Gesundheit

Herzschwäche – das zu lange unerkannte Leiden

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Shari Langemak

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Die Krankheit beginnt oft unbemerkt: Luftnot, geschwollene Fußknöchel, Müdigkeit – zunächst keine Symptome, die einen älteren Menschen aufschrecken lassen. „Das ist bloß das Alter" – so werden die Beschwerden abgetan. Doch wenn sich dahinter die Diagnose „Herzinsuffizienz" versteckt, ist die Prognose ernst.

Innerhalb von fünf Jahren stirbt etwa die Hälfte der Patienten. Allein in Deutschland sterben jedes Jahr über 50000 Menschen an dieser Krankheit. Die Deutsche Herzstiftung hat deshalb eine bundesweite Aufklärungskampagne gestartet, die nicht nur der Information von Betroffenen dient, sondern auch Möglichkeiten der Vorbeugung aufzeigen soll.

Unter Herzinsuffizienz, also einer Herzschwäche, versteht der Mediziner die Unfähigkeit des pumpenden Organs, den Körper in Ruhe oder bei Belastung hinreichend mit Blut und damit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen.

Das Pumpversagen kann sich akut, also innerhalb von Minuten bis Stunden, oder chronisch über Tage bis Monate entwickeln. „Die Diagnose ‚Herzinsuffizienz' ist streng genommen keine Krankheit für sich, sondern beschreibt vielmehr ein Syndrom, also ein ganzes Spektrum von verschiedenen Krankheitserscheinungen“, erklärt Thomas Meinertz, Direktor der Klinik für Kardiologie am Herzzentrum in Hamburg und Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. „Die Ursachen sind allerdings sehr unterschiedlich.“

Neben Bluthochdruck ist eine schon länger bestehende Durchblutungsstörung des Herzmuskels eine der häufigsten Ursachen. Durch erhöhte Blutfettwerte, Rauchen, Bewegungsmangel und Übergewicht entstehen Verengungen in den Herzkranzgefäßen, die den Herzmuskel mit Blut versorgen. Und durch verengte Gefäße fließt nicht mehr ausreichend Blut; dem Herzmuskelgewebe mangelt es an Sauerstoff und Nährstoffen.

Vorsicht beim Sport

Wer mit einem mangelhaft durchbluteten Herzmuskel Sport treibt, setzt sich dann einer weiteren Gefahr aus: Es kann zur Angina Pectoris, also zu Brustschmerzen, kommen. Schlimmstenfalls mündet der Sauerstoffmangel in einen Herzinfarkt, bei dem Muskelgewebe abstirbt. Abgestorbenes Gewebe ist besonders kritisch, weil es sich nicht mehr erholen kann. Der tote Herzmuskel wird durch minderwertiges Narbengewebe ersetzt. Und das kann die Pumpfunktion so sehr beeinträchtigen, dass eine Herzinsuffizienz entsteht.

Die Funktionseinschränkung kann sich auf zweierlei Arten äußern. Bei dem sogenannten Vorwärtsversagen steht die Unterversorgung von Organen im Vordergrund. „Durch die eingeschränkte Pumpleistung wirft das Herz nicht genügend Blut in den Körper aus. Der Patient leidet dann unter Leistungsmangel, Abgeschlagenheit und schneller Ermüdbarkeit“, sagt Meinertz.

Anders liegt der Fall beim Rückwärtsversagen. Dabei staut sich Blut, welches in der Lunge mit Sauerstoff angereichert wird und das Körpergewebe durchströmt, beim Rückfluss. Der Stau bewirkt, dass Wasser aus den Gefäßen in das Gewebe übertritt. Eine Flüssigkeitsansammlung in der Lunge bemerkt der Patient meist als Atemnot, die zunächst nur bei Belastung auftritt. Beim Fortschreiten der Erkrankung erweitert sich diese jedoch zunehmend auch auf die Ruhephasen und schränkt Betroffene erheblich ein.

