In zehn Jahren wird es in Europa doppelt so viele Kinder geben, die an der genetisch bedingten Zuckerkrankheit, Diabetes Typ I, erkrankt sind. Das berichten Forscher von den Universitäten Belfast, Pécs (Ungarn) und Colorado im Fachjournal "The Lancet". Die Forscher haben für ihre Studie Daten von 20 Diabeteszentren in 17 europäischen Ländern untersucht. Dazu werteten sie die Krankheitszahlen in einzelnen Regionen der jeweiligen Länder aus - für Deutschland etwa waren das Baden-Württemberg und Düsseldorf. Zwischen 1989 und 2003 wurden an den 20 Zentren knapp 30.000 Kinder registriert, bei denen Ärzte den insulinpflichtigen Diabetes neu diagnostizierten.

Die Studie von Christopher Patterson von der Universität Belfast zeigt, dass die Zahl der diabeteskranken Kinder durchschnittlich um 3,9 Prozent pro Jahr stieg. Die Forscher teilten die Kinder in drei Altersklassen ein: Bei den Null- bis Vierjährigen stieg der Anteil um 5,4 Prozent, bei den Fünf- bis Neunjährigen um 4,3, und bei den Zehn- bis 14-Jährigen um 2,9 Prozent.

Baden-Württemberg meldete einen durchschnittlichen Anstieg um 3,7 Prozent pro Jahr, in Düsseldorf wurde ein Anstieg um 4,7 Prozent ermittelt. Damit liegt Deutschland im Mittelfeld. In manchen Regionen Europas war der Anstieg zum Teil deutlich höher, in anderen Regionen deutlich geringer: So stieg beispielsweise der Anteil in der polnischen Region Kattowitz um 9,3 Prozent, im spanischen Katalonien nur um 0,6 Prozent pro Jahr.


Mit statistischen Methoden werteten die Wissenschaftler die Zahlen aus und stellten Prognosen für die künftige Entwicklung. Für das Jahr 2020 sagen sie voraus, dass die Anzahl der an Diabetes Typ I leidenden Kinder sich in der jüngsten Altersklasse verdoppeln, in der ältesten Klasse um das 1,3- bis 1,6-Fache steigt. Der Anteil der zuckerkranken Kinder wird sich im Vergleich der Altersklassen also mit der Zeit ausgleichen: 29 Prozent der Null- bis Vierjährigen, 37 Prozent der Fünf- bis Neunjährigen und 34 Prozent der Zehn- bis 14-Jährigen werden in gut elf Jahren insulinpflichtig sein. Im Jahr 2020 sind es dann etwa 160.000 zuckerkranke Kinder. 2005 waren 94.000 Kinder als Typ-I-Diabetiker diagnostiziert.

Die Gründe, warum Diabetes Typ I bei Kindern immer häufiger diagnostiziert wird, sind noch nicht geklärt. Möglicherweise spielt die verbesserte Diagnose eine Rolle. Forscher diskutieren auch, dass epigenetische Faktoren dafür verantwortlich sein könnten: Durch einen ungesunden Lebensstil ihrer Eltern oder eine unausgewogene Ernährung und wenig Sport könnte die Zuckerkrankheit bei Kindern ausgelöst werden. Außerdem werden immer mehr Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht - eine Geburt, die das Diabetesrisiko nachweislich ebenfalls erhöht.