Der größte weiße Musiker war taub, während die größten schwarzen Musiker sehr häufig blind waren. Dieser medizinisch-biografische Unterschied zwischen Ludwig van Beethoven einerseits und Ray Charles, Stevie Wonder und Blind Lemon Jefferson ist vielleicht kein Zufall. Denn US-Wissenschaftler berichten im „Journal of Gerontology“, dass Afroamerikaner im Alter seltener unter Höreinbußen leiden als weiße Mitbürger. Demnach haben 64 Prozent der weißen US-Bürger jenseits der 70-Jahre-Grenze Hörschäden, aber nur 43 Prozent der afroamerikanischen.

Man ist zunächst geneigt, das mit unterschiedlichen Gewohnheiten beim Musikkonsum zu erklären. Besonders ohrenzerfetzende und auf Dauer gehörschädigende Spielarten der populären Musik werden häufig vor allem von Weißen geschätzt – das gilt für Heavy Metal ebenso wie für Punk. Und es waren weiße Rockbands, die in den Siebzigerjahren mit immer größeren Verstärkertürmen darum wetteiferten, wer sein Publikum besser taub machen konnte.

Doch offenbar sind die Gehörgänge von weißen Amerikanern auch aus genetischen Gründen anfälliger für Schäden als die von Afroamerikanern. Denn das Team um Frank Lin von der Johns Hopkins University berücksichtigte, dass farbige Bürger häufiger gering qualifizierte Berufe mit höherer Lärmbelastung ausüben; dadurch war der Unterschied noch deutlicher: Bei vergleichbarer Tätigkeit haben weiße US-Bürger dreimal häufiger Hörschäden als afroamerikanische.

Warum das so ist, wissen die Forscher nicht genau, ihre Studie war eine rein diagnostisch-statistische. Doch sie äußern eine These: Die dunklen Pigmente der Haut würden auch von Zellen des Gehörsystems gebildet. Diese Pigmente schützten Sinneszellen, weil sie aggressive chemische Substanzen neutralisieren, die freien Radikale. Wahrscheinlich ist, dass die ethnische Zugehörigkeit einen genetischen Schutz bietet. Manchmal ist es umgekehrt: So weiß man, dass Afroamerikaner häufiger Herz-Kreislauf-Leiden und Schlaganfälle bekommen als Weiße.