Berlin –

„Frauengehirne sind flexibler“

Der Hirnforscher Ernst Pöppel hat herausgefunden, dass es Unterschiede im Zeitempfinden gibt

Berlin –.  Der deutsche Hirnforscher Ernst Pöppel ging nach seiner Emeritierung nach China, um dort Studenten auszubilden. Er bezeichnet es als „groben Unfug“, dass Deutschland das Potenzial und die Erfahrung der alten Wissenschaftler nicht nutzt. Anderenorts sind sie hochwillkommen. Dass Pöppel auch im Alter von 75 Jahren noch produktiv ist, zeigt seine jüngste Studie, die sich mit neurobiologischen Unterschieden von Mann und Frau befasst. Sie könnte erklären, warum die Kommunikation zwischen den Geschlechtern bisweilen schwierig ist.

Berliner Morgenpost: Sie lehren und forschen seit vielen Jahren in China. Gibt es eine östliche und westliche Art des wissenschaftlichen Arbeitens?

Ernst Pöppel: Durchaus. Im Westen ist die Arbeitsweise der Forscher analytischer. In China geht man gestalthafter an die Dinge heran. Man kann das auch als holistisch bezeichnen. In China ist die größte Herausforderung für einen Wissenschaftler aus dem Westen, diese uns fremde Art des Denkens zu verstehen. Man muss zunächst einmal gegenseitig akzeptieren, dass man anders zu denken gewohnt ist, wenn man erfolgreich miteinander kommunizieren möchte. Beide Denksysteme sind komplementär und ergänzen sich. Ich erlebe das als eine große Bereicherung.

Welche Schwäche des deutschen Wissenschaftssystems, das Sie ja inzwischen aus einer gewissen Distanz betrachten können, kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?

Wenn man, wie ich, ein älterer Wissenschaftler ist, hat man in Deutschland das Gefühl, im Wege zu stehen. Deshalb gehen viele emeritierte Professoren ins Ausland – die meisten in die USA. Andere zieht es in den Osten – nach China, Singapur oder auch Russland. Es ist wirklich ein grober Unfug, diese Kreativität nicht in Deutschland zu nutzen. In Japan kann man noch mit 60 eine neue Karriere beginnen. In Russland wird man als Wissenschaftler erst richtig ernst genommen, wenn man 80 ist. Und in China und Singapur fragt mich niemand nach meinem Alter, wenn ich dort als Wissenschaftler tätig bin.

Sie betreiben noch immer aktiv Forschung, publizieren in Fachzeitschriften und betreuen Doktoranden. Was sind Ihre jüngsten Forschungsergebnisse?

Ich interessiere mich nach wie vor für die zeitliche Informationsverarbeitung im Gehirn. Bereits vor Jahren konnte ich mit zahlreichen Studien zeigen, dass es beim Menschen ein Drei-Sekunden-Fenster der Wahrnehmung gibt. Alles, was innerhalb dieses Zeitfensters geschieht, wird subjektiv als Gegenwart erlebt. In China haben wir nun eine neue Methode entwickelt, um die Dauer dieses Zeitfensters direkt im menschlichen Gehirn zu messen. Das bisherige Wissen war ja nur von phänomenologischer Natur.

Haben Ihre Messungen die Existenz eines universellen Drei-Sekunden-Fensters der Wahrnehmung bestätigt?

Wir haben bei dieser Studie die Existenz des Drei-Sekunden-Fensters erstaunlicherweise nur bei Männern nachweisen können, nicht bei Frauen. Das kann aber eigentlich gar nicht sein, denn aus zahlreichen phänomenologischen Untersuchungen wissen wir ja, dass es ein solches Wahrnehmungsfenster weltweit bei allen Männern und Frauen gibt.

Dann bringen Sie diese Messungen also nicht weiter?

Das würde ich nicht sagen. Wenn wir das Ergebnis ernst nehmen, müssen wir versuchen, es zu erklären. Ich vermute, dass das Zeitfenster der Wahrnehmung bei Frauen eine größere Variabilität hat als bei Männern. Wenn es nicht – wie bei den Männern – immer ziemlich genau drei Sekunden lang ist, sondern deutlich um diesen Wert herum streut, dann lässt sich mit der von uns verwendeten Experimentiermethode das Drei-Sekunden-Messsignal nicht nachweisen. Der Vollständigkeit halber möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass wir diese Experimente ausschließlich mit Chinesinnen und Chinesen gemacht haben. Theoretisch könnte es durchaus sein, dass diese Ergebnisse nicht weltweit reproduzierbar sind. Wir müssen die Experimente noch mit anderen Ethnien wiederholen.

Was erwarten Sie?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich hier um ein generelles Phänomen handelt, das sich überall auf der Welt in gleicher Weise nachweisen lassen wird. Da dürfte ein genetisches Programm dahinterstecken.

Angenommen, Ihre Hypothese wäre richtig. Was würde daraus folgen?

Das würde bedeuten, dass es in Frauengehirnen eine größere zeitliche Flexibilität gibt. Das hat Konsequenzen für die interpersonale Kommunikation. Die zeitliche Organisation im Gehirn wäre also bei Männern statischer und bei den Frauen flexibler. Bei der Kommunikation miteinander stellt sich dann die Frage: Wie können sich die beiden Gehirne synchronisieren, damit eine Verständigung auch wirklich möglich ist?

Dann haben Sie möglicherweise eine Erklärung für den uralten Gemeinplatz gefunden, wonach sich Männer und Frauen niemals richtig verstehen können.

Wenn die Evolution bei Männern und Frauen eine unterschiedliche Flexibilität beim Drei-Sekunden-Fenster der Wahrnehmung eingerichtet hat, dann wird es dafür gute Gründe gegeben haben. Darüber will ich aber nicht spekulieren. Es ist ja auch nicht so, als wäre eine gute Kommunikation zwischen Mann und Frau grundsätzlich nicht möglich. Die Herstellung eines gemeinsamen neuronalen Zeitfensters in der Kommunikation ist offenbar möglich. Aber vielleicht gelingt nicht allen diese Synchronisierung gleich gut.

Was wäre die wichtigste Konsequenz, wenn sich Ihre Hypothesen als richtig herausstellen sollten?

Die wichtigsten Konsequenzen sehe ich bei der Optimierung der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Überall arbeiten Wissenschaftler an der Entwicklung von intelligenten Robotern, die auch in der Lage sein sollen, sich mit Menschen zu verständigen. Es geht also um die Frage, wie man den künstlichen Systemen die Kommunikation mit Menschen beibringen kann. Das menschliche Modell ist dabei bislang der junge männliche Ingenieur. Der hat eine bestimmte Art zu denken, und die könnte nach unseren Erkenntnissen nicht für alle Menschen optimal sein. Es wäre also sinnvoll, auch die weibliche Art des Kommunizierens bei der Programmierung zu berücksichtigen.

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