Die gestaute Flüssigkeit in den Körpervenen tritt mit der Zeit aus der Blutbahn aus und sammelt sich im Gewebe an, es entstehen sogenannte Ödeme. Und weil diese Flüssigkeit, der Schwerkraft folgend, nach unten sackt, staut sie sich hauptsächlich an den Füßen und Unterschenkeln. In frühen Krankheitsstadien treten die Schwellungen nur nach längerer Belastung oder am Abend auf, im weiteren Verlauf können massive Ödeme jedoch den ganzen Tag über bestehen. Betroffene leiden oft auch unter nächtlichem Harndrang, da das Gewebewasser im Liegen wieder in den Kreislauf zurückfließt und über die Nieren ausgeschieden wird.

Aufgrund der sich immer weiter verschlechternden Sauerstoffversorgung des Herzens entstehen häufig Rhythmusstörungen. Mit dieser Komplikation verschlimmern sich die Beschwerden noch erheblich. Der Mediziner spricht von einer „Dekompensation“: Der Grad, bis zu dem der Körper die Symptome auffangen und mindern („kompensieren“) konnte, ist überschritten. Es kann dann auch zu einem Lungenödem kommen, einer Flüssigkeitsansammlung im Lungengewebe. Dies spürt der Patient als Atemnot. Weitere Ursachen für eine Dekompensation sind Entgleisungen des Blutdrucks, Infektionen oder auch eine inkonsequente Therapie.

Akute Herzinsuffizienz

Noch dramatischer verläuft die akute Herzinsuffizienz, die auch ‚kardiogener Schock' genannt wird. Herzinfarkte, Herzmuskelentzündungen, eine Blutung am Herzen und viele andere Ursachen können dazu führen, dass das Organ sehr schnell nicht mehr seinen Dienst tut.

Innerhalb von Minuten bis Stunden entwickelt sich daraufhin ein ausgeprägtes Lungenödem oder ein massiver Blutdruckabfall. Dabei kann es zum Versagen von weiteren Organen wie Niere, Leber und Darm kommen. Oder aber das Gehirn wird geschädigt. Häufig endet der kardiogene Schock tödlich.

Die Aussichten des Patienten sind beim chronischen Verlauf zwar deutlich besser, aber stark abhängig vom Zeitpunkt der Diagnose. „Eine schon länger bestehende Müdigkeit, neu auftretende Atemnot bei geringer Belastung oder ein unregelmäßiger Herzschlag können Ausdruck einer Herzinsuffizienz sein“, sagt Meinertz.

„In diesem Fall sollten Betroffene den Besuch beim Arzt nicht weiter hinauszögern und die Ursachen für ihre Beschwerden abklären lassen.“ Manche Formen der Herzinsuffizienz können nämlich – sofern sie rechtzeitig entdeckt werden und das Gewebe nicht bereits stark geschädigt ist – sogar geheilt werden. Beruht die Herzschwäche etwa auf einem Fehler an den Herzklappen, bringt eine korrigierende Operation oft schnell eine Besserung.

Wesentlich häufiger, und zwar in 70 Prozent der Fälle, entsteht das Pumpversagen jedoch als Folge von zu hohem Blutdruck oder einer koronaren Herzkrankheit. Dabei ist das Herz meist schon so stark geschädigt, dass dies therapeutisch nicht mehr so einfach zu beheben ist. Der Arzt kann dann aber versuchen, das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen. Medikamente werden allgemein gemäß der Stufentherapie der New York Heart Association (NYHA) verschrieben.

Diese Vereinigung hat das chronische Herzversagen in vier verschiedene Stadien eingeteilt, die sich klinisch anhand der körperlichen Leistungsfähigkeit festmachen lassen. Die medikamentöse Stufentherapie bewirkt eine Entlastung des Herzmuskels, vermindert so den Sauerstoffverbrauch und verbessert die Lebensqualität – und nicht zuletzt verlängert sie die Lebenserwartung.

Doch die Herzinsuffizienz-Patienten müssen ganz aktiv mitarbeiten. Entscheidend ist, dass sie einen gesunden Lebensstil verfolgen. Dazu gehören regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung. Herzschädigende Substanzen wie Alkohol und Nikotin sollten vermieden und möglichst wenig Salz gegessen werden.

