Stiftung Warentest

Bikesharing im Test: Vier Anbieter kriegen Note „mangelhaft“

Stiftung Warentest hat Bikesharing-Anbieter getestet. Vier fallen wegen Sicherheitsmängeln durch. Doch es gibt eine gute Nachricht.

Donkey Republic ist einer der großen Bikesharing-Anbieter.

Donkey Republic ist einer der großen Bikesharing-Anbieter.

Foto: Marcelo Hernandez

Berlin. Fahrrad auf den Treppen des U-Bahnhofs. Fahrrad einsam im Park. Fahrrad mitten auf dem Bürgersteig – quer. Spätestens seit es Bilder von kuriosen Abstellorten für Leihräder in Berlin, Hamburg, Essen oder München in die sozialen Medien geschafft haben und es zu einem Sport geworden ist, das gemietete Rad an möglichst irrwitzigen Stellen stehen zu lassen, ist klar geworden: Der Trend des Bikesharing ist auch in Deutschland angekommen.

In der Theorie ist das eine ziemlich gute Sache: Man kommt in eine fremde Stadt und möchte sie erkunden, oder der Arbeitsplatz liegt nur wenige Kilometer von der S-Bahnstation entfernt. Dann leiht man sich ein Mietfahrrad per App aus, entsperrt es, fährt los, stellt es wieder ab und bezahlt. Doch wie ist es um die Qualität von Call a Bike und Co. bestellt?

Stiftung Warentest: Bikesharing zweimal „gut“, viermal „mangelhaft“

Stiftung Warentest hat sechs Anbieter getestet und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Nur zwei erhielten das Testurteil „gut“, die anderen vier schnitten mangelhaft ab, ein Mittelfeld gibt es nicht. Grund für die schlechten Noten waren vor allem Probleme mit der Sicherheit, bei einem Anbieter kam noch ein problematisches Verhältnis zum Datenschutz hinzu.

Getestet wurden die sechs großen Anbieter, die in Deutschland ihre Räder stehen haben: die beiden größten, Nextbike und Call a Bike, die in insgesamt 130 deutschen Städten zur Verfügung stehen, außerdem Donkey Republic, Mobike, Byke und Limebike, das nach Angaben von Stiftung Warentest in Berlin den Betrieb der normalen Fahrräder inzwischen eingestellt hat. In Frankfurt am Main ruht zudem der Betrieb aller Räder, also auch der Elektrofahrräder.

Stiftung Warentest schaute besonders auf die Sicherheit

Die Prüfer untersuchten für ihren Test mithilfe von Probefahrten auf den zufällig ausgewählten Rädern die Fahreigenschaften, die Praxistauglichkeit des Verleihsystems, wie sich die Räder suchen und finden ließen, wie das An- und Abschließen und die Bezahlung funktionierte.

Bei ihrer Technikprüfung fokussierten sich die Warentester vor allem auf die Sicherheit der Fahrräder. Schnitt ein Rad hier mangelhaft ab, konnte die Endnote nicht besser werden – egal, wie gut der Service rundherum abschnitt. Sie bewerteten außerdem die Nutzerfreundlichkeit der App oder der Internetseite und sahen beim Datenschutz genau hin.

Marktführer Nextbike und Call a Bike mit besten Noten

Das wichtigste Ergebnis: Die beiden Platzhirsche Nextbike und Call a Bike, das Sharing-Angebot der Deutschen Bahn, schnitten beide gut ab. „Das ist die gute Nachricht: Die Marktführer, die ihre Räder in vielen deutschen Städten stehen haben, sind empfehlenswert“, sagt Werner Hinzpeter, stellvertretender Chefredakteur des „test“-Heftes.

Die schlechte Nachricht: „Bei den anderen Anbietern haben wir so gravierende Sicherheitsmängel gefunden, dass wir zu diesen Verleihern nicht raten können.“ Das Problem waren hier vor allem die Bremsen. Die Tester erwarteten von den Bremsen, je 120 Kilogramm stoppen zu können. „Hier haben wir die Anforderungen sogar niedriger gesetzt als bei unseren normalen Fahrradtests“, sagt Hinzpeter.

