Kaffee

Fluch und Segen: Was man zu Kaffeekapseln wissen sollten

| Lesedauer: 10 Minuten
Heiner Schmidt
Warum Kaffee besser ist als sein Ruf

Warum Kaffee besser ist als sein Ruf

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Sie ist für viele Kunden Kult, ihre Umweltbilanz aber umstritten: Die Kaffekapsel. Ein Blick hinter die Kulissen der Erfolgsgeschichte.

Hamburg.  Jahrelang schrieb die Kapsel die größte Erfolgsgeschichte in der deutschen Kaffeebranche. Die Einzelportionen mit etwa sechs Gramm Röstkaffeepulver für nur eine Tasse zur Zubereitung in einer speziellen Maschine bescherten den großen Anbietern wie Nestlé (Nespresso), Tchibo (Cafissimo) und Douwe Egberts (Tassimo) etwa seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts exorbitante Zuwachsraten im oft hohen zweistelligen, bisweilen sogar dreistelligen Prozentbereich.

Im Jahr 2005 wurden in Deutschland gerade einmal 800 Tonnen Kaffeepulver in Kapseln verkauft. 2015 waren es erstmals mehr als 20.000 Tonnen. Binnen zehn Jahren also stieg der Kapselabsatz auf das 25-fache.

Obwohl die Einzelportionen vergleichsweise teuer sind und es viel Kritik an der Müllbilanz gibt, sind sie den Verbrauchern offenbar lieb und teuer. Nun ließ eine Nachricht aufhorchen, wonach der Kapselabsatz 2016 erstmals gesunken ist – und zwar gleich um mehr als zehn Prozent.

Ist der große Kapselboom also schon wieder vorbei? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum deutschen Kaffeemarkt und zur Zukunft der Kapsel.

Wie viel Kaffee trinken die Deutschen – und wie bereiten sie ihn zu?

Kaffee ist und bleibt das Lieblingsgetränk der Deutschen: „162 Liter trank jeder Verbraucher im Durchschnitt im vergangenen Jahr“, sagt Holger Preibisch, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbands mit Sitz in Hamburg. Umgerechnet waren das etwa 760 Tassen pro Kopf.

In der Rangliste 2016 folgen Mineralwasser (153 Liter), Bier (118), Erfrischungsgetränke (116), Milch (82) und Tee (knapp 80 Liter).

Mehr als 80 Prozent aller Kaffeeliebhaber im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken mindestens einmal täglich Kaffee, ganz überwiegend aber mehrmals pro Tag. Nur etwa jeder zehnte Verbraucher in Deutschland trinkt nie Kaffee, heißt es im Tchibo-Kaffeereport 2016. Insgesamt wurden hierzulande im vergangenen Jahr etwa 350.000 Tonnen Kaffee verkauft.

Die Konsumenten gaben für ganze Bohnen, gemahlenen oder löslichen Kaffee mehr als 3,3 Milliarden Euro aus. Filterkaffee ist weiter die beliebteste Zubereitungsform, fast zwei Drittel aller Kaffeetrinker besitzen eine Filterkaffeemaschine, und sie ist es auch, die mit Abstand am häufigsten in Betrieb ist, wenn im Haushalt unterschiedliche Maschinen vorhanden sind.

Von den regelmäßigen Verbrauchern des koffeinhaltigen Heißgetränks besitzt ein knappes Drittel zudem eine Padmaschine. Auf Platz drei folgt mit knapp 26 Prozent bereits die Kapselmaschine noch vor dem Handfilter (24 Prozent) und dem Vollautomaten (21). Und: In fast jedem zehnten deutschen Haushalt wird Kaffee entweder ausschließlich oder ganz überwiegend in einer Kapselmaschine zubereitet, so der Kaffeeverband.

Wer ist der Erfinder der Kaffeekapsel?

Der Nestlé-Konzern nimmt für sich in Anspruch, das Kapselsystem erfunden zu haben. Nach eigenen Angaben entwickelten die Schweizer es bereits in den 1970er-Jahren und führten es 1986 in den Markt ein.

