Er war eine Hochbegabung, blies schon in seiner Jugend das Horn so gekonnt, dass ihm von allen eine Musikerkarriere vorausgesagt wurde. Und so kam es auch. Nach dem Musikstudium gewann er bald ein Probevorspiel bei einem Profi-Orchester, nun war er erster Hornist. Immer, wenn in den Partituren von Brahms, Bruckner oder Mahler ein Hornsolo verlangt wurde, hatte er seinen großen Einsatz.
Die Zuhörer waren begeistert. Was sie nicht wahrnahmen, war die Angst, die ihm zu schaffen machte. In seinen ersten Berufsjahren kam er mit den Schweißausbrüchen vor heiklen Stücken noch klar. Doch dann konnte er die immer heftiger werdenden Panikattacken kaum noch ertragen.
Schon am Beginn der Konzertsaison suchte er den Spielplan nach jenen Sinfonien ab, die ihn besonders quälten – und legte sich Strategien zurecht, wie er um die brenzligen Einsätze herumkommen könnte. Zuletzt war der einst brillante Musiker oft krankgeschrieben.
Das Schicksal dieses anonymen Hornisten ist kein Einzelfall. Jeder zweite Berufsmusiker leide unter pathologischem Lampenfieber, schätzt die Neurologin und Psychiaterin Déirdre Mahkorn. Darunter versteht sie nicht jenes belebende Lampenfieber, das viele Künstler erst zu Höchstleistungen anspornt, sondern eine echte Angsterkrankung, die die Berufsausübung oft zu einer Qual und manchmal sogar unmöglich macht.
Mahkorn hat an der Uniklinik Bonn vor einem halben Jahr eine Lampenfieber-Ambulanz eingerichtet. „Manche der Musiker, die zu uns kommen, saßen schon oft in einer Notaufnahme – mit Herzrasen, Atemnot und Beklemmungen. Sie dachten, sie bekommen einen Herzinfarkt.“ Dabei war die Angst vor dem Auftritt schuld. Doch weil die wenigsten Musiker wissen, wie sie diesem Leiden beikommen können, machen sie irgendwie weiter. Bis zum nächsten Panikanfall. Oder sie greifen zu Hilfsmitteln aus dem Arzneimittelschrank.
Mahkorn schätzt, dass ein Drittel der Berufsmusiker irgendwann Erfahrungen mit sogenannten Beta-Blockern macht, die Herzfrequenz und Blutdruck niedrig halten. „Unter meinen Patienten sind aber auch welche, die gefährlichere, abhängig machende Medikamente wie Diazepam oder Lorazepam einnehmen“, berichtet Mahkorn. Wieder andere glauben, ihre Bühnenangst nur mit Alkohol unter Kontrolle halten zu können.
Dabei ist auch Lampenfieber behandel- und heilbar. Der von pathologischem Lampenfieber geschüttelte Musiker ist aus medizinischer Sicht vergleichbar mit Patienten, die Herzrasen bekommen, wenn sie vor anderen sprechen sollen; oder die sich nicht unter Menschen trauen.
Musiker haben oft Angst, Fehler zu machen. Sie haben Angst vor dem Urteil ihrer Kollegen. Geiger haben Angst, dass ihnen der Bogen zittert. Bläser haben Angst, einen Ton zu verkieksen. Sänger haben Angst, die Stimme könnte wegbleiben. Meist ist die Angst unbegründet. Berufsmusiker sind schließlich bestens ausgebildet, sie haben seit ihrer Jugend ein strenges Auswahlverfahren durchlaufen, haben in Wettbewerben und Probespielen gelernt, mit Stress und Druck umzugehen.
Und doch kann das pathologische Lampenfieber plötzlich auftauchen. Und zwar in den verschiedensten Lebensabschnitten. „Oft hat es damit zu tun, dass der ohnehin schon große Leistungsdruck durch irgendeine äußere Veränderung noch verstärkt wird“, sagt Mahkorn.
Beim jugendlichen Musiker, der bereits als Jungstudent an einer Musikhochschule unterrichtet wird, kann der zusätzliche Stress der Abiturprüfung der Auslöser sein. Beim Orchestermusiker mit vielen Jahren Berufserfahrung kann es der neue, junge und begabte Kollege sein, der in ihn an seinem Können und an sich selbst zweifeln lässt und unter Druck setzt. „Wer Druck verspürt, entwickelt auch oft Angst“, sagt Mahkorn.
Doch wenn Lampenfieber eine ganz normale Angsterkrankung ist, wozu gibt es dann eine besondere Lampenfieber-Ambulanz? „Musiker brauchen das Gefühl, das jemand ihr ganz spezielles Problem versteht“, sagt Déirdre Mahkorn: „Sie fühlen sich vom normalen Medizinbetrieb oft unterrepräsentiert und nicht gut versorgt.“ Sie selbst bringt das Verständnis für Musiker aus ihrer eigenen Biografie mit in die Sprechstunden: „Ich stand auch einmal vor der Entscheidung, ob ich Musik studieren sollte“, sagt Mahkorn.
Sie weiß ganz genau, was es bedeutet, ein Musikstück möglichst fehlerfrei aufführen zu müssen. „Auf der Bühne gibt es ja keine Rückspultaste, mit der man einen falschen Ton ungeschehen machen könnte“, sagt Mahkorn. Und im Gegensatz zu einem Schauspieler könne ein Musiker einen Aussetzer auch nicht kompensieren. „Ein Schauspieler kann zur Not improvisieren oder irgendeine Geste machen – eine Königin der Nacht, die die Töne nicht trifft, hat keine Chance, davon abzulenken.“
Ganz neu ist das Wissen um typische Musiker-Leiden zwar nicht. Der Berliner Neurologe Kurt Singer veröffentlichte bereits 1926 eine Monografie mit dem Titel „Die Berufskrankheiten der Musiker“. Aber die Mainstream-Medizin nahm die erhöhten Erkrankungsrisiken bei Berufsmusikern lange nicht zur Kenntnis.
Erst in den letzten Jahren werden Schädigungen des Gehörs durch hohe Lautstärke oder musikertypische Erkrankungen des Bewegungsapparats untersucht und Präventionsprogramme erarbeitet. Und einige Institute kümmern sich auch um die psychischen Belastungen.
Eine psychiatrische Uniklinik mit Musiker-Sprechstunde gab es bislang nicht. Entscheidend für den Erfolg der Behandlung sei eine genaue Diagnose, sagt Mahkorn. Danach wird verhaltenstherapeutisch und zielorientiert mit dem Patienten gearbeitet.
Die Musiker müssen eine detaillierte „Angstbiografie“ schreiben und eine Rangliste aller Situationen erstellen, in denen sie vom Lampenfieber übermannt werden. „So wird klar, dass nicht Unfähigkeit die Ursache ist, sondern negative Gedanken.“ Später fordert Mahkorn ihre Patienten auf, das Instrument mitzubringen – und das versammelte Ärztekollegium simuliert das Publikum.





