruflichen Triumph starb.