Tester teilweise erschrocken über Zustand der Fahrräder

Dort müssten die Bremsen je 150 Kilogramm stoppen können. Doch auch die niedrigeren Anforderungen erfüllte kein Rad von Byke, Mobike und Limebike und nur eines von drei Donkey-Republic-Modellen. „Wir haben sogar ein Rad erwischt, dessen Vorderradbremse nur knapp 22 Kilogramm abgebremst hat – das reicht gerade für das Gewicht des Fahrrads“, so Hinzpeter. Er sagt, bei einigen Rädern seien seine Testkollegen wegen des technischen Zustands der Räder regelrecht erschrocken. Deswegen empfiehlt Stiftung Warentest einen kurzen Check vor der Fahrt.

Checkliste für eine sichere Fahrt:

• Bremsen: Wenn sich die Bremshebel bis an den Lenker ziehen lassen oder die Bremszüge rosten, sollten Nutzer ein anderes Fahrrad wählen.
• Licht: Vor einer Fahrt bei Dunkelheit nachsehen, ob Lampen abgebrochen oder Kabel lose sind. Fällt das Licht während der Fahrt aus, rät Stiftung Warentest: Rad abstellen und Fahrt reklamieren.
• Luftdruck: Reifen mit der Hand zusammendrücken. Geht das einfach: Fahrrad wechseln.
• Akku: Haben Elektrofahrräder verkratzte Akkuhüllen, kann das laut Warentestern ein Hinweis darauf sein, dass das Fahrrad umgestürzt und der Akku beschädigt ist.

• Gepäck: Laut Stiftung Warentest sind Bänder zur Befestigung häufig locker oder abgerissen. Deswegen: erst überprüfen. Außerdem maximale Zuladung beachten.

Doch die Warentester würden sich vor allem eine regelmäßige und häufigere Wartung der Leihfahrräder wünschen. „Bislang gibt es dazu aber keine Vorschriften in Deutschland“, sagt Hinzpeter. Zwei der Anbieter, Byke und Limebike, stellen laut Stiftung Warentest sogar in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen klar, dass kein Anspruch auf einen technisch einwandfreien Zustand der Räder bestehe.

„Das dürfte den Anbietern vor Gericht wenig helfen“, sagt Hinzpeter, „aber es sagt viel aus.“ Die beiden Testsieger schnitten bei der technischen Radprüfung jeweils befriedigend ab.

Politik: Verkehrsminister wollen mehr Sicherheit für Radfahrer

Mobike-App saugt „wirklich alles ab, was geht“

Auch beim Thema Datenschutz gaben die Anbieter kein perfektes Bild ab. Zwar floss die Bewertung nicht in die Endnote mit ein, doch die Warentester äußern sich kritisch. So würden alle Apps bis auf die von Call a Bike und der iOS-Version der Nextbike-App Daten senden, die für ihre Funktion nicht erforderlich sind. Besonders kritisch sieht Stiftung Warentest die Anwendung von Mobike. „Sie saugt wirklich alles ab, was geht“, sagt Hinzpeter, „inklusive Geräte-ID und Telefonnummer des Smartphones.“

Sieht man einmal von der Sicherheit ab – sowohl der Daten als auch der Fahrer – ein komfortables Fahrerlebnis konnten die meisten Anbieter offerieren. Allein Mobike ließ die Tester auf einigen Rädern wegen fehlender Gangschaltung, kleinem Rahmen und Vollgummireifen schwitzen. Wo sich die größeren Modelle mit Gangschaltung befinden, die es in der Mobike-Flotte durchaus gibt, zeigt die App laut Stiftung Warentest nicht an.

Bikesharing ist in Städten inzwischen sehr beliebt

Registrierung, Ausleihe und Abgabe der Leihräder waren bei allen Anbietern gut zu bewältigen. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Systeme: Beim Freefloaten, wie es Byke, Limebike und Mobike anbieten, können die Räder überall ausgeliehen und abgestellt werden. Das Gegenmodell sind feste Sammelstellen.

Inzwischen sei das Bikesharing bei den Städten sehr beliebt, sagt Hinzpeter, „ganz anders als zum Markteintritt vieler Anbieter“. Die Tester hätten ein Stimmungsbild eingefangen und bei den 20 größten deutschen Städten nachgefragt. „Die Antwort war sehr erfreulich: Probleme gibt es wohl kaum noch“, sagt Hinzpeter.

Wenn, dann beträfen sie meist Beschwerden über ungünstig abgestellte Räder.

Den gesamten Test und eine Liste der Standorte, an denen die Räder der beiden Testsieger zu finden sind, gibt es kostenpflichtig auf www.test.de.

(Laura Réthy)