Tödliches Virus

Wie eine deutsche Helferin Ebola in Afrika bekämpft

Wie fühlt sich das Leben in Westafrika gerade an? Die Deutsche Unicef-Mitarbeiterin Rosmarie Jah arbeitet in Sierra Leone. Sie erzählt von ihrer Angst – und von dem großen Leid der betroffenen Kinder.

Foto: privat

Während in Deutschland der erste Ebola-Patient geheilt wurde, breitet sich das Virus in Westafrika weiter aus. Besonders betroffen sind davon auch Kinder. Nicht nur jene, die selbst unter der tödlichen Krankheit leiden, sondern auch die, deren Eltern an Ebola gestorben sind. Rosmarie Jah aus Nordrhein-Westfalen arbeitet seit zwei Jahren als Berichterstatterin für Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, in Sierra Leone.

Berliner Morgenpost: Wie fühlt sich das Leben in Sierra Leone gerade an?

Rosmarie Jah: Ebola bestimmt hier das öffentliche Leben. Man hört die Menschen im Supermarkt darüber reden, im Radio geht es um Ebola, außerdem sieht man immer mehr Krankenwagen, in denen Leute in Schutzkleidung fahren. Alle sehen, hören und fühlen, dass Ebola da ist. Als ich den ersten Fall in meiner Nachbarschaft mitbekommen habe, ging mir sofort der Puls hoch. Die Krankheit kam aus den Nachbarländern in die Provinzen und dann in die Hauptstadt. Jetzt ist sie ganz nah.

Versteht jeder im Land, was Ebola ist?

Als es die ersten Fälle gab, haben viele Menschen nicht wirklich glauben können, dass Ebola im Land ist. Erst als der Präsident von Sierra Leone deutlich gesagt hat „Ebola is real“ – Ebola gibt es wirklich – hat sich das langsam geändert. Noch immer kennen viele Menschen aber die Symptome nicht und wissen nicht, wie sie sich schützen können.

Wie können Sie aufklären?

Aufklärung ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Der Kampf gegen Ebola wird zwar auch medizinisch geführt, kann aber nur in den Häusern der Menschen gewonnen werden. Kürzlich hat die Regierung mit Unicef und anderen Organisationen in einer Tür-zu-Tür-Kampagne jede Familie zu Hause besucht und mit ihr über Ebola gesprochen.

Ein großer Teil Ihrer Aufklärungsmaßnahmen betrifft Kinder.

Ja, wir versuchen, sie vor Diskriminierung und Stigmatisierung zu schützen. Viele Menschen sind sehr zurückhaltend gegenüber den Kindern, die durch Ebola zu Waisen geworden sind oder selbst die Krankheit überlebt haben. Wir müssen den Menschen in Sierra Leone klar machen, dass die Überlebenden kein Risiko für die Gesellschaft darstellen. Neuerdings verteilen wir Überlebenszertifikate, die die Betroffenen vorzeigen können.

Wie viele Kinder sind in Sierra Leone von Ebola betroffen?

Etwa 22 Prozent der bestätigten Ebola-Fälle sind Kinder, also derzeit rund 440. Sie leiden dabei nicht nur körperlich unter ihrer Krankheit, sie haben auch große Angst. Sie sind allein, völlig isoliert und die einzigen Menschen, die zu ihnen kommen, sind Ärzte in unheimlichen Schutzanzügen. Hier versuchen wir, vor allem psychologisch zu arbeiten. Es gibt aber noch viel mehr betroffene Kinder, etwa jene, die unter Quarantäne stehen oder Kinder, die wegen Ebola zu Waisen geworden sind und nun ganz allein dastehen. Unicef bringt nicht nur Notfalllieferungen mit Medikamenten und Schutzanzügen ins Land, sondern wir helfen auch, dass die Kinder Obhut finden.

Bereits jetzt ist klar, dass Ebola auch die Wirtschaft in Westafrika bedroht. Das gefährdet die Kinder ebenfalls.

Ja, die Bevölkerung in Sierra Leone ist relativ jung. 3,12 Millionen Menschen, also fast die Hälfte, sind Kinder. Ihre langfristige Gesundheitsversorgung, die Versorgung mit Nahrung oder ihre Bildung sind durch Ebola massiv bedroht. Gerade sind alle Schulen im Land geschlossen. Das ist in einem Land, wo die Bildungsrate ohnehin niedrig ist, fatal.

Derzeit laufen die ersten Hilfsflüge aus Deutschland nach Westafrika. Kommt die internationale Hilfe aus Ihrer Sicht zu spät?

Die Situation wurde anfangs unterschätzt. Man dachte fälschlicherweise, dass dieser Ausbruch leicht unter Kontrolle zu bringen sei und hat so wertvolle Zeit verloren. Es ist nicht möglich, dass Sierra Leone die Krise ohne internationale Hilfe bewältigt. Das Gesundheitssystem war schon vorher schwach und kommt jetzt an seine Grenzen. Auf 33.000 Menschen kommt nur ein Arzt und Spenden sind dringend notwendig.

Wie geht es Ihnen persönlich? Haben Sie große Angst, sich zu infizieren?

Ich habe auf jeden Fall Angst. Der schlimmste Moment war für mich, als ich nach einer längeren Dienstreise nach New York Ende Juli zurück nach Sierra Leone geflogen bin. Die eigentlich geplante Maschine habe ich bewusst verpasst, ich konnte mich nicht überwinden. Als ich noch eine Nacht drüber geschlafen habe, bin ich dann geflogen. Das Flugzeug war fast leer und die Passagiere und die Crew unglaublich angespannt. In mir kam die Frage hoch: Was mache ich eigentlich hier? Alle wollen der Gefahr entfliehen und ich bin direkt auf dem Weg dorthin.

Und jetzt leben Sie jeden Tag mit der Gefahr.

Ja. Ebola ist unheimlich, weil die Krankheit ein unsichtbarer Gegner ist. Man kann Ebola nicht fassen, aber es umgibt einen ständig. Und der Gedanke, was passieren könnte, ist schockierend. Jeder weiß, wie schwer es ist, Ebola zu überleben.

Wie lange werden Sie in Sierra Leone bleiben?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Ich bekomme jeden Tag einen Anruf von meinen Eltern, die sich große Sorgen machen und wissen wollen, wie es mir geht. Aber die Menschen in Sierra Leone brauchen unsere Hilfe, ohne geht es nicht. Mein Vater sagt: „Jede Gabe ist eine Aufgabe.“ Dementsprechend versuche ich alles, was ich an Positivem im Leben empfangen habe, an andere weiterzugeben. Wir haben ein tolles Team bei Unicef in Sierra Leone. Wir versuchen, von Tag zu Tag zu leben und unser Bestes zu geben.

Spendenkonto Unicef:

Konto 300 000,

Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00,

Stichwort: Ebola-Virus.