Psychologie

Wie Ärzte lernen, das Schlimmste zu verkünden

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Barbara Driessen

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Für die meisten Ärzte sind komplizierte Operationen oder Untersuchungen bei weitem nicht das Schwerste an ihrem Job. Es ist der Gang zu einem Patienten, der unheilbar krank ist. Es ist der Satz: "Wir müssen die Therapie abbrechen, weil es keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt". Wie lernt man das?

„Wir müssen die Therapie abbrechen, weil es keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt“ – viele Ärzte schaffen es nie, diesen Satz auszusprechen. Sie flüchten sich in Fachsimpelei, Fremdwörter oder beschönigende Formulierungen.

„Ärzte haben im Studium x-mal geübt, etwa ein EKG zu machen“, sagt Bernd Sonntag, Oberarzt an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Köln. „Wie man sich allerdings bei schwierigen, sehr emotionsgeladenen Gesprächen richtig verhält, wurde bis vor kurzem im Studium nicht vermittelt.“ Einem Herzpatienten mitteilen zu müssen, dass er nicht mehr für eine Transplantation infrage komme, sei ein Todesurteil. Ebenso schwierig sei es, einem Angehörigen mitzuteilen, dass der Patient gerade gestorben sei.

Seit einigen Jahren ist ein Kommunikationstraining in den meisten Medizinstudiengängen Pflicht. Hier sollen die angehenden Ärzte auf solche Gespräche vorbereitet werden. Doch Mediziner, die heute längst im Berufsleben stehen, wurden in aller Regel nie im Umgang mit Patienten geschult.

Mirjam Kern-Bardt, Stationsärztin an der Robert-Janker-Klinik für Radiologie und Radioonkologie in Bonn, muss sehr oft einem Krebspatienten sagen, dass ihm keine Therapie mehr helfen kann. „Dabei muss man immer ehrlich bleiben“, sagt sie. „Aber ich versuche, nur die Fragen zu beantworten, die mir gestellt werden.“ In der Regel wüssten die schwer kranken Patienten selbst, wie es um sie stehe. „Und ein Patient, der nicht fragt, wie viel Zeit er noch hat, will das auch gar nicht wissen.“

Um seinen Kollegen solche Gespräche zu erleichtern, bietet Bernd Sonntag Seminare für erfahrene Mediziner an. In Rollenspielen üben sie schwierige Gesprächssituationen. Schauspieler übernehmen dabei den Part schwer kranker Patienten. Teilt der Arzt dem Patienten etwa mit, dass die Therapie abgebrochen wird, bekommt er ein „Wie, Sie wollen mich einfach sterben lassen?“ zu hören. „Die Schauspieler geben auch ein konkretes Feedback“, erläutert Sonntag. „Sie sagen etwa ganz klar: 'Zu Ihnen würde ich nie wieder gehen, Sie waren viel zu distanziert.' Oder: 'Sie waren zwar nett, aber ich habe kein Wort verstanden.'“

Obwohl die meisten Kollegen zunächst sehr misstrauisch in das Kommunikationstraining gingen, sei die Resonanz anschließend sehr gut. „Viele sagen oft noch Monate oder sogar Jahre später, dass ihnen das Seminar viel gebracht hat“, sagt Sonntag. Nach seiner Erfahrung ist es wichtig, dass das Training von Ärzten für Ärzte veranstaltet wird. „Denn Ärzte lassen sich meistens nur von anderen Ärzten etwas sagen.“ Gefördert werden die Seminare von der Deutschen Krebshilfe.

Als Kardinalfehler bezeichnet es Sonntag, den Patienten nicht ausreden zu lassen. „In einem guten Gespräch sollte der Redeanteil ausgewogen sein“, rät er: „Patient und Arzt sollten beide etwa zu 50 Prozent dazu beitragen.“ Der Arzt müsse regelmäßig Pausen machen, um dem Patienten die Chance zu geben, das Gehörte zu verarbeiten und Fragen zu stellen.

Auch die angemessene Umgebung ohne Störungen sei sehr wichtig. Der Arzt sollte unbedingt seinen Pieper ausschalten. Sonntag rät, mit der schlechten Nachricht sofort herauszurücken, etwa mit diesen Worten: „Es tut mir sehr leid, aber Ihr Tumor ist zurückgekommen.“ Danach müsse der Arzt auf die Gefühle des Patienten eingehen. Siebzig Prozent der Betroffenen reagierten mit Angst, Weinen oder Fassungslosigkeit. Fünf Prozent der Patienten setzten dagegen ein Pokerface auf und ließen sich nichts anmerken.

„Damit als Arzt richtig umzugehen, ist am schwierigsten“, urteilt Sonntag. Viele Kollegen bekämen Angst, der Patient könnte stark selbstmordgefährdet sein. Dann sei es Aufgabe des Arztes, ihn auf seine vermeintliche Emotionslosigkeit anzusprechen und selbst über Gefühle zu reden. Wichtig sei das Signal, dass man den Patienten nicht allein lasse. Der Arzt müsse den Todkranken wissen lassen: „Wir werden alles tun, um Ihnen die verbleibende Zeit so angenehm wie möglich zu machen.“ Denn die meisten Patienten fürchten sich nach Sonntags Erfahrung weniger vor dem Tod als vor den Schmerzen. „Und diese Angst müssen wir ihnen nehmen.“

( epd )