Die Deutschen nehmen sich selbst die Butter vom Brot. 23 Prozent verzichten unter anderem auf Gluten, Laktose, Getreide oder Nüsse, obwohl die meisten weder eine Nahrungsmittelallergie noch -intoleranz haben. Immer mehr Lebensmittel werden vorsorglich vom Speiseplan gestrichen, weil sie der Gesundheit schaden sollen. Hersteller der meist teuren „Frei von“-Lebensmittel schlagen daraus Profit. Die Wissenschaftsjournalistin Susanne Schäfer will mit ihrem Buch „Der Feind in meinem Topf?“ Vorurteile über das Essen widerlegen und warnt vor dubiosen Test- und Heilverfahren.

Alina Reichardt: Sind unsere Ängste berechtigt?

Susanne Schäfer: Unter dem Strich ist unsere Nahrung heute sehr sicher. Natürlich ist es wichtig, kritisch zu bleiben, aber generalisierte, übergroße Ängste sind nicht notwendig und können selbst zum Problem werden. Wenn manche Eltern beispielsweise ihre Kinder auf eine Radikaldiät setzen und ihnen über lange Zeit Milchprodukte verweigern, kann es bei den Kindern zu Mangelernährung kommen.

Wie kann es zu solchen Fehleinschätzungen kommen?

Susanne Schäfer: Auf dem Markt tummeln sich dutzende unseriöse Ratgeber-Bücher mit teils haarsträubenden Fehlern. Häufig wird da auch stark verallgemeinert, wenn etwa beschrieben wird, wie schädlich Brot oder Gluten generell sei. Für Zöliakie-Kranke trifft das zu, aber in solchen Büchern wird der Eindruck vermittelt, dass das für alle gilt. Wissenschaftlich ist das nicht haltbar.

Warum glauben viele Menschen daran?

Susanne Schäfer: Eine Rolle könnte spielen, dass auch einige Ärzte und selbsternannte Heiltherapeuten ihr Geschäft mit diesen Ängsten machen. Ich bin zu Recherchezwecken selbst in einige Praxen gegangen und habe unspezifische Beschwerden wie Bauchschmerzen und Müdigkeit beschrieben. Obwohl ich das Thema nie selbst angesprochen habe, wurden mir immer neue Nahrungsunverträglichkeiten attestiert.

Ohne eines der gesicherten Testverfahren, um Unverträglichkeiten zu diagnostizieren?

Susanne Schäfer: Ja, eine Ärztin hatte sich sogar ihr eigenes Testverfahren ausgedacht. Sie hat ein eigenes Institut gegründet und führt dort einen selbst entwickelten Speicheltest durch. Als ich bei ihr zur Untersuchung war, musste ich zwei Stunden lang einmal pro Minute in einen Becher spucken und das Gewicht jedes Mal mit einer Küchenwaage messen. Nach einer halben Stunde bekam ich zur so genannten Provokation einen Löffel Zucker. Allein anhand der Speichelmenge diagnostizierte sie, ich leide an einer Unverträglichkeit von Zucker. Das Ganze kostet übrigens 120 Euro und sie hat nach der Untersuchung noch weitere Tests vorgeschlagen, zu denen ich noch mal wieder kommen sollte.

Könnte das nicht ein Einzelfall gewesen sein?

Susanne Schäfer: Es gibt viele unseriöse Tests, mit denen angebliche Unverträglichkeiten diagnostiziert werden. Weit verbreitet ist zum Beispiel der so genannten IgG-Test auf Nahrungsmittelallergien vom Typ III (nicht zu verwechseln mit dem medizinisch anerkannten IgE-Bluttest). Ärzte nehmen dafür bis zu 400 Euro, in Deutschland werden mit dem IgG-Test jährlich schätzungsweise 10 bis 20 Millionen Euro erwirtschaftet. Aber laut der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie gibt es Nahrungsmittelallergien vom Typ III gar nicht.

Dann sollte man seinem Arzt nicht mehr vertrauen?