Den Durchbruch für Nes­presso gab es allerdings erst in den 2000er-Jahren, als auch andere Anbieter Kapselmaschinen auf den Markt brachten – und nachdem zuvor eine etwas andere Art der Zubereitung einzelner Portionen großen Erfolg hatte: Kaffeepads. Auch sie werden in speziellen Maschinen aufgebrüht, das Kaffeepulver liegt in einer geschlossenen Filtertüte.

Die Kapsel hat gegenüber dem Pad deutlich aufgeholt, aber in Deutschland wird mit mehr als 30.000 Tonnen pro Jahr immer noch 50 Prozent mehr Kaffee in Pads als in Kapseln abgesetzt.

Was gefällt den Verbrauchern so gut an Kapseln?

In den ersten Jahren konnte eine der neuartigen Maschinen noch als Status- und Lifestyle-Symbol gelten, das stolz vorgeführt wurde. Inzwischen steht in jedem vierten Haushalt eine, im Jahr 2011 dagegen war das erst in 13 Prozent der Haushalte der Fall.

Wie viele Personen in dem Haushalt leben, spielt dabei keine Rolle. In Single-Haushalten gibt es nicht wesentlich häufiger einen Kapselautomaten als in einem Vier-Personen-Haushalt.

18-Dollar-Kaffee in New York
18-Dollar-Kaffee in New York

Umfragen des Kaffeeverbands zeigen: Kapselnutzer finden das System vor allem praktisch, weil sich relativ schnell eine einzelne Portion zubereiten lässt, den Kaffee aus dem Aluminium- oder Plastikbecherchen finden sie aromatischer, und sie sind überzeugt, er sei von höherer Qualität. Das sind die wichtigsten Gründe.

Warum sind Kapseln für die Hersteller so interessant?

Die Gewinnmargen sind bei allen Anbietern zwar ein gut gehütetes Geheimnis, doch sie dürften gewaltig sein. Beim Marktführer Nespresso zahlen Kunden für ein Kilo Kapselkaffee um die 60 Euro, bei günstigeren Anbietern sind es 30 bis 40 Euro und damit immer noch deutlich mehr als der Durchschnittspreis für ein Kilo Röstkaffee. Der liegt bei zwölf bis 13 Euro.

Dass das Kapselgeschäft äußerst gewinnträchtig ist, zeigen auch zwei andere Zahlen: Zwar werden nur etwa fünf bis sieben Prozent des gesamten Kaffees in Kapseln verkauft, doch mit ihnen werden nach Schätzungen 15 bis 17 Prozent des Kaffee-Gesamtumsatzes erzielt.

Ist der große Kapselboom schon wieder vorbei?

Vor einer Woche veröffentlichte Zahlen des Marktforschungsinstituts Nielsen deuten darauf hin. Doch sie sind umstritten, weil sie nur den Verkauf im Einzelhandel abbilden, der Online-Verkauf und die Umsätze der Marktführer Nestlé und Tchibo, die den Handel nicht beliefern, aber nicht einfließen.

Der Kaffeeverband kommt zu einem anderen Ergebnis: „Der Absatz ist 2016 um 3,9 Prozent auf 21.400 Tonnen gewachsen“, sagt Hauptgeschäftsführer Preibisch. Der Marktforscher GfK meldet sogar ein Wachstum von 6,3 Prozent. Zuwächse immerhin, aber erstmals seit zehn Jahren sind sie nur noch gering.

„In der Vergangenheit wurden die Zuwächse stets von neuen Maschinen für Kaffeekapseln und Anbietern von Kapseln getrieben“, sagt Preibisch. 2016, so muss man ihn wohl verstehen, fehlte es dem Markt an verkaufsfördernden Innovationen.

Wie sieht es mit der Umweltbilanz der Kapseln aus?

Etwa 2,3 bis 2,4 Milliarden Kapseln werden in Deutschland pro Jahr verkauft, Experten errechnen daraus eine Müllmenge von 5000 Tonnen Aluminium und Plastik nur durch die Döschen. Das wird oft als schlimme Umweltsünde kritisiert.

