Tropenmedizin

Forscher erstellen Mückenkarte für Deutschland

Mit mehr Mücken-Daten wollen Wissenschaftler untersuchen, wie groß das Risiko der Verbreitung gefährlicher Krankheitserreger wirklich ist.

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Könnte das West-Nil-Fieber bald auch regelmäßig in Deutschland auftreten? In einem neuen Großprojekt gehen Wissenschaftler der Frage nach, wie groß in Deutschland das Risiko ist, dass Mücken gefährliche Krankheiten auf den Menschen übertragen. Hintergrund: Das Projekt will Spekulationen vermeiden, ein realistisches Bild erzeugen - und damit fundierte Risikobewertungen ermöglichen.

Wissenschaftler des Hamburger Bernhard Nocht-Instituts für Tropenmedizin und des Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut (SDEI) in Müncheberg bei Berlin arbeiten gemeinsam an diesem Thema. Klassische Artenkunde, Molekularbiologie und Virologie - "Die Expertise aus den unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten ergänzt sich hervorragend. Nur so lässt sich das Projekt effizient umsetzen", sagt Prof. Dr. Sven Klimpel, Leiter des SDEI und der Medizinischen Biodiversität und Parasitologie des Biodiversität und Klima Forschungszentrums.

Erdwärmung und Globalisierung sorgen dafür, dass neue Mückenarten einwandern und exotische Krankheitserreger mitbringen könnten. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit - und der gehen die Wissenschaftler nun nach: Die Viren könnten etwa mit den Zugvögeln nach Europa kommen und hier von den heimischen Mücken aufgenommen werden. Wenn sich diese bereits bekannten Viren auch noch schneller an die neuen Gegebenheiten anpassen und mutieren würden, würde das für zusätzlichen Ärger sorgen.

Besonders unter Beobachtung steht das West-Nil-Virus, das zu den sogenannten Arbo-Viren gehört. Es kommt in Vögeln vor, kann aber auch dem Menschen zu schaffen machen. In schweren Fällen verursacht eine Infektion mit dem Virus bedrohliche Hirnhautentzündungen. Das Virus stammt ursprünglich aus Afrika und dem Mittelmeerraum. Seitdem es sich ab 1999 in Nordamerika verbreitet hat, wird es intensiver erforscht.

" Wir wollen rechtzeitig gewappnet sein", sagt Klimpel. "Könnte das Virus eine potentielle Gefahr in Deutschland sein? Wie sehen die Dynamiken aus?" Die Kernfrage lautet dabei: Haben die heimischen Mücken das Potential, dieses Virus vom Vogel auf den Menschen zu übertragen?

Rund 45 Mückenarten gibt es in Deutschland - das Wissen über sie ist allerdings noch unvollständig. Anders als in Südeuropa hat es hier zwar noch keine fremde Mückenart geschafft, sich dauerhaft niederzulassen. Dafür sei es noch zu kalt. Aber schon jetzt sind immer häufiger einzelne Mücken-Einwanderer aus dem Süden und dem Osten zu verzeichnen, darunter etwa die Tigermücke.

Zunächst gilt es für die Wissenschaftler, sich einen Überblick über die Verbreitung der Mückenarten in Deutschland zu verschaffen: Wer fühlt sich wo heimisch? Diese Datenbank ist der Schlüssel für die Mückenkarte. Anschließend folgen Tests, um herauszufinden, welche Viren sie theoretisch aufnehmen und übertragen könnten.

Solche Experimente müssen Insektenkundler und Virologen im abgeschirmten Hochsicherheitslabor durchführen. In diesen Sonderbereich des BNI kommen über mehrere Türschleusen nur speziell ausgebildete Mitarbeiter herein. Ihre Infektionsversuche sollen Klarheit bringen, ob die in Deutschland heimischen Mücken als Überträger von Krankheiten in Frage kommen.

Grundsätzlich werde es in Deutschland immer mehr Mücken geben, so die Prognose von Klimpel. In einem nur minimal wärmeren Jahr dehne sich auch die Dauer der Mückensaison aus. Feucht und mild - solches Wetter lieben die Plagegeister. Ihre Überlebenschancen steigen. Mehr Generationen pro Jahr sind die Folge - und damit steigt auch die Chance, gestochen zu werden.

„Die Infektionskrankheiten werden aufgrund von Klimaveränderungen weltweit zunehmen. Denn diverse Viren werden verstärkt über Nagetiere oder eben Mücken verbreitet", sagt Klimpel,. Die Tiere sind nicht nur der Wirt für die Viren, sondern auch Transportmittel, sogenannte Vektoren."

Langfristiges Ziel der Forscher ist es, ein Frühwarnsystem zu schaffen, das kontinuierlich mit den neuesten Daten zur Verbreitung der Mücken gespeist wird. Die „Mückenkarten" sollen die Grundlage für Risiko-Szenarien sein und so computergestützte Prognosen ermöglichen. Bei Erfolg sei auch eine Übertragung des Projekts auf Europa wünschenswert, sagt Klimpel.

Momentan befindet sich das Projekt in der Koordinierungsphase. Mit der bald wieder beginnenden Mückensaison wird dann durchgestartet: Bis dahin werden die Fallen aufgestellt, so dass direkt die ersten Proben genommen werden können. Da die Mückenverbreitung in ganz Deutschland erfasst werden soll, wird für die Fang-Aktionen mit Universitäten, Bauern oder auch der Bundeswehr kooperiert.

Ganz genau werden dabei auch die Umgebungsdaten rund um die Fallen erfasst. Temperatur, Luftfeuchtigkeit und viele weitere Daten - jedes Detail könnte für spätere Szenario-Techniken von Bedeutung sein. Das Gesamtprojekt ist auf mehrere Jahre angelegt. Jedoch hoffen die Forscher, sich schon bis Ende des Jahres 2011 einen ersten Überblick verschaffen zu können.

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