Psychologie

Was exzessive SMS-Nutzung im Gehirn anrichtet

Eine Forscherin hat drei Jahre lang das SMS-Verhalten von Jugendlichen beobachtet. Einige senden täglich Hunderte von SMS. Mit fatalen Folgen. Andererseits: Geschäftstüchtige Therapeuten haben schon manche Krankheit erfunden. Folgt jetzt eine Modediagnose "SMS-Sucht" als Zerstörer von Körper und Geist?

Foto: picture-alliance / chromorange

Das massive Schreiben von Textnachrichten (SMS), wie es bei manchen Jugendlichen üblich ist, könne zur Sucht werden und mache krank, sagen amerikanische Pädiater. Das Problem sei zwar noch wenig untersucht, doch Sherry Turkle geht davon aus, dass das Kommunikationsmittel die Entwicklung der Heranwachsenden schon nachhaltig verändert und bisweilen gestört hat. Die Professorin für Sozialstudien und Technologie am Massachusetts Institute of Technology in Boston hat das jugendliche SMS-Verhalten über drei Jahre hinweg analysiert. Martin Joffe, Pädiater aus Greenbrae in Kalifornien, der eine Studie zum SMS-Verhalten von Jugendlichen zweier Highschools durchführte, fand einzelne Schüler, die täglich Hunderte von SMS verschicken, wie er der „New York Times“ schilderte. Also alle paar Minuten eine.

Nach einer Erhebung des Marketingskonzerns Nielsen sendeten und empfingen US-Jugendliche im vierten Quartal 2008 2272 SMS pro Monat, 75 pro Tag, knapp fünf pro Stunde während 16 Stunden pro Tag im Wachzustand – Ausschläge nach unten und oben gemittelt.

Macht simsen wirklich krank? Geschäftstüchtige Therapeuten haben schon manche Krankheit erfunden, die nach etwas Medienrummel wieder im Schwarzen Loch des Vergessens verschwand. Folgt jetzt die Modediagnose SMS-Sucht als Zerstörer von Körper und Geist? Ganz abwegig ist SMS-Sucht als nichtstoffliche Form von Abhängigkeit nicht, auch die Spielesucht gilt Psychologen und Pädiatern als ernste Persönlichkeitsstörung.

Auch das exzessive Texten kann sich aus Sicht von Experten verselbständigen. Denn es biete die Befriedigung sozialer Bedürfnisse und vergewissere die Jugendlichen ihrer Gruppenzugehörigkeit in einer schwierigen Phase der Identitätssuche. Die neurologische Entsprechung: Schon das Signal einer ankommenden SMS könne zur Ausschüttung von Glückshormonen führen, zitiert der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann kanadische Wissenschaftler. „Da findet eine Art mediales Kraulen statt als Ersatz für physische Nähe“, sagte Wippermann der „Wirtschaftswoche“.

Doch die Allgegenwart des Handys kann zum Problem werden. Jugendliche erzählten, dass sie auch spät nachts auf Nachrichten antworten, berichtet Joffe. Das verursache Schlafprobleme in einer Altersgruppe, die ohnehin anfällig für Schlafstörungen sei.

Auch Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie Schulprobleme sehen Mediziner als Risiko, aber auch orthopädische Störungen, etwa Sehnenscheidenentzündungen durch das Überbeanspruchen der Hand. Intensiver, exzessiv wiederholter Gebrauch der Daumen führten zu „muskuloskeletalen Störungen“, wie man sie von Schreibkräften an Computertastaturen kenne, warnt Peter W. Johnson, Arbeitsmediziner an der University of Washington in Seattle.

Für Sozialwissenschaftlerin Turkle stehen kognitive und Entwicklungsprobleme im Vordergrund. Wenn Kontakte über die Distanz sehr einfach würden, dann könnten sich Teenager 15 Mal am Tag bei ihren Eltern rückversichern: „Mama, soll ich die roten oder die blauen Schuhe nehmen?“ So lerne man nicht, selbst Entscheidungen zu fällen. Ganz abgesehen von nahe liegenden Konzentrations- und Lernstörungen: Wer alle paar Minuten zugetextet wird und sofort antworten muss, kann keinen klaren Gedanken zu Ende entwickeln.

Möglicherweise hat das virtuelle Kraulen das physische schon bald verdrängt: Nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ziehen nur 36 Prozent der 14- bis 19-Jährigen ein persönliches Gespräch einer E-Mail oder SMS vor.