Die tatsächliche Umweltbilanz hängt aber sehr stark von der Entsorgung ab: In Deutschland gehören die Kapseln in den gelben Sack, sie sind Verpackungsmüll. Aluminium wird zwar mit hohem Energieaufwand hergestellt, lässt sich aber gut recyceln, Plastik dagegen wird oft verbrannt.

Und: Bei anderen Formen der Kaffeezubereitung entsteht zwar weniger Müll, deshalb sind sie aber nicht unbedingt insgesamt ressourcenschonender. Mittlerweile sind auch wiederbefüllbare und Kapseln aus kompostierbarem Plastik auf dem Markt. Doch die, sagt der Verbandschef, seien bislang noch nicht so gut, dass der Kaffee in der Kapsel über längere Zeit frisch bleibt. Preibisch: „Viele Konsumenten sind tatsächlich irritiert und fragen sich, kann ich das verantworten? Deshalb ist die Entwicklung einer kompostierbaren Plastikkapsel für alle Hersteller derzeit ein großes Thema.“

Welchen Weg geht Tchibo – und sind die Hamburger damit erfolgreich?

Der Hamburger Kaffeeröster gilt mit seinem Cafissimo-System als die Nummer zwei hinter Nespresso auf dem deutschen Kapselmarkt – und ist in Bezug auf Umsätze, Marktanteile und Gewinne mindestens genauso verschwiegen wie die Schweizer. „Wir wachsen mit dem Markt“, sagt Tchibo-Sprecher Arnd Liedtke.

Fünf unterschiedliche Maschinen in jeweils sechs bis sieben verschiedenen Farben bieten die Hamburger an, zuletzt kam die besonders kleine Mini hinzu. Um die Kunden bei der Stange zu halten und ihnen gleichzeitig Neues anzubieten, kreiert Tchibo regelmäßig neue Kapselsorten und Geschmacksrichtungen. Die Konkurrenz tut das auch. Seit dem Frühjahr 2016 drängt das Unternehmen zudem in den Premiummarkt und greift mit seinem Qbo-System Nespresso an.

Zur 250 bis 300 Euro teuren Qbo-Maschine gibt es eine Smartphone-App, mit der sich unter anderem der Brühvorgang vom Sofa aus starten lässt. Zum Weihnachtsgeschäft, heißt es im Unternehmensumfeld, soll eine Sprachsteuerung hinzukommen. „Qbo, mach mir einen Cappuccino“, könnte es dann bald heißen.

Allerdings gab es zuletzt auch Entwicklungen, die an einem großen Erfolg von Qbo zweifeln lassen. Von den wenigen deutschen Shops, in denen Tchibo die neue Maschine präsentierte, ist nur noch der im Hamburger Alsterhaus übrig. Die anderen wurden wieder geschlossen. „Solche Tests werden eben auch wieder beendet und Pop-up-Stores geschlossen. In Deutschland sind Maschine und Kapseln im Qbo- oder Tchibo-Online-Shop erhältlich“, sagt Unternehmenssprecher Liedtke. In Österreich wird Qbo dagegen in derzeit 17 Shops in Tchibo-Filialen verkauft. Zehn weitere, so Liedtke, sollen noch dieses Jahr hinzukommen.

Wie wird sich der Kaffeekapselmarkt in den nächsten Jahren entwickeln?

Der Kaffeeverband erwartet für dieses Jahr und auch für die nähere Zukunft Zuwächse in der Größenordnung von jeweils drei bis fünf Prozent. Darauf deuteten auch die Zahlen für das erste Halbjahr 2017 hin. Das heißt: Die Jahre des großen Booms sind wohl vorbei, und ob sie wiederkommen, darf bezweifelt werden.

Bei den Kapseln passiert jetzt das, was vor einigen Jahren schon bei den Pads geschah: Nach mächtigen Zuwächsen stabilisieren sich Absatz und Umsatz und legen nur noch leicht zu. Größter Gewinner im Gesamtmarkt sind jetzt die ganzen gerösteten Bohnen, die in den Vollautomaten gefüllt, von ihm frisch gemahlen und aufgebrüht werden. Es ist nur eine etwas andere Art, sich eine einzelne Tasse Kaffee zuzubereiten. Genauso bequem – und mit weniger Müll.

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