Bewegungstherapie hilft

Während man noch in den 1980er-Jahren Patienten dazu anhielt, sich mit einem kranken Herzen körperlich möglichst zu schonen und Sport am besten völlig zu vermeiden, raten Experten bei stabilem Krankheitszustand heute sogar zu einer Bewegungstherapie. „Durch Sport wird der Herzmuskel trainiert und der Blutfluss im Körper normalisiert. Die Auswurfleistung des Herzens bessert sich, und der im Blut enthaltene Sauerstoff kann wieder besser genutzt werden“, erklärt Kardiologie-Chefarzt Professor Thomas Meinertz.

Ideal seien Sportarten, die viel Bewegung unter wenig Kraftaufwand ermöglichen, wie zum Beispiel Nordic Walking, Radfahren oder Wandern. Schwere Kraftanstrengungen wie Hanteltraining, Kniebeugen und ähnliches Krafttraining tun Herzinsuffizienz-Patienten aber auch nach heutiger Lehrmeinung nicht gut.

Betroffene sollten allerdings nicht ohne ärztlichen Rat ein Sportprogramm beginnen. Besser ist es, beim Kardiologen zunächst den aktuellen Gesundheitszustand feststellen und überprüfen zu lassen, ob die Medikamente noch richtig dosiert sind. Ein Belastungstest hilft einzuschätzen, wie fit der Patient tatsächlich ist und welche Sportarten infrage kommen. Mit diesen Informationen sollte für den Patienten dann ein individueller Trainingsplan erstellt werden.

Sporttherapeuten und Ärzte helfen in der Anfangsphase, das richtige Maß des Sportes zu finden. Dieser ganze Aufwand lohnt sich: Eine Studie mit mehr als 800 Herzinsuffizienz-Patienten zeigte eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit um zehn bis 20 Prozent. Auch Krankenhauseinweisungen und Todesfälle verringerten sich durch Sport deutlich.

Auf das Körpergewicht achten

Um einer weiteren Verschlimmerung vorzubeugen, sollten an Herzschwäche leidende Menschen auch täglich ihr Gewicht kontrollieren. Denn eine Gewichtszunahme ohne Änderungen bei Ernährung und Bewegung weist auf Wassereinlagerungen hin. Die entstehen vermehrt beim Fortschreiten der Herzschwäche. Wenn das Körpergewicht in drei Tagen um mehr als zwei Kilogramm steigt, so ist dies ein Warnsignal, und der Patient sollte umgehend seinen Arzt aufsuchen.

Trotz intensiver Therapie bleibt am Ende des Krankheitsverlaufes, also Stadium IV nach NYHA, meist nur die Herztransplantation als letzter Ausweg. Leider gibt es derzeit zu wenige Spenderorgane, weshalb Kardiologen und Herzchirurgen auf Kunstherzen ausweichen. Eine Verbesserung der Überlebenschancen hat vor allem die Entwicklung sogenannter Assist-Systeme bewirkt.

Sie können die Pumpfunktion des Herzens eine Zeit lang übernehmen. Auf Dauer sind sie allerdings keine Lösung. „Das Kunstherz ist in der Regel nur eine Überbrückung bis zur Transplantation. Zwar hat sich die Technik in den letzten Jahren sehr verbessert, aber in der Langzeitbehandlung kommt es immer noch häufig zu Komplikationen wie dem Zerfall roter Blutkörperchen, zur Bildung von Blutgerinnseln oder zu Infektionen“, sagt Thomas Meinertz.

Während sich Mediziner mit den Möglichkeiten der Behandlung noch nicht zufrieden geben wollen, sind die Maßnahmen zur Vorbeugung umso vielversprechender. Wichtig ist es, einen gesunden Lebensstil zu verfolgen, sodass die Krankheit erst gar nicht entsteht. Eine große Studie der Harvard-Universität mit über 20000 Probanden hat dies kürzlich erst bewiesen: Für diejenigen, die einen gesunden Lebensstil pflegten und keinen Bluthochdruck besaßen, hatte sich das Erkrankungsrisiko halbiert.

Weitere Informationen finden Sie bei der Deutschen Herzstifung.