Forschungsgelder

Die tödlichste Krebsart wird vernachlässigt

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Patienten, die an "unattraktiven" Krebsarten leiden, werden von der Krebsforschung benachteiligt: So fließt noch immer viel zu wenig Geld in die Lungenkrebsforschung – trotz hoher Sterbezahlen. Für Krebsarten mit hohen Überlebensraten wie Leukämie und Brustkrebs werden dagegen die meisten Gelder ausgegeben.

Wie die britische Tageszeitung „The Independent“ Anfang Oktober berichtete, erhalten ausgerechnet Forschungen an Krebsformen, die besonders hohe Sterblichkeiten aufweisen, nur wenig finanzielle Unterstützung während zwei Drittel der Fördermittel in Krebsarten mit hohen Überlebensraten wie Brustkrebs oder Leukämie fließen.

Besonders betroffen von diesem Mangel an Geldern ist die Lungenkrebsforschung. „Es ist herzzerreißend dass sich nichts verändert“ sagt Jesme Fox, Vorsitzender der britischen Lungenkrebsstiftung „Roy Castle“. „Lungenkrebs ist und bleibt die Krebsart an der die meisten Menschen sterben aber ihr werden noch immer zu viele Vorurteile und viel zu wenig Gelder entgegen gebracht."

In Deutschland verhält es sich nicht anders. Jährlich erkranken hier etwa 45.000 Menschen neu an Lungenkrebs, nur etwa 17 Prozent von ihnen überleben die nächsten fünf Jahre. Doch wie kommt es, dass diese Krebsart, von der so viele Menschen betroffen sind, so wenige Forschungsgelder erhält?

„Es gibt zu wenige Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Lungenkrebs beschäftigen wollen und einen Antrag auf Forschungsgelder stellen.“, erklärt Professor Michael Thomas, Chefarzt der Abteilung für Onkologie der Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg. Die Gründe hierfür liegen unter anderem in der Geschichte der Krankheitsforschung. „Lungenkrebs wird weitgehend nur in Kliniken behandelt, die sich auch auf Lungenkrankheiten spezialisiert haben, während beispielsweise Leukämie in zentralen Universitätskliniken erforscht wird. Daher erhält die Lungenkrebsforschung weniger Neuzugang an Wissenschaftlern und auch weniger Fördermittel“, sagt Thomas.

Diese Isolierung der Lungenfachkliniken sei ein Relikt früherer Zeiten, als die Kliniken noch Tuberkulosekranke behandelten, die oft außerhalb der Gesellschaft standen. Doch unterschiedliche Förderstrukturen sind nicht der einzige Grund für den Mangel an Forschungsprojekten zum Thema Lungenkrebs. Obwohl es, wie die Statistiken zeigen, deutlich notwendig ist etwas zu unternehmen, wird die Krankheit in unserer Gesellschaft kaum akzeptiert. Da 80 Prozent aller Lungenkrebspatienten Raucher sind, herrscht bei vielen die Meinung vor, die Betroffenen seien an ihrer Situation „selbst Schuld“. Nicht selten wenden sich daher Freunde und Familie ab und die Patienten – ohnehin schon stark verunsichert durch die Diagnose – resignieren und leben in einem ständigen Schuldbewusstsein. Sie nehmen daher kaum Hilfe in Anspruch.

„Diese Schuldzuweisung der Gesellschaft ist unmenschlich“ sagt Thomas „In solch einer Situation geht es nicht um die Vergangenheit es geht darum dem betroffenen Menschen hier und jetzt zu helfen. Ein Mensch mit dieser Diagnose ist oft ein wackelndes Etwas, das Stabilität braucht. Man muss ihm zeigen dass man gemeinsam an einer Besserung arbeitet. Das Miteinander ist hier sehr wichtig.“

Bedarf für Forschungsgelder gibt es in der Lungenkrebsforschung genug. So könnten Gewebebanken, in denen Lungenzellen von Kranken auf genetische Faktoren untersucht und der Verlauf der Krankheit dokumentiert wird, einen wichtigen Schritt zur Lungenkrebsbekämpfung darstellen. Auch wäre es nützlich Diskussionsforen einzurichten in denen Wissenschaftler auf das Thema aufmerksam gemacht werden und gemeinsam ein Forschungsprogramm entwickeln können.

Mit am wichtigsten ist für Thomas jedoch das Bewusstsein der Gesellschaft für die Krankheit zu schärfen und die Patienten von Vorurteilen zu befreien „Lungenkrebs wird ein Problem bleiben. Daher müssen wir in unserer Gesellschaft auch darüber sprechen. Das Interesse der Forschung wird dann von alleine kommen.“