Als Antonius zum ersten Mal rot anlief und keine Luft mehr bekam, war er gerade neun Monate alt. Die Eltern ahnten nicht, was zuvor passiert war. Die Auskunft einer Ärztin Monate später war auch nicht erhellender: „Sie müssen ein bissel aufpassen, dass ihr Kind keine Nuss isst“, hatte sie ihnen lapidar auf den Weg gegeben. Antonius sei auf fast alle Nüsse allergisch. Besonders auf Erdnüsse.
Gefährlich klang das nicht. Ein bisschen Allergie eben, dachten die Eltern. Rote Nase, geschwollene Augen und juckende Haut. Nichts Aufregendes. Bis Antonius im Urlaub eine halbe Erdnuss in den Mund nahm, plötzlich überhaupt keine Luft mehr bekam und ins Krankenhaus musste. „Da haben wir verstanden, was los ist“, sagt Michael Wawrok. „Dass es um Leben und Tod gehen kann.“ Die Eltern fügten die Puzzleteile zusammen und fanden die Ursache der allerersten Atemnot ihres Sohnes: eine Schale Erdnussflips, in die das Baby gelangt hatte.
So wie Antonius haben etwa 0,5 bis ein Prozent der Kinder in Deutschland eine Erdnuss-Allergie, Tendenz steigend. Sie ist eine der unberechenbarsten Lebensmittelallergien überhaupt, bereits Spuren der Nuss können einen anaphylaktischen Schock auslösen. Das Gemeine: Selbst wenn beim ersten Kontakt zum Beispiel nur die Lippen anschwellen, kann man davon nicht den Verlauf der nächsten Male ableiten. Es kann mit einem Schlag richtig heftig werden. Und anders als bei den Allergien gegen Hühnereier oder Kuhmilch verschwindet diese Allergie nicht einfach spontan, 80 Prozent der Kinder haben sie ihr Leben lang.
Außer einer strikten Diät, extremer Vorsicht und einem Notfallset mit einer Adrenalinspritze für den Ernstfall konnten man dagegen bisher wenig tun. Das könnte nun anders werden: An der Berliner Charité testet ein Team um Kirsten Beyer und Katharina Blümchen eine Desensibilisierung gegen Erdnüsse. Die ersten Ergebnisse ihrer Pilotstudie haben sie gerade im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ veröffentlicht. Von 23 Kindern zwischen 3 und 14 Jahren konnten 14 Kinder am Ende einer monatelangen Gewöhnung problemlos eine ganze Erdnuss essen – eine Erfolgsquote von 61 Prozent.
„Natürlich wünschen wir uns mehr“, sagt Blümchen. „Aber bei dieser Allergie waren wir skeptisch, ob eine Desensibilisierung überhaupt funktionieren kann. Wir sind also positiv überrascht.“ Nur vier Kinder mussten die Behandlung frühzeitig wegen Nebenwirkungen abbrechen, die anderen setzten die Desensibilisierung wegen Zeitmangels nicht fort. Oder sie hatten zu viel Angst.
Für alle anderen sei das Ergebnis eine enorme Erleichterung, sagt die Ärztin. Wer eine Erdnuss tolerieren kann, sei vor den allgegenwärtigen Erdnuss-Spuren gut geschützt. Zum Beispiel wenn ein Kind zum Geburtstag Erdnussflips in den Kindergarten bringt und an alle Freunde verteilt. Selbst wenn der Allergiker sich nicht verführen lässt – das Erdnussmehl klebt überall. Und Kindergärtenrinnen wissen nur sehr selten um die Gefährlichkeit der Allergie. Oder was sie im Falle eines Falles tun können.
In der Studie testeten die Allergologen zunächst, ob eine Desensibilisierung im Schnellverfahren möglich ist. Dazu wiesen sie die Kinder ins Krankenhaus ein und gaben ihnen eine Woche lang zwei bis vier Mal am Tag eine kleine Portion Apfelmus mit circa sechs Milligramm Erdnuss. Die Menge sollte je nach Verträglichkeit allmählich auf 500 Milligramm gesteigert werden – was bei fünf der Kinder funktionierte. Ein Patient bekam in der Zeit solche Angst, dass er die Studie abbrach.
Alle anderen begannen mit Teil zwei. Dazu mussten sie bis zu 20 Monate alle zwei Wochen in die Allergie-Ambulanz der Charité kommen. Dort steigerte das Team um Beyer und Blümchen ihre Erdnuss-Dosis im Apfelmus vorsichtig. Nur wenn auch nach zwei Stunden für die Ärzte keine allergische Reaktion erkennbar war, bekamen die Probanden fortan dieselbe Menge zu Hause – unter Aufsicht. Am Ende der Pilotstudie vertrugen 14 der 23 Patienten die angestrebten 500 Milligramm, einige konnten danach in einem Test bis zu acht Erdnüsse essen.
„Außerhalb von Studien dürfen das Ärzte auf keinen Fall nachahmen“, betont Blümchen. Eltern schon gar nicht. „Es ist viel zu gefährlich, unsere Daten sind noch nicht belastbar.“ Bis die Therapie Standard wird, werden vermutlich fünf bis acht Jahre vergehen.
Blümchen und ihre Kollegen haben derweil eine Folgestudie mit 60 Patienten begonnen, diesmal placebo-kontrolliert. Die eine Hälfte der Patienten bekommt nun in einem Pudding immer mehr Erdnuss, die andere Hälfte Pudding ohne Nuss. So wollen die Forscher die Wirksamkeit abermals testen und ermitteln, welche Nebenwirkungen wirklich mit der Behandlung zusammenhängen.
Der dreijährige Antonius ist seit Februar einer ihrer Probanden, die Dresdner Uni-Kinderklinik hatte die Cottbuser Familie nach Berlin verwiesen. Nun machen sie aller zwei Wochen einen Ausflug in die Hauptstadt. Antonius findet das klasse, denn hier gibt es Schokopudding – etwas, das er sonst nie essen darf. „Wir vermuten fast, dass er in der Placebogruppe sein könnte“, meint sein Vater etwas ungläubig. „Er futtert den Pudding so weg und freut sich des Lebens.“





