Extrapfunde

Selbst leichtes Übergewicht steigert das Sterberisiko

Vor kurzem hatten Untersuchungen behauptet, dass ein wenig Übergewicht gesund sei. Offenbar ist das Gegenteil der Fall.

Ein paar Extrapfunde galten bislang als harmlos oder sogar als Schutz vor manchen Erkrankungen. Nun räumt eine der größten Studie zu Gewicht und Gesundheit mit diesem Vorurteil auf. Demnach sind zwar exzessive Speckgürtel besonders gefährlich. Aber schon normales Übergewicht steigert das Risiko für einen frühen Tod.

Korpulenz ist weltweit auf dem Vormarsch. In den USA sind inzwischen zwei von drei Erwachsenen zu dick, und auch in Deutschland neigen immer mehr Menschen zu Speckpolstern. Dass Fettleibigkeit Herzkrankheiten, Schlaganfall und manche Krebsarten begünstigt, steht seit langem zweifelsfrei fest.

Umstritten war jedoch bislang, ob auch Übergewicht die Mortalität erhöht. Manche Untersuchungen deuteten darauf hin, dass eine leichte Korpulenz nicht schade oder sogar Vorteile berge. So ergab vor einigen Jahren eine Studie der US-Gesundheitsbehörde CDC, dass Übergewicht das Sterberisiko nicht erhöht. Allerdings hatten die Forscher damals Raucher und Menschen mit Vorerkrankungen wie etwa Krebs nicht von der Teilnahme ausgeschlossen.

Diesmal gingen die Wissenschaftler sorgfältiger vor: Sie werteten insgesamt 19 Langzeitstudien aus. Unter den fast 1,5 Millionen Teilnehmern waren weder Raucher noch Menschen mit bestehenden Krebs oder Herzerkrankungen. Bei den Männern und Frauen prüften die Forscher das Verhältnis von Gewicht und Größe. Den Körper-Masse-Index (BMI) glichen sie dann im folgenden Zeitraum - je nach Studie fünf bis 28 Jahre mit der Sterblichkeit ab.

Übergewicht beginnt bei einem BMI ab 25, Fettleibigkeit ab 30 und krankhafte Adipositas ab 40. Umgerechnet auf eine Größe von 1,68 Metern startet Übergewicht bei 70 Kilo, Fettleibigkeit bei 84 Kilo und krankhafte Adipositas bei 113 Kilo.

Resultat der Studie: Bei den Frauen lag die Mortalität in jener Gewichtsgruppe am niedrigsten, die im oberen BMI-Idealbereich lag also zwischen 22,5 und 24,9. Im Vergleich dazu war die Sterblichkeit bei den übergewichtigen Teilnehmerinnen um 13 Prozent höher. Bei den fettleibigen Frauen war das Risiko um 44 bis 88 Prozent erhöht, bei krankhafter Adipositas sogar um das 2,5-Fache. Bei den Männern sahen die Ergebnisse ähnlich aus.

„Ein paar Extrapfunde auf den Knochen sofern es sich dabei um Fett handelt sind nicht günstig, sondern schädlich“, sagt Studienleiter Michael Thun, Präsident der Amerikanischen Krebsgesellschaft, der die Resultate im renommierten "New England Journal of Medicine" vorstellt.

Erstautorin Amy Berrington vom Nationalen Krebsinstitut betont, dass die Ergebnisse etliche frühere Studien bestätigen. „Es gibt inzwischen eine sehr breite Datenlage dafür, dass Übergewicht mit einem leicht erhöhten Sterberisiko verbunden ist“, sagt sie.

Gerade wegen der Größe der Studie und der Vielzahl der darin ausgewerteten Untersuchungen hält Thun seine Resultate für besonders zuverlässig. „Das widerlegt die Annahme, ein bisschen Übergewicht sei gut für die Gesundheit“, sagt Thun.

Die Volksweisheit, dass ein paar Speckreserven vor Krankheiten schützen, stamme wahrscheinlich noch aus jener Zeit, als eine ausreichende Nährstoffversorgung nicht selbstverständlich gewesen sei.


"Wir brauchen mehr Daten zur körperlichen Aktivität"

Auch Steven Blair von der Universität von South Carolina betont, dass die neuen Ergebnisse mit anderen Studien übereinstimmen. Dennoch sieht er weiteren Klärungsbedarf: Denn trotz des umsichtigen Vorgehens hatten es die Forscher versäumt, das Bewegungspensum der Teilnehmer zu prüfen.

Blair glaubt, dass Übergewicht Menschen nicht per se gefährdet. Stattdessen vermutet er, dass überschüssige Pfunde harmlos sind, so lange sich die Menschen körperlich fit halten.

„Wenn wir den Gesundheitsgefahren von Übergewicht und Fettleibigkeit auf den Grund gehen wollen, brauchen wir mehr Daten zur körperlichen Aktivität“, sagt der Experte. „So lange die fehlen, wissen wir nicht, wie zuverlässig der BMI als Anzeiger des Sterberisikos ist.“