Ein roter Strich unter der Haut, der langsam den Unterarm hinaufzieht: Das ist eine Blutvergiftung, kein Zweifel – lebensbedrohlich, sobald der Strich das Herz erreicht. Falsch!

Die Geschichte der Sepsis, früher Wundfäule, heute umgangssprachlich Blutvergiftung genannt, ist geprägt von Irrtümern und falschen Gewissheiten, die sich in der Öffentlichkeit zum Teil bis heute hartnäckig halten. Es beginnt bereits bei den Begrifflichkeiten: Der Terminus „Sepsis“ existiert seit der Antike, er geht auf den Arzt Hippokrates zurück und leitet sich vom griechischen Ausdruck für „faul machen“ ab. Jahrhundertelang vermutete man bei einer Wunde, die nicht heilte, einen Fäulnisprozess. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich die Erkenntnis durch, dass eine bakterielle Erkrankung verantwortlich sein müsse. Bis man jedoch die Viren entdeckte und ebenfalls als Verursacher benennen konnte, dauerte es weitere Jahrzehnte.

„Bei der Sepsis handelt es sich um die schwerste Verlaufsform einer Infektion, ausgelöst durch Bakterien, Viren oder Pilze“, erklärt Prof. Markus Weigand, Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Wenn Krankheitserreger, etwa durch eine Grippe oder Hautverletzung, in den Körper eindringen und dieser sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht an der Ausbreitung hindern kann, läuft die Infektion plötzlich aus dem Ruder: Das Immunsystem fährt alles auf, was es an Abwehrmechanismen zu bieten hat – und nicht nur die „feindlichen Eindringlinge“, sondern auch körpereigene Zellen werden attackiert. Die freigesetzten Botenstoffe lösen eine Entzündungsreaktion aus, die den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht und bis hin zum Organversagen führen kann.

Das geschieht etwa infolge einer geschwächten Immunabwehr oder aber bei sehr aggressiven oder zahlreichen Erregern. Gefährdet sind vor allem ältere oder krankheitsbedingt anfällige Menschen und Säuglinge. „Jede Infektion kann theoretisch zu einer Sepsis führen“, so Weigand, „glücklicherweise tun es die meisten nicht.“ Dennoch: Weltweit sterben jedes Jahr acht Millionen Menschen an den Folgen einer Sepsis; in Deutschland treten etwa 180.000 Fälle pro Jahr auf – 60.000 davon mit tödlichem Ausgang.

Bakterien, Viren oder Pilzeals Auslöser

Frühe Symptome, die auf eine Sepsis hindeuten, sind Verwirrtheit, Blutdruckabfall, schnelle Atmung – zusätzlich zu den typischen Symptomen der jeweiligen Infektion. Bei Neugeborenen kann sich die Sepsis auch „ganz banal“ äußern, wie Markus Weigand erklärt: „Zum Beispiel durch Fieber und Trinkverweigerung – die Diagnose ist in solchen Fällen relativ schwierig.“

Am häufigsten trete die Sepsis bei einer Lungenentzündung auf, so Weigand, oft entstehe sie außerdem infolge von Infektionen im Bauchraum, etwa Divertikulose oder Blinddarmentzündung, oder durch Erkrankungen des Urogenitaltraktes, wie zum Beispiel Blasenentzündung. „Aber auch Bagatellverletzungen können zu fulminanten septischen Verläufen führen“, sagt Markus Weigand. Der Verlauf sei immer abhängig vom Keim und der Reaktion des jeweiligen Organismus.

Auch nach größeren operativen Eingriffen kommt es mitunter zu einer Sepsis. Dabei infiziere sich der Patient, anders als oft angenommen, meist nicht im Krankenhaus mit den Keimen, sondern trage sie schon vorher im Körper. Das allerdings war noch im 19. Jahrhundert anders: Damals starben sehr viele Frauen nach der Entbindung durch eine Sepsis infolge des Kindbettfiebers. Der Gynäkologe Ignaz Semmelweis (1818–1865) stellte zwar damals fest, dass sich die Sterblichkeit drastisch senken ließ, wenn das medizinische Personal sich vor der gynäkologischen Untersuchung die Hände mit einer Chlorkalklösung wusch. Durchsetzen konnte er diese Hygienemaßnahme allerdings nicht.

Heutzutage verhindert ein effektives Hygienemanagement in der medizinischen Versorgung die Ausbreitung der meisten Krankheitserreger. Viele Infektionen lassen sich zudem mit Antibiotika eindämmen. Außerdem stehen intensivmedizinische Möglichkeiten zur Verfügung, wie künstliche Beatmung, Medikamente, um den Blutdruck aufrechtzuerhalten, Dialyse bei Nierenversagen, das künstliche Koma. Trotzdem liegt die Sterblichkeit bei einer schweren Sepsis mit Organversagen bei 24 Prozent. Beim sogenannten septischen Schock, der mit einem ex­tremen Blutdruckabfall einhergeht, wodurch die Blutversorgung der Organe nicht mehr funktioniert, sind es sogar 60 Prozent.

Den ominösen roten Strich beobachten

Weil ein tödlicher Verlauf bereits innerhalb einiger Stunden möglich ist, sei die Früherkennung entscheidend, sagt Weigand. Deshalb solle man übrigens auch den ominösen roten Strich genau beobachten. Er deute zwar nicht auf eine Sepsis hin, sondern auf eine Entzündung der Lymphbahnen, die sogenannte Lymphangitis.

Diese muss nicht, kann aber zu einer Sepsis führen: nämlich dann, wenn die Erreger über die Lymphbahnen die großen oberen Venen erreichen und ins Blut geraten. Falls sich der Strich ausdehne, so Weigand, solle man auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen; tritt die Rötung nur nahe der Wunde auf, handele es sich um eine normale Reaktion des Körpers, die auch von Schwellung und Erwärmung begleitet werden kann.