Susanne Schäfer: Diese Schlussfolgerung würde ich nicht ziehen, nicht alle Ärzte sind Scharlatane. Aber man sollte wachsam sein, denn es gibt durchaus Vertreter im medizinischen Bereich, die Gewinne machen wollen oder tatsächlich selbst an abwegige Testmethoden glauben. Es kann sich also lohnen, eine Zweitmeinung einzuholen oder sich zum Beispiel beim Deutschen Allergie- und Asthmabund über Testmethoden zu informieren, bevor man so eine Untersuchung machen lässt.

Aber warum schränken sich manche denn freiwillig so stark ein, manche ohne sich überhaupt beim Arzt zu informieren?

Susanne Schäfer: Viele haben Beschwerden und suchen nach einer Erklärung. Darüber hinaus ist das eine Modeerscheinung. Gesundheit wird zu einem immer wichtigeren Thema, es ist gesellschaftlich erwünscht, sich stark damit auseinanderzusetzen und dafür auch auf manches zu verzichten, zum Beispiel auf Pommes oder Schokokuchen. Für solche Lebensmittel hat sich sogar das Wort Sünde durchgesetzt.

Aber es ist doch wünschenswert, dass sich viele mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen.

Susanne Schäfer: Auf jeden Fall. Ich plädiere auch nicht für Gleichgültigkeit, sondern für mehr Gelassenheit. Essen ist weder eine Bedrohung noch ein Allheilmittel.

Viele Hersteller versuchen aber durchaus ihre Lebensmittel mit Heilsversprechen an den Mann zu bringen.

Susanne Schäfer: Vor allem die „Frei von…“ Lebensmittel sind extrem mit solchen Versprechen aufgeladen. Davon sollte man sich nicht beeinflussen lassen. Die Lebensmittelindustrie verkauft laktose- und glutenfreies als ob es für jeden gut wäre. Da steht dann drauf „Für alle, die sich bewusst ernähren wollen“, obwohl Gesunde keinen Nutzen dadurch haben.

Ist es naiv an solche Versprechen zu glauben?

Susanne Schäfer: Nicht unbedingt, denn solche Mythen werden ja auch immer wieder öffentlichkeitswirksam gestärkt. Ein viel beachtetes Beispiel ist der Tennisspieler Novak Djokovic, der es nicht an die Weltspitze schaffte, bis ein Arzt ihm zum Verzicht auf Gluten riet. Von da an gewann er ein Spiel nach dem anderen. In seinem Buch „Siegernahrung“ empfahl er daraufhin jedem auf Gluten, Milchprodukte und möglichst auch Zucker zu verzichten. Dabei handelt es sich bei ihm um eine Einzelfallgeschichte. Es ist völlig unklar, ob ihm wirklich der Verzicht auf Gluten geholfen hat – und die Schlussfolgerung, dass auch anderen Menschen diese Diät etwas bringt, lässt sich schon gar nicht ziehen.

Die Angst vor dem Essen erklären Sie auch mit Entfremdung. Wie ist das gemeint?

Susanne Schäfer: Mit Fertiggerichten und Convenience Food haben viele den Bezug zum Essen verloren, sie müssen sich darauf verlassen, dass das was sie da fertig kaufen auch gut ist. Bei den Deutschen herrscht aber sehr wenig Vertrauen der Lebensmittelindustrie gegenüber.

Woran liegt das?

Susanne Schäfer: Durch Lebensmittelskandale wurde viel Vertrauen verspielt. Einige Ängste gab es aber auch schon immer, da spielen Zivilisationskritik und Misstrauen gegenüber dem Fortschritt auch eine Rolle. Übergroße pauschale Ängste sind aber unnötig.

Die Kritiker glauben also, dass früher alles besser war?

Susanne Schäfer: Einige haben diesen Glauben. Auf den ersten Blick klingt es ja auch plausibel, dass früher alles natürlich war, direkt vom Acker kam. Dass es deswegen besser war, ist aber eine Illusion. Im Mittelalter erkrankten die Menschen in Europa zahlreich am oft tödlichen sogenannten Antoniusfeuer. Die Krankheit wurde durch einen Pilz ausgelöst, der Getreidearten befällt, das giftige Mutterkorn. Heute wird das Saatgut beheizt, damit sich Pilze gar nicht erst bilden, und danach gereinigt und gesiebt, um mögliche Rückstände zu entfernen. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie sicher Lebensmittel heute sind.