Berlin

Wie Händler Bewertungen kaufen

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Wolfgang Mulke

Mit Geld und Geschenken werden Verbraucher zu gefälligen Produkttests im Internet animiert

Berlin. Vier von fünf möglichen Sternen für den kabellosen Kopfhörer, volle Punktzahl für den Küchenmixer und Hunderte zufriedene Kommentare von Käufern: Kaum ein Internet-Portal kommt noch ohne Online-Bewertungen aus. Doch auf sie sollte man sich nicht blind verlassen, warnt das Marktwächter-Team der Verbraucherzentralen. Eine Masche der Hersteller und Händler: Mit Gratiswaren, Gutscheinen und Geld locken sie Verbraucher, Produkte zu testen und ausführliche Bewertungen abzugeben. Man ahnt es schon: Positive Rückmeldungen werden belohnt.

Hauptberuflich ist Laura Becker (Name geändert) Sachbearbeiterin in einem Jobcenter. Nebenher geht sie einem bisweilen attraktiven Nebenjob nach. Die Endzwanzigerin testet neue Produkte. „Dann schreibe ich dazu eine Bewertung und kann die Sachen behalten“, schildert sie das Geschäftsmodell. Manchmal trifft sie sich mit anderen Frauen auch zu einer Art Test-Party. Kosmetik und Hygieneartikel probiert Laura Becker besonders gern aus. Tests als einen schönen Nebenverdienst stellt zum Beispiel das Internet-Portal „Heimarbeit.de“ Nutzern in Aussicht. 262 Euro für ein paar Produktbewertungen oder die Teilnahme an Umfragen können danach monatlich drin sein. Das Portal bewirbt einige der Clubs, bei denen sich Testkunden anmelden können. Erst dann erhalten sie entsprechende Angebote. Die Palette der Angebote reicht vom WC-Duftspender bis hin zum hochwertigen Elektrogerät. Teilnehmer müssen sich registrieren.

Der Nutzen für die Versuchskunden besteht häufig darin, die Waren kostenlos zu bekommen. Gerade bei teuren Konsumgütern ist das schon ein Anreiz. Versilbern lassen sich die wertvollen Stücke allerdings nicht. Der Weiterverkauf ist in der Regel verboten. Eine Suche im Internet fördert schnell eine unüberschaubare Zahl an laufenden und anstehenden Produkttests zutage. Bekannte Markennamen finden sich unter den Offerten ebenso wie die Neuentwicklungen von Start-up-Firmen.

Klar ist: Natürlich sehen Händler und Hersteller am liebsten positive Bewertungen ihrer Produkte. Damit können sie in Online-Shops für sich mit vermeintlich unabhängigen Kundenzeugnissen werben. Kritische Anmerkungen sind zwar nicht verboten, führen aber zumindest gelegentlich zu Reaktionen der Hersteller, haben die „Marktwächter digitales Leben“ der Verbraucherzen­tralen herausgefunden.

So habe sich bei einer Umfrage der Testkunde eines Werkzeug-Shops gemeldet, der eine kritische Bewertung dazu ins Netz stellte. „Er bekam einen Werkzeugkoffer dafür angeboten, die Bewertung wieder zurückzunehmen“, schildert die Teamleiterin der Marktwächter, Susanne Baumer, ein eher fragwürdiges Vorgehen. Denn so werden gutgläubige Tester zu Erfüllungsgehilfen von Händlern.

Die Verbraucherzentrale steht den Bewertungen im Internet kritisch gegenüber. Denn das Lob für Produkte oder Dienstleistungen ist längst zu einer Handelsware geworden. Eine nach eigenen Angaben in Zypern ansässige Firma wirbt offensiv mit einseitigen Testergebnissen. 14,90 Euro kostet dort eine gute Bewertung auf dem Reiseportal Tripadvisor, fünf mal fünf Sterne gibt es für gut 72 Euro. Die Bewertung orientiert sich an den jeweiligen Auftraggebern. „Zum Beispiel erhält ein Tattoo-Shop Bewertungen von jüngeren Usern, ein Pflegedienst selbstverständlich von älteren Usern, und ein Café kann sich über ein gemischtes Publikum freuen“, heißt es in einer Werbemail des Portals, die der Redaktion vorliegt.

Gängige Praxis verstößt gegen Wettbewerbsrecht

Die Betreiber räumen sogar ein, dass der Kauf von Bewertungen in Deutschland verboten ist und gegen das Wettbewerbsrecht verstößt. Auf telefonische Nachfrage versichert der Anbieter, dass nur „echte“ Kunden für die Bewertung herangezogen werden. Wie man an deren Daten kommen will, bleibt offen.

Tripadvisor geht gegen derlei Angebote vor. Das US-Unternehmen lebt vom Vertrauen der Verbraucher in seine Hotel- oder Restauranttipps. Daher werden die Bewertungen auf Verdachtsfälle hin überprüft und Fake-Benotungen gelöscht.

Bei einem Großteil der Verbraucher herrscht inzwischen Misstrauen gegenüber der Flut von Online-Bewertungen. Die große Mehrheit der Konsumenten teile die Skepsis der Verbraucherzentralen, ergab eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Bayern im Auftrag der Marktwächter. Nur zwei Prozent vertrauten den Bewertungen im Internet „voll und ganz“, drei Viertel hingegen nur teilweise oder gar nicht.