Kassi Keita ist nicht zu bremsen. Mit seinem älteren Bruder Souleymane und anderen Kindern tobt der Dreijährige im Hof seiner Großmutter herum, fährt begeistert mit einem bunten Dreirad. Noch vor anderthalb Jahren war nicht sicher, ob der kleine Junge aus Bamako, der Hauptstadt Malis, überleben würde. Er litt unter Appetitlosigkeit, hatte Fieber, nahm immer mehr ab. Als seine HIV-positive Mutter Mariam ihn ins Krankenhaus brachte, erhielt sie die erschütternde Nachricht: Kassi ist ebenfalls infiziert. "Ich hatte sehr große Angst, ich dachte nicht, dass er wieder gesund werden würde", sagt die 31-Jährige. Doch Kassi bekam sofort antiretrovirale Medikamente (ARVs) zur Unterdrückung des Virus.

Kassi und seine Mutter gehören zu den etwa vier Millionen der mehr als 33 Millionen HIV-Infizierten weltweit, die ARVs bekommen. Die Medikamente können das tödlichen Virus nicht stoppen - Aids ist nach wie vor unheilbar. Die Seuche tötet jeden Tag schätzungsweise 5500 Menschen, allein im Zeitraum der Fußball-WM verschwindet damit quasi eine Stadt von der Größe Saarbrückens. Aber die Medikamente können die Viruskonzentration im Blut bis auf null senken, die "eingeschläferte" Version des Virus muss allerdings bis ans Lebensende mit Tabletten in Schach gehalten werden.

Noch vor einigen Jahren war eine HIV-Infektion für Bewohner der Entwicklungsländer, in denen 95 Prozent aller Infizierten weltweit leben, ein sicheres Todesurteil, denn die Behandlung war sehr teuer. Mittlerweile hat die Pharmaindustrie auf einen Großteil ihrer Patente verzichtet. Die Medikamente allein kosten heute etwa 100 Dollar pro Patient jährlich, einschließlich der Gehälter für die Mediziner, Laboruntersuchungen, Lieferung und Ähnliches gut 600 Dollar. Das Resultat: In den Ländern südlich der Sahara, der Region mit den meisten HIV-Infizierten, ist die Zahl der Todesfälle seit Anfang des Jahrtausends konstant geblieben. Gleichzeitig nahmen Neuinfektionen ab und die Zahl der Menschen, die mit HIV leben - leben können -, stieg. Fast die Hälfte aller Menschen in Afrika, die ARVs benötigen, erhalten sie.

Aber was bedeutet das, jenseits der Statistik? Was können ARVs bewirken? Wie lebt man damit? Fotografen der renommierten Agentur Magnum haben mehrere Monate lang 34 Patienten und deren Familien in Projekten begleitet, die vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria unterstützt werden. Die Organisation wurde im Juni 2001 auf der UN-Sondergeneralversammlung in New York ins Leben gerufen. Sie betreibt selbst keine Projekte, sondern finanziert Gesundheitsprogramme; ein Viertel aller internationalen Finanzmittel im Kampf gegen Aids stammen vom Globalen Fonds. Die Ausstellung der Magnum-Fotografen, "Zurück ins Leben", die am Freitag in Berlin eröffnet, erzählt die Geschichten von Kassi und anderen Patienten in neun Ländern.

Der Kampf gegen die Seuche ist aber längst nicht gewonnen. In Afrika südlich der Sahara ist Aids immer noch die Todesursache Nummer eins, stark betroffen sind Frauen und Kinder. Dabei kann die Übertragungsrate von Schwangeren auf ihre Babys durch eine Kombination aus ARVs, Kaiserschnitt und Ernährung mit Milchpulver auf zwei Prozent gesenkt werden. Das Problem ist die Finanzierung - die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise hat in den nationalen Programmen einiger Länder bereits zu ersten Kürzungen geführt, und auch die Geber des Globalen Fonds streichen ihre Budgets zusammen. Das kann fatale Folgen für die Patienten haben, denn wenn die ARV-Behandlung auch nur kurz unterbrochen wird, entstehen Resistenzen. Die dann nötige Behandlung mit Medikamenten der neuesten Generation ist wesentlich teurer und schwieriger.

Für Kassi und seine Familie spielen diese Diskussionen zurzeit keine Rolle, bei ihnen überwiegt immer noch die Erleichterung. Vorausgesetzt, die Finanzierung ist gesichert, könnte Kassi noch viele Jahrzehnte leben. "Ich bin wirklich glücklich, dass es meinem kleinen Bruder wieder besser geht", sagt Souleymane. "Jetzt kann er wieder mit uns spielen."