Das Bild zieht den Betrachter förmlich in sich hinein. Der Farbenrausch aus Pink und Blau – kein Werk eines Pop-Art-Künstlers, sondern die Simulation der Verschmelzung von zwei Schwarzen Löchern. Erst bei näherem Hinsehen sind sie als zwei dunkle Punkte in der Mitte zu entdecken. Die Farbwellen sollen zeigen, wie stark der Raum dadurch verzerrt wird. Sie stauchen und strecken ihn. Je heller, desto stärker die Verformung.

„Diese Simulation zeigt die Verschmelzung von zwei Schwarzen Löchern, die zu den Gravitationswellen geführt haben, die jetzt erstmals nachgewiesen worden sind“, sagt Dr. Christian Stegmann, Professor an der Universität Potsdam und Leiter des Forschungszentrums DESY im brandenburgischen Zeuthen. „Mit den Beobachtungen hat sich ein neues Fenster zum Universum geöffnet.“

Im September 2015 gelang der erste direkte Nachweis dieser Wellen in der Raumzeit. Anfang Februar dieses Jahres wurde die spektakuläre Entdeckung dann offiziell bekannt gegeben. Eine Sensation: Der laserinterferometrische Detektor LIGO in den USA fing das Signal zweier verschmelzender Schwarzer Löcher auf. Unter Beteiligung von Wissenschaftlern des Potsdamer Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik war es Astrophysikern vom LIGO-Observatorium gelungen, Einsteins Vorhersage über Gravitationswellen zu bestätigen. 100 Jahre nach seiner Relativitätstheorie. „Ein großartiger Schritt“, sagt Stegmann. „Es war das erste Mal etwas zu sehen, worüber bislang nur spekuliert worden war.“

Anhaltende Begeisterung schwingt auch bei seinen Kollegen mit, die an diesem Mittwoch bei der Eröffnung der Ausstellung mit astronomischen Aufnahmen und Computersimulationen im Wissenschaftsministerium in Potsdam dabei sind. Zusammengestellt wurde die Schau vom Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY in Zeuthen, dem Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP) und dem Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut). Mitgewirkt hat auch die Universität Potsdam.

Das höchst unterschiedliche Gesicht des Kosmos

„Die Ausstellung war im Jahr des Lichts 2015 konzipiert worden, hat jetzt aber eine ungeahnte Aktualität gewonnen“, betont Brandenburgs Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (SPD). Titel der Schau: „Das Fenster ins Universum“. Sie zeigt, dass das menschliche Auge nur einen winzigen Ausschnitt des Kosmos begreifen kann. Das Gesicht des Universums ändert sich aber dramatisch, je nachdem, durch „welches Fenster“ es betrachtet wird – von Radiowellen über sichtbares Licht bis zu Röntgenlicht. „Die Astroteilchenphysik weist Neutrinos am Südpol nach, die Gravitationsphysik misst Wellen in der Raumzeit, und die Kosmologie simuliert die Entwicklung unseres Universums am Rechner“, heißt es auf einer der Schautafeln.

Ein Bild in der Ausstellung zeigt das Kosmische Netz als Simulation. Eine schwammartige Struktur mit Knoten, in denen sich Materie häuft und sich Gruppen von Galaxien sammeln, sowie Leerräume, frei von aller Materie. Die Forscher haben herausgefunden, dass es fünfmal mehr Dunkle Materie als „normale“ Materie im Kosmos gibt. Ihre Natur gibt ihnen Rätsel auf.

Vor noch größere Fragen aber stellt die Astronomen die Existenz der Dunklen Energie, der Kraft, die das Universum auseinandertreibt. Mit über zwei Drittel hat sie den größten Anteil am Gehalt des Kosmos. Das Rätsel ist auch mit dem Nachweis der Gravitationswellen nicht gelöst.

Doch die nobelpreisverdächtige Entdeckung löste ein Beben in der Wissenschaftswelt aus. Dr. Elke Müller, wissenschaftliche Koordinatorin am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam, spricht von einer neuen Ära in der Astronomie.

Die Messgeräte, das Herzstück der LIGO-Detektorenanlage, haben quasi den Ton des Universums eingefangen. „Man kann dem Universum jetzt zuhören“, sagt die Wissenschaftlerin. „Es ist großartig: Wir können unter anderem die Signale der Schwarzen Löcher vernehmen.“ Von ihr stammt die Simulation in der Ausstellung.

„Ein Moment, in dem man innehalten kann“

Für Professor Matthias Steinmetz, Wissenschaftlicher Vorstand am Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam, geht der Nachweis über die wissenschaftliche Bedeutung hinaus: „Es passiert so viel Schlimmes in der Welt. Diese Entdeckung ist ein Moment, in dem man innehalten kann“, sagt er. „Er zeigt, dass Menschen in der Lage sind, viel zu erreichen, wenn sie nur zusammenarbeiten.“ An der Veröffentlichung des Nachweises waren über 1000 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus zahlreichen Ländern beteiligt.

Die Ausstellung ist bis zum 29. April
zu sehen. Geöffnet: montags bis freitags, von 7 bis 18 Uhr. Wissenschaftsministerium Potsdam, Dortustraße 36.
Der Eintritt ist frei.