Medizin

Herpesviren lassen Krebsgeschwüre schrumpfen

Hoffnung im Kampf gegen Krebs: Britische Wissenschaftler haben entdeckt, dass man mit genveränderten Herpes-Viren Tumore heilen kann.

Foto: PA / PA/Okapia

Britische Forscher vermelden einen Fortschritt bei der Therapie von Tumoren. Mithilfe gentechnisch veränderter Herpes-Viren ist es offenbar möglich, bösartige Geschwülste an Kopf und Hals derart schrumpfen zu lassen, dass sie anschließend operativ gut entfernt werden können.

Herpes-simplex-Viren sind (im Wortsinne) ‚in aller Munde', denn HS-Viren vom Typ I verursachen in 80 bis 90 Prozent der Fälle die typischen Lippenbläschen. HS-Viren vom Typ II sind für ähnliche Veränderungen an den Geschlechtsorganen sowohl bei Männern als auch bei Frauen verantwortlich, womit der Herpes genitalis zu den sexuell übertragbaren Krankheiten zählt. Offenbar können Herpes-Viren aber nicht nur Krankheiten verursachen, sondern auch heilen.

Im Fachmagazin „Clinical Cancer Research“ publizierten Forscher aus England jetzt die Ergebnisse einer Aufsehen erregenden klinischen Untersuchung. Sie setzten – in einer vorerst kleinen Studie mit 17 Patienten („Phase II“) – genetisch veränderte Herpes-Viren zur Behandlung von bösartigen Kopf-Hals-Tumoren ein. Gemeint sind Karzinome von Mundhöhle, Nase, Rachen und Luftröhre.

Derartige Tumore werden immer häufiger beobachtet und stehen an sechster Stelle der häufigsten Karzinome. Als Risikokandidaten gelten alte Menschen sowie junge Frauen. Die bedeutendsten Risikofaktoren: Krebserregende Gifte wie Tabakrauch und Alkohol können gesunde Mundhöhlengewebszellen mit der Zeit derart verändern, dass diese schließlich zu Krebs entarten.

Im Rahmen ihrer Studie verabreichten Ärzte um Kevin J. Harrington vom Institute of Cancer Research in London Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren genetisch veränderte sogenannte onkolytische („Krebs auflösende“) Herpes-Viren Typ I. Das Geheimnis dieser Viren: Sie dringen in die Tumorzellen ein und vermehren sich nur dort. Gesunde Körperzellen bleiben verschont. Im Inneren der Tumorzellen platzen die Viren und zerstören die bösartige Wirtszelle. Daneben produzieren die Viren ein Eiweiß, das seinerseits zu einer Steigerung der Immunabwehr beiträgt.

Die HS-Viren enthaltende Suspension spritzen die Wissenschaftler bis zu viermal in die dem Tumor benachbarten Lymphknoten. Zusätzlich wurden die Patienten bestrahlt und erhielten eine Chemotherapie. Das hoffnungsvolle Ergebnis nach gut zwei Monaten Therapie: Bei 14 von 17 Patienten (82,3 Prozent) stellte sich eine deutliche Verkleinerung des Tumors ein.

Bei der anschließenden operativen Tumorentfernung nach sechs bis zehn Wochen zeigten sich bei 92 Prozent der Patienten keinerlei Anzeichen eines Resttumors, sowohl am ehemaligen Tumorort wie auch in angrenzenden Lymphknoten. Nach einer mittleren Beobachtungszeit von 29 Monaten waren 82,4 Prozent der Patienten noch am Leben.

„Normalerweise kommt es unter einer klassischen Radio- und Chemotherapie innerhalb von zwei Jahren bei 35 bis 55 Prozent der Patienten zu einem Wiederauftreten der Erkrankung“, sagt Studienleiter Harrington. Umso wertvoller scheinen die Ergebnisse dieser Studie zu sein.

Dies auch vor dem Hintergrund, dass die Behandlung überwiegend gut toleriert worden war. Die am häufigsten beobachteten Begleiterscheinungen waren Fieber und Erschöpfungszustände (Fatigue). Diese Nebenwirkungen sind aber am ehesten der Radio- und Chemotherapie anzulasten.

Weiterführende klinische Studien sind bereits in der Planung. Nicht nur bei Kopf-Hals-Tumoren, sondern auch bei weiteren Tumorerkrankungen wie dem Schwarzen Hautkrebs. „Das war eine kleine Studie, weshalb die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden sollten“, erläutert Harrington.

„Aber die guten Reaktionen führten zur Entscheidung, dieses Medikament in einer größeren Studie der Phase III zu testen.

Dies wird die erste Phase-III-Studie sein, die eine Virustherapie mit Chemo- und Strahlentherapie kombiniert.“ Gesunde Körperzellen bleiben von den Herpes-Viren verschont.