Volkskrankheit Rückenschmerz

Enorme Ausfallzeiten wegen des Rückens

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Frank Bretschneider

Rückenschmerzen sind der häufigste Grund für Krankmeldungen. Länger krank sind nur Menschen mit Krebs oder mit psychischen Problemen. Es trifft vor allem Arbeitnehmer zwischen 45 und 59 – und verursacht Kosten von fast 40 Milliarden Euro im Jahr. Dabei ist es egal, ob der Mensch eher geistig oder eher körperlich arbeitet.

Immer mehr Menschen leiden unter Rückenschmerzen und Rückenerkrankungen. Mit einem Anteil von 23,5 Prozent waren diese Leiden auch im vergangenen Jahr der häufigste Grund für Krankmeldungen der bei Deutschlands größter Krankenkasse Barmer versicherten Beschäftigten. Die durch Muskel- und Skelett-Erkrankungen (MSE) bedingte Ausfallzeit stieg bei den Betroffenen im Vergleich zu 2006 zudem um zehn Prozent auf durchschnittlich 19,7 Tage, wie aus dem jüngsten Barmer-Gesundheitsreport hervorgeht. Dessen Zahlen sind den Angaben zufolge weitgehend repräsentativ und zeichnen die Krankheitsfälle der etwa 1,4 Millionen bei der Krankenkasse Versicherten nach.

Insgesamt musste dieser Personenkreis 2007 in 2,73 Millionen Fällen wegen Krankheit der Arbeit fernbleiben. Länger krank als die Versicherten mit Rückenbeschwerden waren dem Report zufolge nur Krebspatienten (40 Tage) und Menschen, die unter psychischen und Verhaltensstörungen litten (35 Tage).

Die nach den MSE-Erkrankungen häufigsten Gründe für eine Krankmeldung waren psychische Probleme und Verhaltensstörungen (15,8 Prozent), Erkrankungen der Atemwege (15,1 Prozent) und Verletzungen und Vergiftungen (8,3 Prozent).

Zunahme erwartet

Von MSE betroffen sind vor allem die 45- bis 59-jährigen Arbeitnehmer. In dieser Altersgruppe sind mehr als 60 Prozent der Arbeitsausfälle auf MSE zurückzuführen. Bei den Berufstätigen bis 29 Jahre sind es dagegen nur 5,1 Prozent, bei den 30- bis 44-Jährigen wiederum aber bereits 22,5 Prozent. Angesichts der demografischen Entwicklung hin zu einem immer größeren Anteil älterer Menschen werden nach Erwartung der Barmer die Rückenerkrankungen in den nächsten Jahren weiter zunehmen.

Dem Report zufolge führen allein die durch Rückenerkrankungen bedingten Ausfallzeiten zu jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten von 15,5 Milliarden Euro. Hinzu kommen weitere 24 Milliarden Euro an jährlichen Krankheitskosten für die Behandlung.

Sozialarbeiter sind oft krank

Ein Drittel der MSE-Fälle lässt sich dabei auf arbeitsbedingte Faktoren zurückführen. Hier spielt vor allem psychischer Stress eine Rolle, denn in der Hälfte aller MSE-bedingten Krankschreibungen lässt sich keine organische Ursache finden, wie der Report weiter feststellt. "Geistige Arbeit ist von MSE ebenso betroffen wie vorwiegend körperliche Arbeit", sagte Rainer Wieland, Professor für Arbeitspsychologie am Kompetenzzentrum für Fortbildung und Arbeitsgestaltung der Universität Wuppertal und Autor des Reports.

Von den zehn häufigsten der 124 bei der Krankenklasse versicherten Berufsgruppen wiesen Sozialarbeiter mit 4,5, Krankenpfleger mit 4,4 und Verkäuferinnen mit 4,3 Prozent die höchsten Krankenstände auf. Die niedrigsten Raten fanden sich bei Bankfachleuten mit 3,0, Erzieherinnen mit 3,2 und Sprechstundenhelferinnen mit 3,2 Prozent.

Mehr Bewegung nötig

Eine der Gesundheit förderliche Unternehmens- und Führungskultur, so Wieland, könne zusammen mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu einer Senkung der MSE-bedingten Ausfallzeiten beitragen. Vor diesem Hintergrund plädiert die Barmer auch für einen Ausbau der betrieblichen Gesundheitsförderung.

Ein wichtiger Schritt dahin sei der vorliegende Entwurf zum Jahressteuergesetz 2009. Es sieht vor, dass Unternehmen bereits von diesem Jahr an 500 Euro je Mitarbeiter steuerfrei in die betriebliche Gesundheitsförderung investieren können. "Damit könnten zum Beispiel Leistungen gefördert werden, die arbeitsbedingten körperlichen Belastungen vorbeugen", sagte die Barmer-Vizevorsitzende Birgit Fischer.

Besserung bei der "Volkskrankheit Nummer eins" kann es dem Report zufolge aber nur geben, wenn - neben Verbesserungen des beruflichen Umfeldes - die Menschen in ihren Alltag mehr körperliche Bewegung einbauen. "Wir müssen die Menschen zu einem bewegten Lebensstil motivieren", sagte Fischer.