Berlin

Neues aus der Welt der Medizin

Auf der weltgrößten Messe für Medizintechnik Medica geht es um Innovationen der Branche. Ein Einblick

Berlin.  Wenn am heutigen Montag die weltgrößte Medizintechnik-Messe Medica in Düsseldorf beginnt, ist das zunächst einmal ein großes Treffen für Fachpublikum: Ärzte, Krankenhausmanager, Pfleger und medizinische Industrie informieren sich über Neuigkeiten der Branche. Im vergangenen Jahr kamen mehr als 130.000 Besucher. Doch am Ende geht es um Verbesserungen für den Patienten. Durch die Digitalisierung der Medizintechnik und auch durch sogenannte Wearables, also kleine, für jedermann zu bedienende Geräte. Einige Neuheiten der Medizinbranche:

Schmerz ausschalten

Für sehr viele Frauen klingt es zu gut, um tatsächlich wahr zu sein: den Menstruationsschmerz (Dysmenorrhö) einfach abschalten – einen Schmerz, den ein britischen Professor des University College London einmal als vergleichbar mit einem Herzinfarkt beschrieb. Ein US-amerikanisches Unternehmen verspricht genau das mit einem Produkt, das noch in diesem Jahr in Deutschland auf den Markt kommen soll: "Livia".

Viele Frauenzeitschriften haben in den letzten Monaten begeistert von dem Gerät berichtet, das an den Hosenbund geklipst und auf dem Unterbauch geklebt mithilfe von Tens (transkutane elektrische Nervenstimulation), also elektromagnetischen Impulsen, ein Weiterleiten des Schmerzsignals ans Hirn verhindern soll. Neu ist die Behandlung von Schmerz mit Tens nicht. Auch in Deutschland wird sie bei Schmerzpatienten angewendet. Livia erscheint nun offensichtlich in ansprechendem Design: handlich und in Farben wie Türkis, Pink oder Hellblau. Der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) verweist allerdings auf eine Einschätzung eines Experten der US-amerikanischen gynäkologischen Fachgesellschaft. Dieser kritisierte, dass bislang selbst auf Nachfrage keine wissenschaftliche Publikation des Herstellers zur Wirksamkeit von Livia zu erhalten war. Der BVF rät Frauen dazu, sich nicht einfach auf ein Gerät wie Livia zu verlassen: "Schwere Menstruationsschmerzen können auch ein Hinweis auf eine Erkrankung sein und sollten unbedingt durch eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt abgeklärt werden", betont Dr. med. Christian Albring, Präsident des Verbandes.

Labor im Schuh

Bis Morbus Parkinson, die häufigste Erkrankung des zentralen Nervensystems, diagnostiziert wird, haben Betroffene häufig bereits einen Ärzte-Marathon hinter sich. Ein neues System soll das nun ändern und die Therapie der Patienten verbessern. Das sogenannte Ganglabor, entwickelt von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und dem Universitätsklinikum Erlangen, setzt an einem der Frühsymptome von Parkinson an: der Störung des Ganges.

Diese lässt sich bislang nur schwer feststellen, denn das menschliche Gangbild ist individuell und verändert sich nach Tagesform. Der Arzt hat lediglich die subjektive Einschätzung des Patienten als Information. Nun soll ein Sensor im Schuh das Gangbild des Patienten messen: Wie groß sind die Schritte, wie schnell läuft er, wie lange bleibt er stehen und wie groß ist der Abstand des Fußes zum Boden. "Auch die Blindzeiten, also die Zeiten zwischen zwei Arztbesuchen, können so mit objektiven Informationen gefüllt werden", erklärt Björn Eskofier, Professor für Sportinformatik an der FAU. Auch für andere Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder die Huntington-Krankheit ist das Labor im Schuh anwendbar. Noch ist das Ganglabor nicht zugelassen, die Resonanz der mehr als 1500 Testpersonen sei jedoch sehr gut, so Eskofier.

Erholsamer Schlaf

Ganz abgesehen davon, dass Schnarchen den Haussegen auf eine harte Probe stellen kann – immerhin jeder zehnte Deutsche leidet wegen eines schnarchenden Partners unter Schlafproblemen –, schadet es der Gesundheit. Der Anbieter von Medizinprodukten Beurer will nun mit einem kleinen Gerät, das einfach hinter ein Ohr geklemmt wird, wieder Ruhe ins Schlafzimmer einkehren lassen: Der Schnarchstopper SL 70 erkennt Geräusche und Körperschall und reagiert mit einem leisen Tonsignal und Vibration. "Es ist ein bisschen so, als würde man jemanden im Schlaf leicht berühren", erklärt Kerstin Glanzer, Marketingleiterin von Beurer. "Der Schlafende wacht davon nicht auf, verändert aber häufig seine Liegeposition." Das Schnarchen hört auf. Über eine App können Intensität der Vibration und Lautstärke des Tons variiert werden.


Keimfrei

Laut einer aktuellen Studie sterben in Europa jedes Jahr mehr als 90.000 Patienten an einer Infektion, die sie sich erst im Krankenhaus zugezogen haben. Das dänische Start-up Infuser, das sich direkt auf dem Campus der Universität Kopenhagen niedergelassen hat, launcht nun unter dem Namen "Sterisafe" ein Produkt, das Krankenhauszimmer desinfizieren soll – ohne die Verwendung von Chemikalien. "Alles, was das Gerät braucht, sind Wasser und Strom", erklärt Dr. Helge Grosch, Produktmanager von Infuser. Der Rollcontainer Sterisafe wandelt den Sauerstoff aus der Umgebungsluft in Ozon um.

Das Ozon wiederum tötet Mikroorganismen und Schadstoffe ab – in der Luft, aber auch auf Oberflächen. Der Vorteil gegenüber herkömmlichen Methoden liegt laut Herstellerangaben auch in der großen Sicherheit für Personal und Patienten. "Nebenprodukte, die bei der Verwendung von Chemikalien entstehen, werden bei unserer Methode am Ende entfernt", erklärt Grosch. So werde der Raum in einen Zustand versetzt wie vor der Desinfizierung, nur ohne Bakterien. Tests zur Wirksamkeit in Zusammenarbeit mit dem Metropolitan University College in Kopenhagen, ergaben laut Grosch eine Desinfektion von 99,9999 Prozent. "100 Prozent gibt es in der Mikrobiologie ohnehin nicht."

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